Das Publikum kommt nur, um belogen zu werden: Das Konzert von "Coldplay" im Reitstadion Riem.
Chris Martin hat den Text vergessen. Und das, obwohl der Coldplay-Sänger jetzt schon seit 15 Monaten mit seiner Band auf Welttournee ist, über 150 Konzerte gegeben hat, um "Viva La Vida" zu promoten, das bestverkaufte Album im Jahr 2008 weltweit. Er hat den Song schon Hunderte Male gesungen.
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Bringt das Publikum zum Toben: Chris Martin, der Sänger von Coldplay. (© Foto: ddp)
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Doch jetzt rutscht er auf dem Hocker vor seinem Klavier hin und her, streicht sich unsicher mit der Hand durch die Haare, lächelt schüchtern. Das Publikum kreischt. Martin setzt neu an, bricht ab, improvisiert ein paar Zeilen. Das Publikum tobt.
Denn auf der gewaltigen Bühne sitzt jetzt ein scheuer Mann, der gar nicht wie ein unnahbarer, unhinterfragbarer Star wirkt. Trotz Glitter, Glamour, Gigantomanie. Diesem Kerl da oben, dem fühlt man sich plötzlich nahe.
Auch in London, Amsterdam, Berlin
Chris Martin hat in Riem den Text vergessen, er hat ihn auch in London vergessen, in Amsterdam, in Berlin . . . Beinahe bei jedem Coldplay-Konzert bringt er das Publikum so zum Toben. Denn ganz egal, ob er die Texthänger absichtlich einbaut oder einfach geschehen lässt: Das Publikum von Popkonzerten liebt es, belogen zu werden, auf die Konzerte von Coldplay kommt es überhaupt nur deshalb. Um belogen zu werden. Es will, dass einem die Empfindsamen da auf der Bühne eine herzergreifende Märchengeschichte von ganz großen Gefühlen, von Freiheit, Liebe und Erlösung erzählen. Zu Beginn des Konzertes wird Eugène Delacroix' Freiheitsgöttin auf den Bühnenhintergrund projiziert. "Ein großer Gedanke hat diese gemeinen Leute geheiligt", schrieb Heinrich Heine einst über die Menschen, die der Barbusigen folgen. Und weil Chris Martin absolut sicher zwischen Gefälligkeit und Glaubwürdigkeit balanciert, eint er sein Publikum im großen Gefühl.
Coldplay sind eine hervorragende Stadionband. Ganz egal, was man von Musik und Band ansonsten hält, selbst wenn man sie langweilig findet und sogar unerträglich, wie die New York Times: In einem vollen Stadion kann man sich dem Strudel von Gefühl und Dringlichkeit kaum entziehen.
Das Pathos des Jetzt
Der Psychoanalytiker Jacques Lacan hat das "das Reale" genannt. Dieses Reale hat nichts mit Realität zu tun, sondern ist der unauflösbare Rest, das Unerklärbare und Absolute. Ein Rauschmoment. Coldplay sind Meister dieses inszenierten Augenblicks. Die Show ist aufwendig und dramaturgisch perfekt, inklusive Ausflug ins Publikum, Konfettiregen und Feuerwerk.
Die Band beherrscht das Pathos des Jetzt, schafft es für die Dauer des Konzertes, die Gegenwart gegenwärtiger erscheinen zu lassen. Da ist es egal, dass das Publikum die Lüge durchschaut und weiß, dass heute im Pop nichts so industrialisiert ist wie der erlebte Augenblick: Man lässt sich gern betören.
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(SZ vom 31.08.2009)
Studie zur Beliebtheit der Deutschen
Die neueste Antwort
Für den Autor gilt anscheinend der Satz aus einem Lied von Element of Crime:
"Groß ist nur, was man nicht erkennen kann und größer noch, was man nicht begreift."
Dabei aber gleich unter die Gürtellinie zu gehen und brachial von einem Publikum zu sprechen, welches nur kommt, um belogen zu werden, ist eine Attidüde die man nur als Verachtung der Massen (Peter Sloterdijk) bezeichnen kann.
Als Diplom-Journalist gehört man eben zu einer kleinen, elitären Minderheit, die den dummen 0815 Konzertbeucher erklärt, welch Geisteskind er eigentlich ist.
Und auch wenn ich auf der Universität mit Le Bons und Freuds Massenpsychologie ausgiebig beschäftigt habe, genoß ich trotzdem diesen Rausch eines Konzertes, mit Liedern, deren Texte für mich voller Poesie und Lebenswahrheiten sind!
Coldplay haben das umgesetzt, was Nirvana einst so schön beschrieben haben:
"Here we are now, entertain us!"
Und gebau das haben Coldplay wunderbar umgesetzt...und es trägt auch Tage danach noch!!!
Ich weiß ehrlich gesagt nicht, worauf diese Kritik hinauslaufen soll??? Coldplay macht gute Musik, und das Konzert war ein sehr gutes Live-Spektakel.
Man mag zu den Texten stehen, wie man will. Aber die Melodien und Lieder sind hervorragend gemacht, es ist und bleibt guter Hand-made-Rock (auch wenn nicht so hart wie andere, aber er bleibt es trotzdem). Das Konzert war eine klasse Show, und wer jetzt den direkten Vergleich nicht scheut: Um Lichtjahre besser als Frau Ciccone vor zwei Wochen. Auch wenn der Aussetzer geplant sein mag, es macht die Sache netter. Und ja, auch das Wandern durchs Publikum kommt gut an - dafür hat man schließlich bezahlt.
Ja, die Texte - mal ehrlich, legendäre Bands wie Led Zeppelin, Deep Purple, die Rolling Stones - ganz zu schweigen von den Beatles - von was singen / sangen die denn bitte? Das kann nun wirklich kein Kriterium sein.
Aber schließlich muss heutzutage ja immer alles kritisch sein, die Leute zum Nachdenken anregen, herausfordern, den Spiegel vorhalten. Wenn ich das will, dann schaue ich Tagesthemen. Und höre keine Musik.
Lieber Sebastian Gierke,
ich hatte ja schon zu Beate Wilds Beitrag vom letzten Jahr etwas geschrieben. Ich hab mir auch gut überlegt, ob ich das jetzt nochmal mache.
Coldplay ... ja da streiten sich die Geister der Intellektuellen. Ich frage mich manchmal, ob Journalisten überhaupt etwas gut finden (dürfen) oder nur dazu angeleitet werden, aufs Negative zu fokusieren und das Haar in der Suppe zu finden. Das können Sie aber verdammt gut! Ob's glücklich macht, ist natürlich die andere Frage. Aber, wer braucht schon Glück, wenn man soooooo toll schreiben kann ....
I love Chris und die Band und die Lyrics Gott, die machen mich so glücklich so glücklich kann mich kein Artikel dieser Welt machen.
Aber nichts für ungut. Wir haben ja die freie Meinungsäußerung, lieber Moderator. Fragt sich nur, was frei ist ...
MfG