Interview: Egbert Tholl

"Also ne, Kinders": Christian Thielemann droht damit, die Münchner Philharmoniker zu verlassen. Er sieht seine Gestaltungsmöglichkeiten als Chefdirigent stark eingeschränkt.

Der Münchner Stadtrat berät an diesem Mittwoch über die Verlängerung des Vertrags von Christian Thielemann als Generalmusikdirektor der Münchner Philharmoniker. Thielemann hat den Posten seit 2004 inne, sein derzeitiger Vertrag endet 2011. Den ihm bereits vorliegenden Vertragsentwurf weigert er sich zu unterschreiben - weil er darin seine Gestaltungsmöglichkeiten als Chefdirigent stark eingeschränkt sieht. Denn der Vertrag sieht vor, die Planung aller nicht von Thielemann dirigierten Konzerte allein in die Hand des Intendanten der Philharmoniker, Paul Müller, zu legen.

Christian Thielemann

Bleibt er oder geht er? Allmählich muss sich Christian Thielemann entscheiden. (© Foto: Münchner Philharmoniker/oh)

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SZ: Haben Sie den Ihnen vorliegenden Vertrag unterschrieben?

Christian Thielemann: Bislang nicht.

SZ: Werden Sie dies noch in Erwägung ziehen?

Thielemann: Das kommt drauf an.

SZ: Worauf?

Thielemann: Gewisse Dinge müssen in einer gewissen Weise geregelt sein. Dann kann ich mir vorstellen, zu unterschreiben. Sonst geht es nicht. Ich finde es aber nicht richtig, öffentlich über vertragliche Details zu sprechen.

SZ: Immerhin hat man den Eindruck, dass das Verhältnis zwischen Ihnen und dem Orchestervorstand gut und offen ist.

Thielemann: Wir haben ein tolles Verhältnis, das Orchester und ich. Natürlich gibt es immer so Tagesgeschäft-Kleinigkeiten, die man aber klären kann. Die ganze Geschichte um den Vertrag hat aber jede Proportion verloren. Da ist aus einem Staubkorn ein Eiszeitgletscher gemacht worden.

Die eigentliche Frage ist doch, wie ein Generalmusikdirektor ein Orchester prägt. Da wird immer gemutmaßt, er wolle andere Dirigenten verhindern. Das ist völlig falsch. Natürlich möchte ein Chefdirigent, der eine bestimmte Klangidee hat, die ihm besonders nahestehenden Stücke selber machen. Sonst kann er ja das Orchester nicht prägen. Dass im Orchester der Wunsch auftaucht, dass auch andere die Hauptwerke des Repertoires dirigieren, ist völlig natürlich, legitim und wird ja auch beachtet.

Nur: In den ersten Jahren fand ich es sehr wichtig, dass ich überwiegend die Hand auf diesen Hauptwerken habe. Dann aber haben wir nach Diskussionen mit den Kolleginnen und Kollegen beschlossen, den Spagat zu versuchen zwischen der Prägung durch den Chefdirigenten und Gastdirigaten auch im Kernrepertoire.

SZ: Das heißt, nun haben Sie eine bestimmte Klangidee so fundamentiert, dass auch Gäste die Klassiker dirigieren können?

Thielemann: Letztlich war es doch immer schon so. So rigide wurde das ja nie gehandhabt. Nun bin ich aber dafür, dass wir uns da noch weiter öffnen. Aber das ist nur möglich, weil ich eben in den vergangenen fünf Jahren meine Fingerabdrücke hinterlassen habe. Doch wenn in dem neuen Vertrag gesagt wird, alle Konzerte, die ich nicht selber dirigiere, sollten vom Intendanten verantwortet werden, dann können Sie ausrechnen, wozu das führt: 25 bis 30 Konzerte mache ich in München plus 15 auf Tournee, in München sind aber weitere 60 Konzerte zu bewältigen. Da haben Sie ein Missverhältnis. Und eigentlich zwei künstlerische Direktoren; noch viel schlimmer: Wenn ich zu den 60 Konzerten nichts sagen kann, könnte - wohlgemerkt: "könnte" - meine Arbeit konterkariert werden. Dann könnte ein anderer Dirigent einen Beethoven-Zyklus dirigieren, der meinem entgegensteht, und ich würde in meinem eigenen Hause ein Gastdirigent. Dann wüsste ich nicht, was ich da noch soll.

SZ: Geht es Ihnen in der Frage der Gastdirigenten nur um die Klassiker?

Thielemann: Was die Spieltechniken angeht, ja. Bei einem gewissen Repertoire habe ich mich rausgehalten, weil ich fand, dass das andere Kollegen besser machen und ich nicht immer den Draht dazu habe. Die Tatsache, dass man behauptet, Gastdirigenten wären meinetwegen nicht gekommen, gehört ins Reich der Fabel. Das hätte Ihnen auch Herr Müller bestätigen können, er hat die ja alle angefragt. Im Falle von Haitink oder Harnoncourt war die Antwort, sie könnten in ihrem Alter neben dem BR nicht noch ein weiteres Orchester dazunehmen. Mit diesen Leuten haben wir gar nicht übers Repertoire gesprochen.

Noch etwas, was ins Reich der Fabel gehört: Dass Zubin Mehta die Lust an den Philharmonikern verlöre; im Gegenteil, ich habe ein sehr kooperatives, wunderbares Verhältnis zu ihm. Genauso gelogen ist, ich würde nicht gern reisen. Ich erfülle ja die Tourneen, will nur nicht jeden Abend woanders dirigieren. Hinter dieser Fülle von falschen Informationen muss ja irgendeine Absicht stecken.

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