Dachau Homosexuelle KZ-Opfer: totgeschlagen, totgeschwiegen

Albert Knoll ist Herausgeber des Buches "Der Rosa-Winkel-Gedenkstein. Die Erinnerung an die Homosexuellen im KZ Dachau".

(Foto: Toni Heigl)

Jahrzehntelang scheint sich niemand für das Schicksal Homosexueller im KZ Dachau zu interessieren. Jetzt hat der Archivar der Gedenkstätte ein Buch über sie geschrieben.

Von Walter Gierlich

Die Liste umfasst 292 Namen. Die Namen von Häftlingen des KZ Dachau, die wegen des Vorwurfs, homosexuelle Handlungen begangen zu haben, verfolgt und inhaftiert wurden und in einem Konzentrationslager zu Tode kamen.

Sie beginnt mit "Herbert Wolfgang Adam, geboren am 6. Oktober 1903 in Berlin, Doktor der Philosophie in Berlin, inhaftiert im KZ Dachau 1937-1938, gestorben am 9. September 1939 im KZ Buchenwald".

Und sie endet mit "Peter Herbert van der Zyl, geboren am 27. April 1905 in Hannover, Seemann in Hamburg, inhaftiert im KZ Dachau 1942, gestorben am 18. September 1942 im KZ Dachau". Es sind Menschen aller Schichten aus allen Regionen des damaligen deutschen Reichsgebiets.

Die Liste ist ein bedrückendes Zeugnis für eine lange verdrängte Opfergruppe, der Albert Knoll als Herausgeber des Buches "Der Rosa-Winkel-Gedenkstein. Die Erinnerung an die Homosexuellen im KZ Dachau" ein Denkmal gesetzt hat.

"Wir wurden umarmt, immer wieder umarmt"

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Knoll ist seit 1997 Archivar der KZ-Gedenkstätte Dachau, außerdem Mitbegründer und Vorsitzender des "Forum Homosexualität München", in deren Schriftenreihe "Splitter" das Buch als Band 13 erschienen ist. Das Forum wurde 1999 von geschichtsbegeisterten Lesben und Schwulen gegründet.

Die Vorurteile in der Gesellschaft wirkten fort

Die 292 Menschen gehören zu einer Gruppe von KZ-Häftlingen, die auch nach 1945 jahrzehntelang totgeschwiegen wurde. Kein Wunder, waren doch sexuelle Handlungen unter Männern seit 1871 im Paragrafen 175 des deutschen Strafgesetzbuchs unter Strafe gestellt. Die von den Nationalsozialisten im Jahr 1935 verschärfte Fassung des Paragrafen 175 blieb bis 1969 in Kraft.

Aber nicht nur die Strafbarkeit wirkte nach der Befreiung vom Nationalsozialismus fort, sondern auch die Vorurteile in der Gesellschaft, wie Knoll mit einem Zitat des damaligen Dachauer Bürgermeisters Hans Zauner deutlich macht, das 1960 im Londoner Sunday Express zu lesen war: "Bitte machen Sie nicht den Fehler und glauben Sie, dass nur Helden in Dachau gestorben sind (. . . ). Sie müssen sich daran erinnern, dass viele Verbrecher und Homosexuelle in Dachau waren. Wollen Sie ein Ehrenmal für solche Leute?"

Selbst in den Lagern waren die Homosexuellen meist auf Ablehnung gestoßen. "Warum auch sollten politische oder aus anderen Gründen Verfolgte, nur weil sie in das KZ geworfen wurden, die gesellschaftlich sanktionierten und von den neuen Machthabern grotesk gesteigerten Vorurteile beiseitelegen", schreibt Knoll.

Die Schwulen im KZ, die seit 1937 mit einem rosa Winkel auf der Häftlingskleidung gekennzeichnet waren, blieben stets auf der untersten Stufe der Lagerhierarchie. "Die Solidarität, die jeder Häftling zum Überleben brauchte, fehlte bei den Rosa-Winkel-Häftlingen", sagt der Archivar.