Voyeurismus mit Witz: Zwei Autoren haben die Münchner belauscht und die skurrilsten und absurdesten Alltagsdialoge aufgeschrieben.
Zwei Münchner begegnen sich zu vorgerückter Stunde in der Trinkhalle im Glockenbachviertel: "Hi. Du kennst mich jetzt nicht mehr, oder? Ich bin die Ex von deinem Cousin", sagt die eine. "Mensch, ne. Also, ich kann mir Namen merken oder Gesichter - aber keine Beziehungen", bekommt sie als Antwort.
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Dialoge wie dieser sind in dem Buch "Lauschangriff - Münchner Wortwechsel" festgehalten, das Hans Kelén und Eva Dziewas im Eigenverlag veröffentlicht haben. Die Autoren haben die Münchner belauscht und nun bereits den zweiten Band mit den besten Gesprächsfetzen herausgebracht.
Auf den knapp hundert Seiten streiten Münchner auf der Straße, lästern in der Bäckerei oder führen sinnfreie Gespräche im Restaurant. Manche Anekdoten sind nichtssagend, andere dagegen haben überraschende Pointen, die besser sind als in der "Harald Schmidt Show", die entlarvend sind für die Gesellschaft oder einfach nur absurd. Zum Beispiel, wenn zwei Gäste in der "Trattoria da Pino" in der Hohenzollernstraße folgenden Dialog führen: "Ist das vielleicht ein Nagetier?" - "Nein. Das ist ein Hund." - "Das gibt es doch gar nicht."
Autor Hans Kelén, der in Schwabing eine Werbeagentur betreibt, sagt: "Wir verraten bei den Dialogen nur den Ort und die Zeit - nicht aber, wer spricht." Bei der Geschichte mit dem Nagetier würde so jeder Leser seine eigenen Vorstellungen entwickeln. Den Zusatz, dass es sich um zwei ältere Damen handle, habe er bewusst weggelassen.
Liest man das Buch, scheint es, als wäre den Münchnern nichts peinlich, als strebten sie geradezu danach, ihre Privatsphäre in der Öffentlichkeit breitzutreten, als störe es sie nicht, sich mit einem Freund in einem U-Bahn-Vierer zu unterhalten, während die Sitznachbarn belustigt Blicke austauschen wegen des Gesprächs.
"Die Menschen reden immer lauter und immer mehr in der Öffentlichkeit", sagt Kelén und liefert auch gleich die Erklärung dafür. "Heute telefoniert jeder mit dem Handy." Gespräche, die früher daheim im Zimmer geführt wurden, sind heute auf der Straße abhörbar. Und die Münchner verlieren womöglich dadurch Skrupel, sich öffentlich mitzuteilen.
Kelén sagt selbst: "Auch ich rede über fast alles." Beinahe klingt es wie eine Ermutigung an alle Münchner, weiter öffentlich über alles zu plaudern: ob Fachsimpeleien über das Gärtnerplatztheater, das Entsetzen über den Anblick des eigenen Spiegelbildes, Trennungsgespräche am Handy oder die besorgte Frage auf einem Spielplatz: "Lalle ich?" Man muss nur genau hinhören - es lohnt sich.
Hans Kelén, Eva Dziewas und Freunde: Lauschangriff 2 - Münchner Wortwechsel. sputniks werbeagentur. November 2008. Preis: 9,95 Euro.
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