Christian Ude ist als Oberbürgermeister der mächtigste Mann Münchens. In seinem Vorzimmer aber herrscht seit 17 Jahren Chefsekretärin Christine Rauch.
Die Tür ins Allerheiligste des Münchner Rathauses wird von einem kleinen Knopf unterm Schreibtisch gesteuert. Wenn Christine Rauch ihn drückt, geht die Tür auf, und der Weg ist frei ins Büro von Oberbürgermeister Christian Ude. Es ist ein Weg, den im Jahr Hunderte Besucher gehen, aber weitere Tausende würden auch gerne mal rein. Wenn man sie nur ließe.
Wer den Oberbürgermeister sprechen will, muss an ihr vorbei: Christine Rauch ist praktisch für alles zuständig, was mit Christian Ude zusammenhängt. (© )
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Wer Ude sprechen will, hat zwei Möglichkeiten. Er kann versuchen, den Oberbürgermeister bei einer öffentlichen Veranstaltung abzupassen. Mehr als ein paar Worte sind bei dieser Methode aber nicht drin. Oder er muss an Christine Rauch vorbei. Seit Ude OB ist, also seit fast 17 Jahren, ist Christine Rauch seine Chefsekretärin. Als Ude kam, war Rauch schon da, denn sie war auch schon die Chefsekretärin von Georg Kronawitter, Udes Vorgänger.
Sekretärin, da denken viele vermutlich immer noch an Kaffee kochen, Diktate aufnehmen, Hotels für Dienstreisen buchen und den Chef an den Geburtstag seiner Frau erinnern. Mit dem Arbeitsalltag von Christine Rauch haben diese Klischees nur wenig zu tun. Sie ist eher die Managerin von Christian Ude. Wenn er ins Rathaus kommt, ist Rauch so gut wie immer schon da, und wenn er abends Termine hat, sitzt sie immer noch da, oft bis in die Nacht. "Die beiden sind wie siamesische Zwillinge", sagt Franz Maget, der langjährige Münchner SPD-Chef.
Rauch ist praktisch für alles zuständig, was mit Christian Ude zusammenhängt. Vor allem für seine Zeit. Der Oberbürgermeister hat zur Zeit, zurückhaltend ausgedrückt, ein eher großzügiges Verhältnis. Er verschwendet sie gern, obwohl er sie nicht hat. Christine Rauch sorgt dafür, dass er es damit nicht zu arg treiben kann. "Sie ist die Herrin über den Terminkalender", sagt Stadtkämmerer Ernst Wolowicz, der frühere Büroleiter des OB und einer der engsten Ude-Vertrauten.
Das mit der Herrin ist durchaus wörtlich zu verstehen. Rauchs Herrschaftsinstrument ist ein dickes rotes Buch, das sie nicht aus der Hand gibt: der Terminkalender. Im Zeitalter von computergesteuerten Terminsystemen, wo Fenster auf dem Bildschirm aufpoppen oder Klingeltöne auf dem Handy auf die nächste Besprechung hinweisen, ist das rote Terminbuch ein Anachronismus, von dem sich Christine Rauch um keinen Preis der Welt abbringen lässt.
Dass irgendein anderer etwas in das Buch hineinschreiben darf, kommt nicht in Frage. "Da werde ich grantig", sagt sie. Sie trägt alles mit Bleistift ein, ausradiert wird nichts, sondern auf verschiedene Weise durchgestrichen, manches waagrecht, anderes mit einem schrägen Strich. Neben vielen Eintragungen stehen stenografische Notizen. Sie weiß ganz genau, wie oft ein Termin schon verschoben worden ist, wann sich eine Lücke im engen Zeitplan eröffnen könnte und wann ein Zeitpuffer nötig wird, weil sicher ist, dass eine Besprechung länger dauert.
Und sie weiß, welcher Gesprächspartner wann Priorität hat. Wer wirklich wichtig ist oder ein dringendes Anliegen hat, dem verschafft Rauch auch spontan ein paar kostbare Minuten beim OB, andere bekommen schon mal zu hören, dass es das nächste halbe Jahr leider ganz schlecht aussehe mit Terminen.
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