Die Städte aber, die mit einem nicht unerheblichen Teil ihrer Steuergelder Orchester unterhalten, legen genau auf diese Identifikation zunehmend Wert. Das ist anders als noch vor 20, 30 Jahren - was einerseits der finanziell zunehmend prekären Lage der Städte geschuldet ist, andererseits den härter werdenden Konkurrenzkampf zwischen den Kommunen reflektiert, die alles von der Olympiabewerbung bis hin zum Generalmusikdirektor als Standortvorteil aktivieren.

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Der Individualist Thielemann aber ist in solche Kalküle nicht einzubinden. Er ist ein großer Dirigent, weil er ganz eigene, neue Wege geht, die wenig mit der Tradition und noch weniger mit dem Tun seiner Kollegen zu tun haben. Thielemann ist ein Solitär, der wohl Mühe hat, andere Haltungen zu akzeptieren. Genau das aber macht es für ihn schwer, in einer zunehmend pragmatischen Welt zu bestehen, die das reine Funktionieren über geniale Höhenflüge stellt.

Viele seiner Kollegen sind in dieser Hinsicht pragmatischer, umgänglicher, bessere Team Player. Sie beherrschen somit den unkünstlerischen Job des Musikermöglichers, des Managers, sie vermögen von ihrem Dirigententum zu abstrahieren, sie können Anderes, ihnen Fremdes zulassen und sind aufgeschlossen für die Managementnotwendigkeiten eines als Wirtschaftsunternehmen aufgestellten Klangkörpers.

Aura des Standardrepertoires

Dem nicht sehr diplomatischen Thielemann fällt das nicht ganz so leicht, das wurde schon früher immer wieder deutlich. Thielemann ist letztlich davon überzeugt, dass es genügen muss, das "Standardrepertoire" auf hohem bis höchstem Niveau zu dirigieren. Das aber ist ein atavistischer Ansatz, der den heutigen Gegebenheiten öffentlich subventionierter Orchester nicht mehr gerecht wird.

Aus all diesen Gründen ist es so logisch wie bedauerlich, dass sich München und Thielemann nicht aus künstlerischen, sondern aus verwaltungstechnischen Gründen voneinander trennen. Die Zukunft aber, darüber muss sich der Stadtrat im Klaren sein, wird hart werden. Nicht ausgeschlossen, dass Thielemann jetzt sofort von seinem Posten zurücktritt, weil er das Vertrauensverhältnis zu Stadt und Orchester als völlig zerstört empfindet.

Doch selbst wenn er bleibt, wird sich die Zusammenarbeit zwischen ihm und Intendant Paul Müller noch viel schwieriger gestalten als bisher. Muss doch in Anwesenheit Thielemanns, der nicht freiwillig geht, ein Nachfolger gefunden werden - eine heikle Mission.

Nach der Satzung steht dem Orchester ein Vorschlagsrecht für den neuen Chef zu, dem der Stadtrat de facto folgen muss. Grundsätzlich gibt es drei Möglichkeiten: Man optiert für einen bekannten Namen, man plädiert für einen Geheimtipp, oder man lässt sich auf das Wagnis mit einem viel versprechenden Newcomer ein. Möglichkeit Eins wurde mit James Levine und Christian Thielemann ausprobiert und führte zu gemischten Ergebnissen. Möglichkeit Zwei galt für das Erfolgsmodell Sergiu Celibidache, und für Möglichkeit Drei gibt es relativ wenig prominente Beispiele - etwa die New Yorker Philharmoniker, die aber erst im Herbst mit Alan Gilbert diesen Weg ins Unbekannte einschlagen.

Die Philharmoniker werden bei dieser Grundsatzentscheidung vermutlich Kulturreferent, Stadtrat und Oberbürgermeister einzubeziehen und vielleicht sogar eine Ideenfindungskommission beauftragen. Auf jeden Fall aber wird das Orchester jetzt sehr viel stärker in die Eigenverantwortung genommen und muss deshalb einen Kandidaten präsentieren, der sowohl die Belange der Kunst als auch die Repräsentationsbedürfnisse der Stadt unter einen Hut zu bringen versteht.

Keine leichte Aufgabe - aber vielleicht springt der durchaus impulsive Thielemann jetzt doch noch über seinen Schatten und akzeptiert den ausgehandelten Vertrag. Es könnte sich für beide Seiten lohnen.

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  1. Der Solitär geht
  2. Sie lesen jetzt Individualist statt Team Player
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(SZ vom 23.07.2009)