Von Beate Wild

Sie sind britische Superstars und gelten doch als uncoolste Band des Planeten. In der Münchner Olympiahalle gaben Coldplay ein stimmungsvolles Konzert und zeigten, dass sie besser sind als ihr Ruf.

Die Show fängt mit einem Pathos an, der sich kaum überbieten lässt: Erst der Strauß-Walzer "An der schönen blauen Donau", danach erscheinen die vier Briten hinter einem Vorhang, das Instrumentalstück "Life in technicolor" ertönt. Es folgt "Violet Hill", der Vorhang hebt sich, im Hintergrund sieht man das Revolutionsgemälde von Eugéne Delacroix "La Liberté guidant le peuple", das man schon vom Cover des neuen Albums "Viva la vida" kennt. Schon etwas übertrieben das Ganze, aber egal. Wirkung ist Wirkung, das ist alles was zählt.

Coldplay-Frontmann Chris Martin; AP

Von wegen langweilig und sentimental: Coldplay - hier Frontmann Chris Martin - begeisterten 11.000 Fans in München. (Archivbild) (© Foto: AP)

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An Coldplay scheiden sich bekanntlich die Geister. Mädchenmusik, laues Kaufhaus-Gedudel, Sound für Bettnässer sind nur einige der Schmähworte, die in Zusammenhang mit der britischen Band gerne fallen. Auf der anderen Seite verkaufen sie erfolgreich ihre Platten, stehen wochenlang mit ihren Songs an der Spitze der Charts, füllen problemlos die größten Konzerthallen und können dafür auch noch horrende Eintrittspreise verlangen. Was ist los mit dieser Band? Liegt der Fall hier etwa ähnlich wie bei dem deutschen Popbarden Xavier Naidoo? Niemand scheint ihn offiziell zu mögen, doch seine Charterfolge beweisen das Gegenteil?

Auch die Kritiker sparen nicht mit Hieben. Langweilig, sentimental seien die Briten, oder schlichtweg die "unerträglichste Band unseres Jahrzehnts", wie die New York Times schrieb. Die Musik von Coldplay hatte man längst in die Schublade "Öder Stadionrock" gesteckt. Dann kam das neue Album "Viva La vida. Or: Death And All His Friends." Allein der Titel und das Cover ließen Schlimmstes befürchten. Doch es kam anders.

"Viva la vida" ist das beste Album der Briten seit ihrem Durchbruch vor acht Jahren. Vor allem deshalb, weil es nicht Coldplay-haft ist. Die Abkehr von den bekannten Mustern kann man wohl zu einem guten Teil Brian Eno zuschreiben. Der einstige Keyboarder und Mitbegründer von "Roxy Music" hat als Produzent schon Rockgeschichte geschrieben - er hat unter anderem mit U2, den Talking Heads und Depeche Mode gearbeitet. Auf dem neuen Album hören sich Coldplay unter seinem Einfluss endlich bunter und fröhlicher an. Sie arbeiten mit exotischen Instrumenten, probieren sich an afrikanischen Rhythmen und Lead-Sänger Chris Martin versucht, nicht mehr ganz so pathetisch und weinerlich zu singen.

Musikalisch müssen sich die Briten fast keine Vorwürfe mehr gefallen lassen. Außerdem schaffen sie es, mit ihrer Show eine mitreißende, fast euphorische Stimmung zu verbreiten. Von der Decke hängen illuminierte Riesenbälle, auf die Bilder projiziert werden. Von der Hauptbühne reichen zwei laufstegartige Arme in hinein die Menge der Fans. Auf den Stegen läuft Martin ständig hin- und her, einmal folgen ihm sogar seine drei Kollegen Jonny Buckland, Will Champion und Guy Berryman.

Coldplay entern die Tribüne

Ein Hit jagt den anderen. "Clocks", "In my place", "Fix you" und "Viva la vida", um nur einige zu nennen. Dazu springt Martin wie ein Aufziehmännchen über die Bühne. Es ist kein Tanzen, er fällt eher wie ein Betrunkener hin- und her. Er wirkt extrem hibbelig, selbst als er alleine auf der vorderen Bühne am Piano "The hardest part" performt, schaukelt er mit seinem Stuhl herum, wie ein Zappelphilipp. Sein Gesang, in altbekannter Weise zwischen Tenor und Kopfstimme schwankend, suggeriert große Gefühle: Liebe, Herzschmerz, Melancholie. Da kann sich Coldplay noch so bemühen, weniger Erregung vermitteln zu wollen, ganz ohne schaffen sie es nicht. Und offen gesagt, ganz ohne wäre auch halb so schön.

Einer der Höhepunkte des Konzerts ist, als die vier plötzlich von der Bühne stürmen und die obere Tribüne entern. Von dort geben sie "The Scientist" zum besten, in einer Akustik-Version mit Mundharmonika-Einlage von Martin. Coldplay befriedigt das musikalische Bedürfnis nach Geborgenheit, da kann man an der Musik herumkritisieren, soviel man will. Millionen von Fans können nicht irren.

Die Klavierballade "42" und das fast schon sakral wirkende "Lost" des neuen Albums "Viva la vida" sind Beweise dafür, dass Coldplay es Ernst meinen mit dem Relaunch ihrer Musik. Sie wollen ihr weinerliches Image ablegen und mit diesen beiden großartigen Songs ist das auch gelungen. Coldplay ist eine hervorragende Stadionband, am Freitagabend in München haben sie ihre Sache gut gemacht. Die 11.000 Fans sind glücklich und beschwingt nach Hause gegangen. Und das ist doch das Einzige, was wirklich zählt.

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(sueddeutsche.de/cag)