"Boris Godunow" an der Staatsoper Brave Regie, aufregende Musik

Es ist die letzte große Premiere unter Leitung von Kent Nagano an der Bayerischen Staatsoper: Modest Mussorgskis russische Historienoper "Boris Godunow". Doch der spanische Skandalregisseur Calixto Bieito hat sie erstaunlich brav inszeniert.

Von Helmut Maurò

Es beginnt mit einer dunklen, traurigen Melodie auf dem Fagott, dem tiefsten Holzblasinstrument. Tiefe Streicher und Posaunen folgen, in einer Art verzweifelter Begeisterung fallen Geigen ein, schließlich übernimmt ein massives Blechbläserkommando.

Dirigent Kent Nagano steht mit gewohnter Ruhe im Orchestergraben der Bayerischen Staatsoper und hat das alles sehr präzise im Griff, ohne bei jedem klanglichen Überraschungseffekt gleich hysterisch zu werden. Hat er nicht nötig, ist auch nicht seine Art, die Historienoper "Boris Godunow" von Modest Mussorgsky ist noch lang, es wird noch viel passieren, bis sich der nach oben gemordete Fürst Boris an seiner eigenen Macht moralisch die Zähne ausbeißt.

In seiner ruhigen Souveränität hat Nagano das Münchner Publikum, und nicht nur das, seit Beginn seiner Chefposition an der Bayerischen Staatsoper begeistert. Vor sechs Jahren war das erst; es kommt einem vor wie eine Ewigkeit, so sehr hat Nagano das Orchester und den musikalischen Betrieb am Münchner Nationaltheater in dieser Zeit erfrischend neu geprägt.

Das instrumentale Vorspiel ist nur kurz, der spanische Skandalregisseur Calixto Bieito hat eine Phalanx martialisch aufgerüsteter Polizisten aufmarschieren lassen, dahinter versammelt sich protestwilliges Volk. Im Original des russischen Komponisten Modest Mussorgski, der den Operntext nach dem gleichnamigen Roman von Alexander Puschkin verfasst hat, versammelt sich das Volk im Hof des Nowodjewitschij-Klosters bei Moskau.

Bieito hält die Situation als überzeitliche und überörtliche Szene klassischer Machtverhältnisse fest. Klischeehaft eintönig kommt einem das heutzutage vor, man kennt die Bilder von Massendemonstrationen und war vielleicht auch hin und wieder schon mal hautnah involviert. Von Bieito hätte man mehr erwartet, er will doch die Schreckenswirkung der anonymen Staatsgewalt auf das Individuum zeigen und stellt stattdessen nur anonyme Polizeimasse gegen heterogen wabernde Volksmasse.

Kein Ort für Spaß

Nikititsch, der gewaltgeile Oberpolizist (eindrucksvoll gesungen von Goran Juric), prügelt ein bisschen auf die Leute ein und zwingt sie auf die Knie. Sie sollen den Boris Godunow als neuen Zaren anbeten und ihn damit in seine neue Rolle zwingen, von der er selber noch gar nicht überzeugt ist.

Er war enger Berater des verstorbenen Zaren, und die eigentlichen Strippenzieher im Hintergrund, allen voran Schtschelkalow (gesungen von Markus Eiche), Geheimschreiber der Duma, sehen in ihm einen willfährigen König. Nun gilt es nur noch, ihn zu überzeugen und die aufständischen Bojaren klein zu halten. Das geschieht vor allem mittels bombastisch angelegter Chor- und Orchestermassen, Posaunenfanfaren und großem Glockengeläut.

Manchmal ist es ein bisschen zu viel, und man wünscht sich vom Komponisten Mussorgsky, den man als einfallsreichen Gestalter der "Bilder einer Ausstellung" kennt, ein bisschen mehr Abwechslung in der musikalischen Gestaltung. Verglichen mit anderen Historienopern der Zeit wie zum Beispiel Alexander Borodins "Fürst Igor", bleibt Mussorgskys Musik über weite Strecken entweder dunkel flüsternd depressiv oder bombastisch aufschreiend depressiv.

Das meist durchgehend rezitativische Singen der - durchweg ausgezeichneten - Solisten klingt oft wie ein überdreht lautes Gemurmel, immer in Moll, immer klagend, anklagend, verzweifelnd, weinend, ausweglos. Kein Ort für Spaß, keine Zeit für Fröhlichkeit.