Auszeichnung Träger der Erinnerung

Abba Naor mit Bayerns Ministerpräsident Markus Söder in der Münchner Residenz.

(Foto: Bayerische Staatskanzlei/oh)

Der Shoah-Überlebende Abba Naor erhält den Bayerischen Verdienstorden. Als Zeitzeuge hat er den Weg gewiesen für eine Auseinandersetzung mit der Nazi-Zeit

Von Helmut Zeller, Dachau/München

Der prächtige Renaissancesaal, das Antiquarium der Münchner Residenz, gefällt Abba Naor. Die vielleicht beeindruckendste Entdeckung dieses Tages jedoch hat der 90 Jahre alte Israeli, der die Shoah überlebte, schon auf dem Weg zur Ordensverleihung gemacht. Ein paar Schritte von seinem Hotel entfernt, an der Ecke Schillerstraße und Bayerstraße, glänzt im gepflasterten Gehweg ein Stolperstein. Er erinnert an Helene Simons, Jahrgang 1879, die 1941 nach Kaunas deportiert und am 25. November ermordet worden ist. Doch viel Erinnerung ist nicht, weil die Passanten achtlos auf den Stolperstein treten und weiter eilen. Aus dem litauischen Kaunas stammt Abba Naor. Er war 13, als er im Sommer in das Ghetto getrieben wurde. Abba Naor sieht sie heute noch: die lange Kolonne erschöpfter, ahnungsloser Menschen mit Koffern, die im November am Ghettozaun vorbei zog - viele Juden aus München darunter, die im Fort IX erschossen wurden.

Ministerpräsident Markus Söder (CSU) ehrt an diesem Tag 64 Frauen und Männer mit dem Bayerischen Verdienstorden. Kommunalpolitiker, Kabarettisten, viele sozial Engagierte, Wissenschaftler - darunter auch eine Kammersängerin, ein Präsident des Sparkassenverbandes, eine Regionalbischöfin und der Shoah-Überlebende Abba Naor. Sie bekommen, wie Söder sagt, den exklusivsten Orden, wie ja auch das Land, das ihn vergibt, das exklusivste ist. Dank solcher engagierter Menschen, die der Reihe nach mit dem Ministerpräsidenten im Blitzlichtgewitter der Kameras für ein Foto posieren, sei Bayern groß geworden.

Abba Naor bekommt die Auszeichnung natürlich nicht für sein Überleben, wenngleich schon das, obwohl auch von Glück und Umständen abhängig, ein durchaus zu ehrender Akt des Widerstandes gegen die Vernichtungspolitik Deutschlands wäre. "Als Zeitzeuge der Shoah hat Abba Naor den Weg gewiesen für eine fruchtbare Auseinandersetzung mit der jüngeren Vergangenheit, für Versöhnung, Völkerverständigung und Freundschaft", heißt es in der Laudatio auf ihn. Unzähligen Schulklassen, aber auch Erwachsenen erzählt er seine Geschichte. Er vertritt im Stiftungsrat der bayerischen Gedenkstättenstiftung die Überlebenden der Dachauer KZ-Außenlager bei Landsberg/Kaufering. Er hat den jährlichen deutsch-israelischen Schüleraustausch initiiert und folgte 2017 dem verstorbenen Auschwitz-Überlebenden Max Mannheimer als Vizepräsident des Comité International de Dachau nach. Abba Naor habe sich in den vergangenen drei Jahrzehnten in allen Bereichen für die Erinnerung engagiert.

Abba Naor betont immer die Bedeutung der Erinnerung für die Gesellschaft - ihre Zukunft. Er müsse sich nicht erinnern: Wie könnte er oder ein anderer Überlebender des Massenmordes auch vergessen. Abba Naors älterer Bruder Chaim wurde in Kaunas erschossen, sein sechsjähriger Bruder zusammen mit der Mutter in Auschwitz-Birkenau vergast. Jeden Tag - und es sind doch schon mehr als 70 Jahre vergangen - ziehen die Bilder herauf: das Ghetto, das KZ Stutthof - und "zuletzt im Außenlager Utting des Lagers Kaufering". Aber das mit der Erinnerung ist so eine Sache: Utting war, anders als es in der Laudatio geschrieben steht, ein Außenlager von Dachau wie das Lager Kaufering I, in dem Abba Naor zuletzt war - vor dem Todesmarsch.

Das ist auch genau die große Sorge von Abba Naor, dass einmal, wenn die Zeitzeugen nicht mehr leben, es noch ein bisschen mehr durcheinander gehen könnte mit den historischen Fakten. Ganz zu schweigen von den Rechtspopulisten und wieder lautstark auftretenden Antisemiten, die sich das Geschichtsbild ohnehin zurechtbiegen, wie es ihnen gerade passt. Aber das gehört vielleicht nicht hierher, in die festliche Atmosphäre der Preisverleihung. Abba Naor betrachtet den Orden, der am weißblauen Band um seinen Hals hängt, und sagt: "Darauf bin ich stolz."

Im Festvortrag des BR-Intendanten Ulrich Wilhelm ist von der "jüngeren Vergangenheit" kaum die Rede, er greift weit zurück, bis Tassilo oder so und wird dann politisch sehr aktuell: der italienische Einfluss auf den Barock, der böhmische auf die Blasmusik - von einem Bayern als "Schmelztiegel" ist die Rede und - "dieses Land ist ein offenes System". Bayerische Geschichte ist seit dem Mittelalter auch jüdische Geschichte, bis sie dann nach Pogromen und Vertreibungen schließlich im nationalsozialistischen Massenmord an den Juden abgebrochen wurde. Abba Naor wird noch über die Konzertsängerin Helene Simons forschen. Wegen der Erinnerung.