Auschwitz-Überlebender Maurice Cling Immer weiter kämpfen

Der KZ-Überlebende Maurice Cling erzählt.

(Foto: Toni Heigl)

Seit sechzig Jahren kämpft der Franzose gegen das Vergessen an. Er hat Auschwitz, zwei Todesmärsche und das Konzentrationslager in Dachau überlebt.

Von Jeannette Oholi

Die Rückkehr nach Paris, die Stadt seiner Kindheit, war unvorstellbar schwer für Maurice Cling. Er schaffte es nicht gleich am ersten Tag, die Wohnung seiner ermordeten Familie zu betreten. "Ich hatte zu viel Angst davor, dass die Wohnung leer sein würde." Als einziger seiner vierköpfigen Familie überlebte er den Zweiten Weltkrieg. Seit sechzig Jahren bewahrt er die Erinnerung und berichtet als Zeitzeuge von seinen Erlebnissen. So auch in der Veranstaltungsreihe "Dachauer Zeitzeugengespräch" der KZ-Gedenkstätte.

Die Kinder verstehen nicht, was passiert

Maurice Cling, Jahrgang 1929, wächst behütet in einer jüdischen Familie in Paris auf. Als die ersten deutschen Truppen Paris erreichen, ist Cling noch ein Kind. Er ist beeindruckt von den deutschen Soldaten. "Im Gegensatz zu uns waren sie gut genährt." Rückblickend erkennt der heute 86-Jährige, wie geschickt sich die Deutschen in Paris verhalten hätten. "Sie haben Kinder auf dem Arm getragen und ihnen Bonbons geschenkt. Wir konnten nicht ahnen, was danach kommen würde." Radios müssen abgegeben werden, öffentliche Plätze sind für Juden verboten. Im Mai 1944 wird die Familie verhaftet. Da ist Cling gerade einmal 15 Jahre alt. Vom berüchtigten Sammellager Drancy, werden Maurice Cling, sein Bruder und die Eltern mit Zügen nach "Osten" deportiert. Die Kinder verstehen nicht, was passiert. "Wir waren in der Familie. Für uns Kinder war das wie ein Ausflug. Wir sangen, lachten und tanzten." Die Ängste der Eltern hätten sie zwar mitbekommen, aber nicht verstanden. Dann die Ankunft in Auschwitz. "Es war ein sonniger Tag mit blauem Himmel", erinnert sich Cling. "Es gab Geschrei der Deutschen und dann wurden die Menschen in Frauen und Kinder und Männer aufgeteilt." Maurice Clings Eltern werden gleich nach der Ankunft ermordet. Er und sein Bruder werden als "Arbeitskraft" eingestuft, obwohl auch sie sehr geschwächt sind. Mitglieder der Résistance helfen Maurice Cling, schützten ihn vor Kälte und Hunger, und versteckten ihn zeitweise in einer Baracke, die als Krankenlager dient.

Jeden Tag muss Maurice die schwere Arbeit im Latrinenräumkommando verrichten. In einer Oktobernacht wird der Bruder von der SS abgeholt, da er mittlerweile zu schwach zum Arbeiten ist. Auch er wird ermordet.

Später arbeitet er als Publizist und Professor für Anglistik an der Sorbonne

Im Januar 1945 soll das Lager schließlich geräumt worden. Maurice Cling und die anderen Häftlinge werden auf einen Todesmarsch gezwungen. "Wir haben die Kanonen der Roten Armee hinter uns gehört, mussten aber weiterlaufen, weil wir sonst erschossen worden wären." Von Groß-Rosen, einem anderen Konzentrationslager in Polen, werden die Häftlinge mit Zügen, die eigentlich zum Verladen von Kohle bestimmt sind, in das KZ Dachau deportiert. Völlig entkräftet und schwer erkrankt, erfährt Cling auch hier die Solidarität anderer Häftlinge, die ihm Essen geben und ihn zu beschützen versuchen. Nach mehreren Wochen wird er auf einen zweiten Todesmarsch gezwungen. In Mittenwald übernachtet die Gruppe am Ufer eines Gebirgsbaches und am nächsten Tag sind die SS-Wärter verschwunden. "Die Amerikaner waren schon überall." Maurice Cling und die anderen Häftlinge werden von ihnen in Empfang genommen, versorgt, und erreichen schließlich die französische Armee. Cling kehrt nach Paris zurück und trifft einen Teil seiner Verwandtschaft wieder. Nach einem Aufenthalt in einem Sanatorium beginnt der junge Mann ein Studium. Später arbeitet er als Publizist und Professor für Anglistik an der Pariser Universität Sorbonne. Als Überlebender sieht er sich in der Pflicht, die Erinnerung aufrecht zu erhalten. "Seit 60 Jahren kämpfe ich dafür und ich kämpfe immer weiter. Für alle, die mir geholfen haben und schon gestorben sind."