Computerspielsucht Spiel's nicht noch mal, Ben!

Experten warnen: Computerspielsucht ist bei Jugendlichen inzwischen ein verbreitetes Phänomen. Sie kritisieren auch die Spieleindustrie.

Von Lisa Sonnabend

Jobst Böning ist erleichtert. Im vergangenen Jahr war kein einziger Medienvertreter gekommen, an diesem Mittwoch aber sitzen sieben Journalisten bei der Pressekonferenz zum Symposium "Zu Hause und doch verloren: Wenn Computerspiel und Internet zu Parallelwelten werden". Im Nebenraum warten die 300 Teilnehmer auf den Beginn der Tagung in der Bayerischen Ärztekammer in München.

Onlinesucht, "World of Warcraft"

In dem Onlinespiel "World of Warcraft" nehmen die Spieler eine beliebige Rolle ein.

(Foto: Foto: dpa)

Das Thema Online- und Computerspielsucht gilt inzwischen als brisant, ist aber noch weitgehend unerforscht. Und so ist Böning, Vorsitzender des Fachbeirats Glücksspielsucht, stolz, auf dem Symposium einige Studienergebnisse präsentieren zu können.

Der Psychologe Florian Rehbein vom Kriminologischen Forschungsinstitut in Niedersachsen hat in einer repräsentativen Studie herausgefunden, dass 15 Prozent der männlichen Jugendlichen im Alter von 15 Jahren mehr als viereinhalb Stunden pro Tag Computer spielen. Drei Prozent der 15-Jährigen gelten gar als abhängig, bei den Mädchen in diesem Alter sind es nur 0,3 Prozent. Computerspielsucht trifft also vor allem junge Männer.

Aus welcher sozialer Schicht die Abhängigen stammen, spielt allerdings keine Rolle. Rehbein sagt: "Egal ob Hauptschüler und Gymnasiast, es trifft vor allem Jugendliche, die sich innerhalb ihres sozialen Milieus benachteiligt fühlen." Also Jugendliche, die von der Schulklasse gemobbt werden oder die beim Sport schlechter abschneiden als andere.

Nervosität als Entzugserscheinung

Die Computerspielsucht beeinflusst die Jugendlichen oft stark, betonen die Forscher. In ihrer Freizeit dreht sich alles nur noch um "World of Warcraft". Wenn sie nicht spielen können, leiden die Abhängigen oft unter Entzugserscheinungen wie Nervosität. Ihre Leistungen in der Schule werden schlechter, viele haben Einschlafprobleme. Es gelingt ihnen nicht mehr, die Computernutzung zu kontrollieren.

Bislang ist die Computerspielsucht klinisch nicht anerkannt, das heißt, die Behandlung Betroffener wird von den Krankenkassen nicht bezahlt. Mit den Forschungsergebnissen wollen die Experten in München ihren Teil dazu beitragen, dass sich dies ändert.

Detlef Scholz vom Kompetenzzentrum für exzessiven Mediengebrauch Schwerin berät gefährdete Kinder und ihre Eltern. Der Medienpädagoge sieht die Eltern in der Pflicht, die Abhängigkeit ihrer Kinder zu bemerken, denn die Kinder seien sich ihres Problems oft nicht bewusst. Scholz erklärt, das Ziel sei es, die Kommunikation zwischen Kind und Eltern wiederherzustellen. In München bietet das Projekt "Inside" von Condrobs oder der Verein PROP aus Freising Beratungen und Therapien an.

Die Experten in München sind sich einig, dass die Computerspiel-Industrie eine Mitschuld an der Abhängigkeit der Jugendlichen trage, da sie auf eine erhöhte Spielerbindung abziele. Rehbein sagt: "Die Spiele-Industrie nimmt die Kollateralschäden billigend in Kauf." Die Zahl der Computerspielsüchtigen werde künftig deutlich ansteigen.