Ausstellung Die schöne und dunkle Seite

Korbinian Aigner wurde "Apfelpfarrer" genannt, weil er in Hohenbercha seltene Sorten züchtete und sie in detaillierten Aquarellen festhielt.

(Foto: TU München/oh)

TU München erinnert zum 50. Todestag von Pfarrer Korbinian Aigner an dessen NS-Widerstand. Sie zeigt seine wunderbaren Porträts von Äpfeln und Birnen in der Alten Akademie in Freising

Von Katharina Aurich, Dachau/Freising

München - 8. November 1939: Im Münchner Bürgerbräukeller lässt der Schreiner Georg Elser eine selbst gebastelte Bombe hochgehen, um Adolf Hitler zu töten, doch der "Führer" entkommt um Haaresbreite. Der Münchner Kardinal Michael Faulhaber gratuliert dem Reichskanzler in einem Telegramm zur "glücklichen Rettung". Landpfarrer Korbinian Aigner hat seine eigene Meinung zu dem Anschlag und tut sie auch kund: Im Religionsunterricht denkt er laut darüber nach, ob durch ein erfolgreiches Attentat "vielleicht eine Million Menschen gerettet worden" wären. Er wird denunziert und landet im Konzentrationslager Dachau. In Dachau, wo die Nazis nach der Entfesselung ihres Angriffskrieges Priester aus ganz Europa internieren, geht es auch für den Pfarrer von Hohenbercha ums Überleben.

Seit jungen Jahren hat der Bauernsohn eine Leidenschaft für Obstbau, die ihm nun zugutekommt. Treue Seelen aus seiner Gemeinde bringen dem Häftling Äpfel ins Lager, die nicht nur seine kümmerliche Essensration aufbessern. Die Kerne setzt Aigner zwischen den Baracken heimlich in die Erde. Und die Saat geht tatsächlich auf. In den letzten Kriegsmonaten sind die Pflänzchen einen knappen halben Meter hoch. Wie die Stecklinge aus dem KZ gelangen, ist bis heute nicht zweifelsfrei geklärt. Doch der Pfarrer kann bei einem Todesmarsch fliehen und nach seiner Rückkehr in Hohenbercha das Schmuggelgut in Empfang nehmen. Vier Sämlinge bleiben übrig und reifen in seinem Garten heran. Aigner nennt die neuen Sorten schlicht KZ-1, KZ-2, KZ-3 und KZ-4.

Sagenhafte 250 Apfel- und Birnensorten hat der sogenannte "Apfelpfarrer" Korbinian Aigner mit seinen rund 900 kunstvollen farbigen Zeichnungen dokumentiert. Wer bisher meinte, es gäbe nur Golden Delicious, Elstar oder Jonathan, wird im Asamsaal am Wissenschaftszentrum Weihenstephan der Technischen Universität München (TUM) in Freising eines Besseren belehrt: Äpfel und Birnen, das ist eine unglaubliche Vielfalt an Sorten und natürlich auch an Geschmack.

Viele Sorten sind heute verschwunden. Ihnen, den heute unbekannten Köstlichkeiten, sowie ihrem Bewahrer und Künstler, dem Pfarrer Aigner, der vor 50 Jahren starb, setzt die TUM nun mit einer Ausstellung und einem großformatigen Bildband ein bemerkenswertes Denkmal - gegen das Vergessen. Pfarrer Aigner war aber nicht nur Geistlicher und leidenschaftlicher Züchter, sondern auch ein Bildender Künstler. Davon zeugen seine kleinformatigen Bilder, auf denen genauestens verschiedene Apfel- und Birnensorten dokumentiert sind, die auch heute noch zur Bestimmung herangezogen werden und bereits weltweit in Kunstmuseen ausgestellt waren.

Der bemerkenswerte Pfarrer wurde als Ältester von elf Kindern in Hohenpolding im heutigen Landkreis Erding geboren und besuchte das Domgymnasium in Freising. Hier ging er auch zum Priesterseminar und wurde 1911 zum Priester geweiht. Nach verschiedenen Stationen kam er schließlich als Pfarrer 1937 nach Hohenbercha, heute ein Ortsteil von Kranzberg im Landkreis Freising. Nach dem Krieg war er bis 1966 Pfarrer in dem Ort.

