19. September 2017, 17:05 Proteste am Krankenhaus "Wenn ich zwei Notfälle gleichzeitig habe, stirbt einer"

Pflegekräfte schildern beim Warnstreik auf drastische Weise die personelle Lage an den Kliniken von Helios in Dachau und Indersdorf. Der Betriebsrat hat 2017 nach eigenen Angaben 299 Gefährdungsanzeigen vorgelegt, weil Leib und Leben von Patienten bedroht sind

Von Gregor Schiegl

Mehr als 100 Beschäftigte an den Kliniken in Dachau und Indersdorf haben am Dienstag die Arbeit niedergelegt, um gegen die Personalnot in der Pflege und für bessere Arbeitsbedingungen zu demonstrieren. Aufgerufen zu der Kundgebung hatte die Dienstleistungsgewerkschaft Verdi. "Wehrt euch!", rief Gewerkschaftsvertreter Christian Reischl den mit Trillerpfeifen lärmenden Mitarbeitern zu. "Kämpft für eure Interessen." An beiden Standorten gab es am Dienstag nur eine Notversorgung. Bundesweit wurde an mehreren Kliniken die Arbeit niedergelegt.

Vor dem Dachauer Klinikum demonstrieren Pflegekräfte für bessere Arbeitsbedingungen.

(Foto: Toni Heigl)

Mitte August hatten Vertreter von Arbeitgebern und Arbeitnehmern die erste neue Tarifrunde gestartet. Streitpunkt ist vor allem die von vielen Mitarbeitern als unzureichend kritisierte Personalsituation, insbesondere bei den Pflegern. In manchen Schichten müssen sich zwei Kräfte um 70 Patienten kümmern, darunter auch schwerste Pflegefälle. Für Pausen bleibt oft keine Zeit, die Krankenstände sind hoch: Burn-out. Solche Klagen gab es schon zu Zeiten von Claus-Dieter Moebs. Er war 26 Jahre lang Betriebsrat am Dachauer Klinikum. Doch mit der Übernahme durch Helios habe sich die Situation noch einmal "massiv verschärft". Der Konzern erwirtschafte seine Millionenumsätze auf dem Rücken der Mitarbeiter, kritisiert er. Und der Druck wächst.

"Die Qualifizierten gehen alle weg"

Viele Angestellte sehen sich inzwischen nicht mal mehr imstande, unter dem Druck noch das zu leisten, was medizinisch notwendig wäre. Die neue Betriebsratsvorsitzende Annett Götze verzeichnet für dieses Jahr bereits 299 Gefährdungsanzeigen von Klinikmitarbeitern, vorrangig aus der Pflege. Diese Anzeigen sind vorgeschrieben, wenn sich arbeitsbedingt Situationen ergeben, die Leib und Leben eines Patienten gefährden können. "Das sind die Realitäten", sagt Götze. "Das kann man nicht so einfach wegdiskutieren." Auf die Klinikleitung scheinen die Anzeigen aber wenig Eindruck zu machen. "Das interessiert hier keinen." Die Stimmung ist am Tiefpunkt, und Claus-Dieter Moebs fürchtet bereits um die Zukunft des Standorts Dachau. "Die Qualifizierten gehen alle weg, und ein Drittel bis ein Viertel hat innerlich schon gekündigt."

Helios verweist auf die Politik

Der zentrale Streitpunkt in der Tarifauseinandersetzung ist die Forderung nach Mindeststandards der Pflege und des Personals pro Abteilung. Möglich wäre das. An der Berliner Charité gibt es bereits eine entsprechende Vereinbarung. Aber Helios verweist auf die Politik: Krankenkassen und Krankenhausgesellschaften arbeiten ein Konzept für einen Pflegeschlüssel aus, 2019 soll es vorliegen. Für Gewerkschaftler Christian Reischl ist das inakzeptabel. "Wir wissen ja gar nicht, was in diesem Gesetz drinstehen wird", sagte er. "Wir brauchen Lösungen jetzt, nicht erst 2019."

