Buch von Richard Thiess Der Reiz des Katz-und-Maus-Spiels

Mordermittler Richard Thiess arbeitet in einem Buch auf, was er bei seiner Arbeit in München erlebt hat. Der Titel: Wenn das Grauen zum Alltag wird.

Von Susi Wimmer

Es war jene klirrend kalte Winternacht, die Richard Thiess nicht mehr loslassen würde: Zusammen mit seinem Kollegen steht er vor dem Haus in einem Münchner Vorort und wartet. Wartet darauf, dass ein Auto mit einem Ehepaar um die Ecke biegt und er diesen Leuten sagen muss, dass sie zu spät kommen. Dass sie ihre einzige Tochter, die sich von ihrem Freund trennen wollte, nicht mehr mit nach Hause nehmen können. Weil ihre Tochter vor wenigen Stunden von ihrem Freund ermordet worden war.

Nach dieser Nacht ging Thiess, Leiter der Mordkommission 5 bei der Münchner Polizei, in sein Kellerbüro, setzte sich an seinen Computer und begann zu schreiben. Warum muss eine junge Frau von 25 Jahren sterben? Wie können die Eltern den Tod, das Zuspätkommen verkraften? Und wie ermittelt die Mordkommission?

Richard Thiess hat sich die Geschichte von der Seele geschrieben und es folgten noch mehr. Am Montag ist das erste Buch des 57-Jährigen erschienen: "Mordkommission - Wenn das Grauen zum Alltag wird".

"Das Schreiben", sagt der Erste Kriminalhauptkommissar, "ist mir immer leicht gefallen". Schon zu Schulzeiten sei das eine Passion gewesen und schon zu Schulzeiten hatte er nur ein Berufsziel vor Augen: Polizist. Heute ist Thiess stellvertretender Leiter des Münchner Mordkommissariats, zugleich Chef der Mordkommission 5. Ein Job, der ihn ausfüllt, aber auch zuweilen an seine Grenzen bringt. Wie in jener Schneenacht 2006.

Besonders grausame Details will er dem Zuhörer ersparen, ebenso seinen Lesern, "aber die Geschichte hat mich so belastet, dass ich sie mir von der Seele schreiben musste". Sagt ein Mann, dem man in Bayern als "g'standenes Mannsbild" bezeichnen würde. Groß, kräftig, Schnauzbart, einer, den so leicht nichts umhaut.

Und dann sitzt Thiess da und erzählt, dass jeder der Kollegen eine "eigene Art der Abarbeitung" entwickelt hätte. Grobe Sprüche, flapsige Witze, "oder man geht nach Dienstschluss ein Bier trinken und redet über was anderes, um den Druck abzubauen", erzählt er. Aber zu sagen, "mir geht's schlecht, ich hab Albträume", das würde in der von Männern dominierten Mordkommission nie jemand wagen.

Also Schreiben. Mit der Zeit fand Thiess immer mehr Gefallen an seinen abendlichen Kellerausflügen an den PC. Es entstand die Story, wie er als "Hühnerdiebstahlsachbearbeiter" zur Mordkommission kam und wie ihn die Ablehnung, die ihm als "Greenhorn" von manchen Kollegen entgegenschlug, anspornte weiterzumachen.

Thiess erzählt von der Sonderkommission Blumenstraße, die den Mordversuch an einer Erstklässlerin zu bearbeiten hatte. "Ein lehrreicher Fall", sagt er heute. Schon in der ersten Nacht stieß die Mordkommission auf einen dringend Tatverdächtigen: Ein Obdachloser, der während der Vernehmung immer mehr Tätereigenschaften annahm, sich immer mehr in Tatverdacht brachte, der zugab, den Tatort - eine Schultoilette - zu kennen und der zufälligerweise auch noch der Täterbeschreibung entsprach. Der Mann habe ein "grünes Hemd mit zwei Knöpfen" angehabt, hatte das Kind gesagt.

Thiess gegenüber saß ein Mann mit grünem Hemd, auf dem zwei Hirschhornknöpfe hervorstachen. Er musste der Täter sein. Dann kam der Kollege mit der Auswertung der DNS-Spuren ins Zimmer. Die ergab, dass der Obdachlose zweifelsfrei nicht der Täter sein konnte. "Erst wenn wirklich alle Spuren ausgewertet sind, kann man Schlüsse ziehen", diese Lehre hat Thiess aus dieser Vernehmung gezogen. Das grüne Hemd war Zufall, der Bezug zum Tatort Zufall.

"Es gibt nichts, was es nicht gibt", das ist es was den gebürtigen Münchner so an der Arbeit bei der Mordkommission fasziniert. Der Kontakt mit Menschen, egal welchen Alters, welcher Kultur, welcher Bildungsschicht, sie alle erlebt Thiess in einer absoluten Ausnahmesituation, ob als Täter, als Angehörige oder als überlebende Opfer (die Mordkommission bearbeitet auch versuchte Tötungsdelikte).

Es sei ein Job außerhalb der Norm, man müsse sich schnell auf unterschiedlichste Gegebenheiten einstellen. "Es gibt nichts Berechenbares. Wenn ich morgens ins Büro komm, weiß ich nicht, was der Tag bringt." Und das Katz-und-Maus-Spiel reizt ihn. Wenn der Täter alles tut, um seine Spuren zu verwischen oder falsche zu legen und die Mordermittler sich langsam an ihn heranarbeiten.

237 bedruckte Seiten sind so entstanden. Mit Geschichten, die Einblicke in die Arbeit und auch in das Gefühlsleben eines Mordermittlers geben. Über Freunde und Bekannte landeten die Blätter irgendwann bei einer Lektorin, die Thiess riet, die Szenen unbedingt als Buch herauszubringen. Via Internet suchte er nach Verlagen, reichte Manuskripte ein und unterschrieb am Ende bei dtv.

Das Polizeipräsidium München hat das Werk abgesegnet, nicht zuletzt auch deshalb, weil Thiess keine Persönlichkeitsrechte verletzt, Namen verfälscht und Örtlichkeiten anonymisiert, und weil er bemüht war, auf Effekthascherei zu verzichten und die Gefühle der Angehörigen nicht zu verletzen.

Das Buch von Thiess ist das erste seiner Art - und ganz bestimmt nicht das letzte. Er hat insgesamt vier weitere Manuskripte fertiggetippt, das zweite Buch ist schon beim Verlag und soll sich mit lustigen und kuriosen Fällen beschäftigen, von der Räuberjagd mit dem Radl auf dem Ostfriedhof bis hin zur Beschlagnahmung eines kompletten Flugzeuges.

Als schreibender Kriminaler wird Richard Thiess übrigens bald in bester Gesellschaft sein: Denn Mitte März will der ehemalige Chef der Mordkommission, Josef Wilfling, ein Buch mit seinen Erlebnissen auf den Markt bringen.

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