Von Jochen Temsch

Pappbecher, mit einem Lächeln serviert: Die neuen Coffee-Bars setzen auf Aromen, Schnelligkeit und amerikanischen Stil.

Der kürzeste Witz, den sich Angestellte in Coffee-Bars erzählen, heißt: "Will ein Kunde einen Kaffee." So einfach geht es eben nicht.

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Amerikanische Schnellimbiß-Kultur im Kaffeehaus (© Rumpf)

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Will ein Kunde hier einen Kaffee, muss er erst einmal ein paar Quiz-Runden überstehen. Zu jeder Frage gibt es mindestens vier Antwort-Alternativen.

Ein Kaffee also. Espresso? Espresso Macchiato? Cappuccino? Latte Macchiato? Caffè Latte oder Mocca?

Und wenn ja: klein, mittel, groß? Stark oder schwach? Oder entkoffeiniert? Und mit Aroma oder ohne? Mit Haselnuss, Vanille, Mandel, Kokos, Himbeer oder Eierlikör? Mit Eis? Mit Sahne oder geschäumter Milch? Halbfett oder Vollmilch? Mit Schokolade? Weißer oder bitterer? Und, wichtig: im Glas oder in der Tasse? Im Plastik- oder Pappbecher? Zum hier Trinken oder Mitnehmen? Meistens zum Mitnehmen - es soll ja schnell gehen.

Dann schlendert der Kunde davon, zum Beispiel mit einem individuell auf ihn zugeschnittenen Halbfett-Decaff-White-Chocolate-Mocca mit extra Karamell auf gecrushtem Eis mit Sahnehaube.

Den nuckelt der eilige Genießer auf dem Weg zur Arbeit durch einen Strohhalm aus einem Becher mit versicherungsrechtlich geprüftem "Vorsicht, dieses Getränk ist heiß"-Aufdruck, im befriedigenden Bewusstsein, voll beim Trend dabei zu sein.

Ein Symbol der kulturellen Globalisierung

Knapp 160 Liter Kaffee trinkt der Münchner laut Statistik des Deutschen Kaffeeverbandes pro Jahr - sogar 20 Liter mehr als Bier. Pegelstand: steigend.

In einem Ausmaß wie bislang nur Handy-Läden eröffnen plötzlich an jeder Straßenecke auf amerikanisch gemachte Kaffee-Läden. Sie servieren Café im Wegwerf-Becher zu stattlichen zwei bis vier Euro. Dazu reichen sie amerikanische Snacks und Süßwaren wie Sandwiches, Wraps und Bagels, Muffins, Brownies und Cookies.Und sie symbolisieren ein Phänomen der kulturellen Globalisierung: Einst importierten US-Geschäftsleute die italienische Kaffee-Kultur, kombinierten sie mit amerikanischem Lifestyle und exportieren sie jetzt wieder nach Europa, nach Deutschland, nach München - wo sich die einen begeistern und die anderen, die alten Caféhaus-Gänger, voll Entsetzen abwenden.

Der Mann, der den Trend in den USA aufkochte, war Howard Schultz, Marketing-Direktor der Kaffeerösterei Starbucks in Seattle. Der Firmenlegende nach trank er 1983 im Urlaub zusammen mit seiner Frau auf der Piazza Duomo in Mailand seinen ersten Cappuccino.

Vom Geschmack begeistert, beschloss er, das Italo-Gefühl zu kopieren, Starbucks zu kaufen und zur Kaffeehauskette auszubauen. Die Amerikaner, seit jeher nur eine fade Plörre gewöhnt, stürzten sich auf die neue Spezialität.

Heute hat Starbucks rund 4700 Filialen und 48.000 Mitarbeiter in mehr als 20 Ländern. Das Firmen-Logo - eine weiße Meerjungfrau auf grünem Grund - gehört zum Erscheinungsbild amerikanischer Städte wie das gelbe "M" von McDonald's.