Autofahrer werden aufgefordert, sich mit den Beschäftigten der Amperkliniken zu solidarisieren. Viele kommen der Aufforderung nach.

(Foto: Toni Heigl)

Die anderen beiden Forderungen sind weniger konfliktträchtig. Über eine bessere Eingruppierung bei den Pflegeberufen beraten bereits Arbeitsgruppen, das war schon bei den Tarifverhandlungen 2016 so festgelegt worden. Auch bei den Löhnen hat Helios ein Angebot vorgelegt: 3,5 Prozent mehr, verteilt über drei Jahre. Reischl ist das zu wenig. "Das entspricht im Schnitt nicht mal der Inflationsrate." Reischl rechnet hier trotzdem noch mit einem "verhandlungsfähigen Ergebnis".

Aber der Klinikalltag sei frustrierend

Dafür sind die Fronten beim Personalschlüssel völlig verhärtet. Überraschend stattet Helios-Geschäftsführer Thomas Eberl den Demonstranten einen Besuch ab, kurz, durchaus freundlich, aber auch recht unverbindlich. Als sie ihn fragen, ob er denn ein Angebot mitgebracht habe, sagt er nur: "Das ist noch viel zu früh." Immerhin eine alte Dame, die zufällig an der Kundgebung vorbeispaziert kommt, haben die Demonstranten überzeugt. "Ja, das unterstütze ich!", ruft sie. "Das ist ja auch im Sinne der Patienten."

Ein passendes Gefahrenverkehrszeichen der Gewerkschaft zeigt, worum es den Demonstranten geht.

(Foto: Toni Heigl)

Die Pflegekräfte schildern ihre Situation dramatisch. "Eigentlich ist das ein toller Beruf", sagt eine junge Frau. Aber der Klinikalltag sei frustrierend. "Man hat fast nie Zeit, das Erlernte qualitativ auch gut umzusetzen." Für ein aufmunterndes Gespräch mit einsamen Patienten bleibt keine Zeit, auch Gesundheitsberatung und Rehabilitation kämen oft zu kurz, klagen die Pfleger. Die Zeit reicht meist gerade noch, um die Patienten "warm, sauber und satt" zu halten. Und selbst das klappe nur, solange nichts Unvorhergesehenes passiere. "Im Koordinieren sind wir Götter", sagt ein junger Pfleger aus dem ersten Stock, dessen Team als vorbildlich organisiert gilt. "Aber wenn ich zwei Notfälle gleichzeitig habe, stirbt einer." Begleitet wird der Zeitdruck von der permanenten Angst, im Stress etwas vergessen oder durcheinander gebracht zu haben. "Man denkt immer daran, ob man auch alles richtig gemacht hat, wenn man hier rausgeht", sagt ein Pfleger, der schon viele Jahre in Dachau Dienst tut. "Abends weiß ich manchmal nicht mehr, ob ich Männlein oder Weiblein bin."

"Da gibt es echte Horror-Stories"

Pflegeschülerinnen, die am Klinikum ausgebildet werden, beklagen, sie würden von ihren Vorgesetzten mit Aufgaben betraut, für die sie gar nicht qualifiziert seien und die sie eigentlich auch gar nicht ausüben dürfen. Die Verantwortung bleibe bei ihnen. "Wenn wir etwas falsch machen, sind wir dran", sagt eine junge Frau. "Da gibt es echte Horror-Storys. Manchmal verfolgt mich das bis in meine Träume." Was die Nachwuchskräfte aufrecht hält, ist ihr Idealismus. "Man kann so viel für die Menschen tun", sagt eine junge Pflegerin. Jedenfalls wenn die Arbeitsbedingungen besser wären als sie es derzeit sind. Bei vielen Mitarbeitern verfestigt sich der Eindruck, Helios verheize sie. Von den Pflegeschülern will angeblich kaum einer in Dachau bleiben. Dass hier wirklich etwas besser wird, glaubt fast keiner mehr - trotz des Streiks.