Aufsatzwettbewerb Horror beim Schreiben

NS-Verfolgte erzählten der Harvard-University vom Terror - unter anderem ihrer Leidenszeit im KZ Dachau.

Von Viktoria Großmann

Häftlinge bei schweren Arbeiten im Dachauer KZ.

Maximilian Georg Koganowski wird in einer Nacht im Herbst 1938 von SS und Gestapo aus seiner Wohnung in Wien geholt. Er muss zunächst einige Tage meist stehend in einem provisorischen Gefängnis in Wien aushalten, dann wird er mit anderen in einem Zug nach Dachau transportiert. Als er dort angekommen ist, leidet er nicht nur Hunger und Schlafentzug, er wurde auch bereits mehrmals so verprügelt, dass er schwere Wunden davon getragen hat. Schon in Wien hatte es die ersten Toten gegeben, auf dem Transport waren weitere Männer vor Erschöpfung gestorben oder erschossen worden. Doch selbst angesichts seiner deutschen Misshandler, denkt er, wie er später schreibt, als der Zug in München hält "mit Wehmut an diese liebe Stadt, in der ich als Kind eine sehr glückliche Zeit verbrachte".

Im Sommer 1939 lobt die Harvard University im US-amerikanischen Cambridge, Massachusetts, einen Aufsatzwettbewerb aus. Es gehen Einsendungen aus der ganzen Welt ein. Neben den USA aus Südamerika, Südafrika, Shanghai und Australien. In diesen und vielen anderen Teilen der Welt haben Juden und andere Verfolgte des Nationalsozialismus Zuflucht gefunden. Das Thema des Aufsatzes lautet: Mein Leben in Deutschland vor und nach dem 30. Januar 1933. Zu "Deutschland" gehört 1939 auch Österreich. Bei der Harvard University gehen zwischen August 1939 und April 1940 etwa 300 Texte ein, darunter 41 von Österreichern. Die Flüchtlinge beschreiben, was ihnen geschah, noch aus dem Kurzzeitgedächtnis: Das klingt bei manchen atemlos, andere berichten im Protokollstil, detailliert, als versuchten sie die Erinnerung ins Papier zu hämmern.

Nun, sieben Jahrzehnte später, haben die Publizisten Margarete Limberg und Hubert Rübsaat diese Texte ausgewertet und durchgesehen. Sie arbeiteten schon früher zusammen, etwa für "Sie durften nicht mehr Deutsche sein, Jüdischer Alltag in Selbstzeugnissen". Für ihr Buch "Nach dem ,Anschluss'" haben sie 17 der österreichischen Aufsätze ausgewählt, die meisten der Autoren und vier Autorinnen sind Wiener Juden wie Maximilian Georg Koganowski, aber auch der Ehemann einer Jüdin ist darunter, eine Amerikanerin, die in Wien Englisch unterrichtete, und der kaisertreue, katholische Ressortchef der Reichspost, der im Buch die "Hölle von Dachau" beschreibt.

Koganowski muss in den überfüllten Baracken des Konzentrationslagers Dachau einige Monate fristen. Merklich um Fassung und Distanz bemüht, beschreibt er das sinnlose Marschieren durch die Lagerstraße und die Lagergassen, das endlose Appellstehen bei Minusgraden, die schlechte Kost, Krankheiten und Erschöpfung. Der Horror ergreift ihn beim Schreiben: "Denn man verroht im Lager und erst nachher, viele Monate später, packt einen das Grauen vor diesen Dingen", berichtet er. Koganowski zieht sich in die Ironie zurück, gibt die Kommandos der Blockführer auf berlinerisch und auf bayerisch wieder. Er versucht, zu analysieren, das System zu durchschauen und warnt (1939!) vor jenem "fast wissenschaftlichen System von Torturen". Aus seinem Exil in den USA fragt er sich bang, wie weit sich wohl die Essensversorgung der Häftlinge mit Kriegsbeginn noch verschlechtert haben mag.

Diese Texte - des Beamten Koganowski, des jüdischstämmigen Anwalts Stephen W. Jaray, der wenige Monate vor Koganowski in Dachau angekommen war oder der Englischlehrerin Miriam Arrington, die verzweifelt versucht, für jeden ihrer Wiener Schüler Ausreisegenehmigungen zu bekommen - sind deshalb so aufwühlend, weil sie unmittelbar sind. Sie erwecken den Eindruck, es könne noch etwas getan, etwas verhindert oder aufgehalten werden. Immerhin wurden diese Berichte aus den Konzentrationslagern und vom alltäglichen Rauben und Morden zum Teil noch vor Kriegsbeginn bekannt. Trotzdem setzte sich immer weiter fort, was jeder der Autoren mit Entsetzen beschreibt: Es kam immer noch schlimmer und noch brutaler.

Im Archiv der Harvard University liegt mit diesen Aufsätzen ein großer Schatz, und es ist ein Glück, dass Limberg und Rübsaat ihn 76 Jahre nach dem sogenannten "Anschluss" Österreichs an das nationalsozialistische Reich und 75 Jahre nach Kriegsbeginn zumindest zu einem kleinen Teil der Öffentlichkeit zugänglich machen. Das Buch wäre noch besser zu handhaben, wenn die Lektoren sich um ein Orts- und Namensverzeichnis bemüht hätten. So beschreibt Stephen W. Jaray außer dem KZ Dachau auch das KZ Buchenwald sowie eine Begegnung mit dem Wiener Schauspieler Paul Morgan, der mit ihm im selben Deportationszug nach Dachau saß und dort im KZ auch starb. Davon abgesehen leisten die Autoren mit ihrem vergleichsweise schmalen Buch, auch durch die kritische historische Einführung von Wilfried R. Garscha, einen sehr anschaulichen Beitrag zum Verständnis der Rolle Österreichs im Nationalsozialismus und bei der Judenverfolgung.

Die Amerikanerin Miriam Arrington schreibt in ihrem Beitrag : "Ich weiß nicht, was aus dem berühmten Wiener Humor wird, wenn sie (gemeint sind die jüdischen Bürger/ d. Red.) nicht mehr da sind." Die meisten der Beiträge machen deutlich: Den Verlust der Unabhängigkeit ihres Staates mögen viele Österreicher den Deutschen 1938 übel genommen haben, die Vertreibung der Juden aber nicht. Am Abend des 11. März 1938 hatte der diktatorisch regierende österreichische Bundeskanzler Kurt Schuschnigg um 19.47 Uhr sich in einer Radioansprache von seinem Volk verabschiedet: Er "weiche vor der Gewalt" und wolle kein "deutsches Blut" vergießen. Noch im selben Jahr werden 6000 Wiener Juden ins Konzentrationslager Dachau deportiert. Hinzu kommen politische Häftlinge. Unter ihnen der Faschist Kurt Schuschnigg.

Margarete Limberg, Hubert Rübsaat (Hg.): Nach dem "Anschluss", Berichte österreichischer EmigrantInnen aus dem Archiv der Harvard University. Erschienen im Mandelbaum Verlag, Wien. Das Buch hat 304 Seiten und kostet 24,90 Euro.