Sie sind dutzendfach da

Im Mai eröffnen die ersten Starbucks-Houses in Deutschland, zunächst nur in Berlin. Bevor Schultz nach München kommt, sind seine Nachahmer längst dutzendfach da.

Zum Beispiel die San Francisco Coffee Company (SFCC), Münchens größte und - nach drei Jahren Bestehen - älteste Kette. Geschäftsführerin Katharina Bernau-Seiguer lernte das Coffee-Konzept während ihrer Zeit als Anwältin im kalifornischen Silicon Valley kennen.

In München eröffnete sie ihren ersten Coffee Place im Lehel, in der Nähe von Versicherungsbüros. Deren Angestellte essen mittags gerne einen leichten Snack, bestellen Kaffee im Plastikbecher - bequem zum Mitnehmen, wenn das Handy klingelt. "Wenn wir es im Lehel schaffen, schaffen wir es überall", beschreibt Bernau-Seiguer ihre Überlegung.

Business- statt Laufkundschaft ist immer noch das Zielpublikum der SFCC. Inzwischen betreibt Bernau-Seiguer sechs Geschäfte in München, eines in Starnberg, eines in Zürich.

Die Läden sehen alle gleich aus, sind minimalistisch in klaren Formen und Farben gestaltet, in freundlich-edlen Holz- und Pastelltönen gehalten. "Europäer legen Wert auf Design", sagt Bernau-Seiguer, "wer viel Geld ausgibt, will auch was für's Auge haben."

Nach amerikanischem Vorbild werden die Mitarbeiter der San Francisco Coffee Company auf Freundlichkeit und Schnelligkeit getrimmt: Die lächelnde Begrüßung der Kundschaft innerhalb von 35 Sekunden nach Betreten des Geschäfts ist Pflicht, das Anlernen von neuen Mitarbeitern im Alltagsbetrieb ist wegen möglicher Wartezeiten tabu.

Wertvolle Mittagspause

"Eine halbe Stunde Mittagspause ist zu wertvoll, um sie damit zu vertrödeln, im Café einen Platz zu suchen und auf schlecht gelaunte Bedienungen zu warten", sagt Bernau-Seiguer. Außerdem wirbt sie mit Qualität. Ihr SFCC-Kaffee wird zu 100 Prozent aus der hochwertigen Arabica-Bohne gebrüht.

Auch die Konkurrenz, von der Produktauswahl her ähnlich, wirbt mit Qualität, Schnelligkeit und Freundlichkeit. Deli Star zum Beispiel, ein Unternehmen, das sich in vier Filialen neben Kaffee, Softdrinks, Milch- und Joghurtgetränken vor allem auf selbstgemachtes leichtes Essen wie Müslis und Salate spezialisiert hat.

Oder Balzac Coffee am Petersplatz, der Ableger einer in Hamburg gegründeten Kette: Der Münchner Geschäftsführer Sascha Lauble ist stolz darauf, die bayerische Vizemeisterin im Espressomaschinen-Bedienen hinter seiner Theke stehen zu haben - auch dafür gibt es längst Wettbewerbe.

Ein paar Meter weiter, am Rindermarkt, überlegt einer der Geschäftsführer von Meyerbeer Coffee, Daniel Schwarz, das Filialnetz von bislang elf Läden, davon zwei in München, um weitere sechs aufzustocken - der Jungunternehmer und ehemalige Eishockey-Profi ist 24 Jahre alt.

Laut Auskunft des Deutschen Kaffeeverbandes ist noch genügend Platz für derartige Expansionsgelüste. Demnach gibt es bereits 400 Coffee Bars in Deutschland - bis zu 1500 Läden wären nach Expertenmeinung drin, ein paar auch noch in München.

Szenetreff Café

Eine Trendwende: Lange Zeit galt Kaffee gerade unter Jugendlichen als biederes Gebräu für Sonntagskränzchen - "Draußen gibt's nur Kännchen" war der passende Spruch dazu.

Doch nun sind die Coffee-Shops zu Szenetreffs geworden, und Kännchen gibt's hier garantiert nicht mehr.

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