Crystal Meth Angst vor der Kamikaze-Droge

Das Rauschgift strahlt in unschuldigem Weiß, zerstört jedoch einen Menschen schneller als die meisten anderen Drogen. In der Münchner Schickimicki-Szene kommt Crystal Meth dennoch gut an - mit verheerenden Folgen.

Von Susi Wimmer

Es zählt zu den gefährlichsten Drogen der Welt, und in München wird es gerade zum Problem: Das synthetisch hergestellte Crystal macht extrem schnell abhängig, es richtet schwerste Gesundheitsschäden an, doch Christian Schüttenkopf vom Zollfahndungsamt sagt: "In der Schickimicki-Szene wird das Zeug konsumiert wie Koks". Die Polizei stößt auf immer größere Mengen des weißen Kristalls, immer mehr junge Menschen schniefen und schlucken die Substanz oder jagen sie sich in die Venen. Selbst Armin Aumüller, der Chef der Münchner Drogenfahnder, fragt sich bereits, "wie wir das noch stemmen sollen, was da auf uns zurollt".

Es ist weiß und klar und rein. Bearbeitet man Crystal mit Salzsäure, schimmert es wie Eiskristall - daher auch der Name. Die Modedroge ist allein vom Aussehen her schicker als das braune, "dreckige" Heroin - und außerdem günstiger als Koks. Was die Erstkonsumenten allerdings entweder nicht wissen oder ignorieren, das sind die furchtbaren Folgen. Bereits die erste Einnahme kann schwer abhängig machen, außerdem führt das Rauschgift äußerlich wie innerlich zu einem schleichenden körperlichen Zerfall.

Der Blick in die Statistik des Münchner Rauschgiftdezernats wirkt zwar zunächst nicht besonders alarmierend; an die 50 Crystal-Aufgriffe verzeichnete die Polizei im ersten Halbjahr 2012 in Stadt und Landkreis. Erschreckend ist aber der Vergleich mit den Vorjahren: "Wir haben jetzt schon in den ersten sechs Monaten des Jahres so viele Sicherstellungen wie im ganzen letzten Jahr", sagt Armin Aumüller. 2010 sei Crystal in München überhaupt noch nicht relevant gewesen. Jetzt steige die Zahl der Erstkonsumenten rasant, die Käufer kommen aus allen gesellschaftlichen Schichten. Zur Überraschung der Kriminalpolizei seien darunter sehr viele Frauen.

"In München gibt es einen Markt für Crystal", bestätigt Christian Schüttenkopf. Es lässt sich konsumieren wie Koks und ist günstiger als Koks." Erst vor wenigen Wochen, Mitte Juli, zogen Fahnder der Bundespolizei auf einer Autobahn in Richtung München einen 42-jährigen Vietnamesen aus dem Verkehr. Unter dem Beifahrersitz hatte er zwei Kunststoffdosen verstaut, in denen er ein Kilogramm Crystal deponiert hatte. Straßenverkaufswert: über 100.000 Euro. Da der Mann auch noch ein Würgeholz im Handschuhfach und einen Schlagring und ein Butterflymesser im Kofferraum dabei hatte, wird er nun wohl wegen unerlaubter, bewaffneter Einfuhr von Rauschgift vor Gericht gestellt. Ihn erwarten mindestens fünf Jahre Haft.

Von der tschechischen Grenze aus würde Bayern inzwischen regelrecht mit Crystal überschwemmt, sagen Aumüller und Schüttenkopf unisono. Als Quelle haben sie die Vietnamesenmärkte entlang der Grenze ausgemacht. "Früher", erzählt Aumüller, "konnte man da gefälschte Markenwaren günstig erstehen", auch Zigaretten und Alkohol. Heute werde dort mit Crystal unter der Ladentheke gedealt.

Polizei und Zoll fahren schwere Geschütze auf, um den Markt trocken zu legen: Im September 2011 ging die "Operation mercato" über die Bühne. Da stürmten Zoll und 150 tschechische Ermittler den Bretterbuden-Markt in Asch nahe Selb. Sie stellten Crystal sicher, nahmen vier Verdächtige vorläufig fest. Ein paar Wochen war Ruhe, "dann ging es wieder los", sagt Schüttenkopf.

Hustensaft bitte nur in hausaltsüblichen Mengen

Mit der "Operation Speedway" hoben bayerische und tschechische Fahnder Anfang des Jahres entlang der Grenze etliche Crystal-Drogenküchen aus. Das Rauschgift lässt sich aus dem natürlichen Stoff Ephedrin, der auch in Hustensaft enthalten ist, sehr leicht herstellen. "Wir sind auch mit den Apotheken in Grenznähe übereingekommen, dass Hustensaft dort nur noch in haushaltsüblichen Mengen verkauft wird", sagt Aumüller.

Allerdings besorgen sich die Täter das in Deutschland verschreibungspflichtige Ephedrin auch ganz einfach über das Internet oder in Osteuropa. In Tschechien selbst sei das Drogengesetz eher liberal, schildert Aumüller: "Das ist der Nährboden dafür, dass so eine Szene überhaupt entstehen kann."

Nichtsdestotrotz: Es wird weitergekocht in den Grenzstädten. Jetzt fahren die hautsächlich jungen Dealer, die meist selbst drogenabhängig sind, wieder an die Grenze, um sich mit Crystal einzudecken. Crystal enthemmt, es dämmt die Angst, es steigert die Konzentration und Leistungsfähigkeit, weshalb schon die japanischen Kamikaze-Flieger das Mittel schluckten. Crystal erhöht aber auch den Blutdruck, sorgt für Schlaflosigkeit, Halluzinationen, Psychosen, Hautschäden und faulende Zähne. Diese Droge zu bekämpfen, werde für die Münchner Fahnder angesichts des knappen Personals "eine große Herausforderung", sagt Armin Aumüller.