Der Nachlass Aigners wird heute beim Lehrstuhl für Obstbau der TUM verwahrt. Weihbischof Bernhard Haßlberger vom Erzbistum München und Freising betonte anlässlich der Ausstellungseröffnung, dass Aigner auch heute noch, 50 Jahre nach seinem Tod, ein Beispiel dafür sei, nicht nur die Schöpfung zu bewahren und zu lieben, sondern auch den Mund aufzumachen, wenn Unrecht geschehe. TUM-Präsident Wolfgang A. Herrmann pflanzte gemeinsam mit Haßlberger vor der Alten Akademie in Freising einen Korbiniansapfelbaum.

Schon als Theologiestudent hatte Aigner einen Obstbauverein gegründet und sich im Laufe der Zeit einen Ruf als Sortenkenner erworben, doch das Züchten war an sich nicht sein Metier. Dass er später tatsächlich "seine" KZ-Äpfel ernten konnte, erschien ihm selbst als Wunder. "Normalerweise braucht man dazu ein Institut mit zehn Leuten und zehn Jahre Arbeit", sagte sein Biograf Peter J. Brenner der KNA. Und dass es sich beim Ausbringen der Apfelkerne eher um einen Verzweiflungsakt gehandelt habe als um die zielstrebige Tat eines Agrarpioniers.

1985 wäre Aigner 100 Jahre alt geworden. Um ihn zu ehren, sorgten Freunde dafür, dass die Sorte KZ-3 seinen Namen erhielt: Der Korbiniansapfel hat festes Fleisch, schmeckt leicht säuerlich und ist gut lagerbar bis ins Frühjahr. Im Erdinger Land, woher Aigner stammt und wo er die längste Zeit als Priester tätig war, wird die Frucht bis heute angebaut. Nie wäre Aigner eingefallen, eine Obstsorte nach sich selbst zu benennen. Da ist sich Brenner sicher. Auch das Etikett "Apfelpfarrer" habe der Priester nicht gemocht. Schließlich habe der sich als Seelsorger verstanden und sein Wissen über Obst für den "Dienst an der Schöpfung" eingesetzt, etwa in der Schule oder bei Vorträgen vor Landfrauen.

Seine Vorgesetzten haben das, wie aus kirchlichen Zeugnissen hervorgeht, lange nicht verstanden. Außer dem Korbiniansapfel hat Aigner noch ein weiteres Erbe hinterlassen: Fast 60 Jahre lang malte er mit Wasserfarben natur- und maßstabsgetreu Äpfel und Birnen auf selbst ausgeschnittene Kartons im Postkartenformat - ohne künstlerische Ambitionen. Die Sammlung, in der er mehrere hundert Sorten mit ihren unterschiedlichen Merkmalen festhielt, diente ihm als Nachschlagewerk und Anschauungsmaterial. Er verfügte, dass die Aquarelle dem Lehrstuhl für Obstbau der Technischen Universität München (TUM) in Weihenstephan übergeben werden sollten. Von dort wanderten die Bilder ins TUM- Archiv, das heute von Peter J. Brenner geleitet wird.

Zunächst wurden die Bilder nur ab und zu auf regionalen Schauen von Gartenvereinen gezeigt. Dann interessierten sich die Macher der documenta 13 in Kassel für sie und machten sie 2012 auf einen Schlag berühmt. Seither werden Aigners Äpfel und Birnen in alle Welt verliehen, von Warschau bis New York. Kuratoren rücken das Werk in die Nähe avantgardistischer Konzeptkunst. Auch darüber hätte sich der bayerische Dorfgeistliche sehr gewundert. Am 5. Oktober vor 50 Jahren ist der Naturliebhaber im Alter von 81 Jahren in Freising gestorben.

Peter J. Brenner: "Korbinian Aigner. Ein bayerischer Pfarrer zwischen Kirche, Obstgarten und Konzentrationslager, Thalhofen. Judith Schalansky: "Korbinian Aigner, Äpfel und Birnen. Das Gesamtwerk", Reihe Naturkunden, Matthes & Seitz, 512 Seiten, 910 Abbildungen, 98 Euro. Noch bis einschließlich Sonntag, 16. Oktober, ist die Ausstellung "Äpfel und Birnen. Die Obstbildersammlung des Pfarrers" in der Alten Akademie in Freising/Weihenstephan: Täglich elf bis 17 Uhr, donnerstags bis 19 Uhr.