Diskriminierte NS-Opfer Gedächtnislücken

Protest gegen Vorurteile: Zwölf Sinti traten im April 1980 auf dem Gelände der KZ-Gedenkstätte Dachau in einen Hungerstreik, der sieben Tage dauerte.

(Foto: Frank Leonhardt/dpa)

Bestimmte Opfergruppen, die einst von den Nationalsozialisten verfolgt wurden, werden bis in die heutige Zeit von der Erinnerung ausgeklammert

Von Jakob Wetzel

Die Diskriminierung hat überlebt. Im Mai 1945 endete der Zweite Weltkrieg und mit ihm das Regime der Nationalsozialisten. Doch zumindest eines, was sie geschaffen hatten, blieb: Die Nazis hatten für die von ihnen Verfolgten Kategorien erfunden, augenfällig in den Konzentrationslagern. Dort bekamen politische Gegner rote Winkel auf die Häftlingskleidung, religiös Verfolgte violette, Homosexuelle rosarote, Emigranten blaue. Für Kriminelle gab es grüne Winkel, für sogenannte Asoziale schwarze. Juden erhielten einen doppelten Winkel, der einen Davidstern ergab. Diese Ordnung der Opfer hat sich in der Erinnerung und im Gedenken bis heute gehalten. Und mehrere der damaligen Häftlingsgruppen sind bei ebendiesem Gedenken jahrzehntelang außen vor geblieben, darunter auch Sinti und Roma.

"Man hat bestimmte Opfer anfangs bewusst ausgeklammert", sagt Albert Knoll, Archivar der KZ-Gedenkstätte Dachau. An jüdische oder auch politische Opfer wurde bald erinnert. Sinti und Roma dagegen, die als "asozial" galten, hatten es schwer, ebenso Homosexuelle. "Die Ressentiments waren nach 1945 genau so da wie vorher", sagt Knoll. Die Entscheider waren oft dieselben Personen: In der jungen Bundesrepublik besetzten viele frühere Nazis weiterhin führende Posten. Und nicht nur bei ihnen saßen die Vorbehalte tief. "Asozialen" und "Berufsverbrechern" sei doch Recht geschehen, hieß es. Laut Knoll legten auch die US-Besatzer bei der Umerziehung der Deutschen zu Demokraten keinen gesteigerten Wert auf ein Gedenken an Sinti und Roma oder an Homosexuelle.

Wie weit die Ressentiments reichten, zeigen Gerichtsurteile. So erhielten Sinti und Roma anders als andere Opfer für einen großen Teil des Leids, das ihnen zugefügt worden war, zunächst keine Entschädigung. Richter urteilten, sie seien nicht aus rassistischen Gründen verfolgt worden, sondern weil sie eben asozial seien. Die Nazis hätten die Kriminalität eindämmen wollen, die Verfolgten seien selber schuld. Diese Sicht untermauerte 1956 gar der Bundesgerichtshof: Er schrieb, Sinti und Roma neigten, "wie die Erfahrung zeigt, zur Kriminalität, besonders zu Diebstählen und Betrügereien, es fehlen ihnen vielfach die sittlichen Antriebe der Achtung vor fremdem Eigentum, weil ihnen wie primitiven Urmenschen ein ungehemmter Okkupationstrieb zu eigen ist". Erst in den Sechzigerjahren rückte der BGH davon ab. Eine Entschuldigung folgte erst 2016.

Auch bei den anderen einst Verfolgten fanden die Sinti und Roma anfangs keine Unterstützung. Im Internationalen Häftlingskomitee des früheren KZ Dachau etwa gaben politisch Verfolgte den Ton an. Sie verwehrten ein Gedenken auf Augenhöhe mit dem Argument, ein solches müsse man sich durch aktiven Widerstand gegen die Nazis verdient haben. Freilich: Gegen das Gedenken an die ermordeten Juden brachten sie das nicht vor.

Gehör fanden Sinti und Roma erst seit den Achtzigerjahren; Der Archivar Albert Knoll spricht von einem "Aufbruchsjahrzehnt für die Vergessenen". Im Frühjahr 1980 erregten zwölf deutsche Sinti, darunter KZ-Überlebende, mit einem Hungerstreik in der KZ-Gedenkstätte Dachau weltweit Aufsehen; sie forderten ein Ende der Diskriminierung durch Justiz und Polizei. 1982 gründete sich als Interessenvertretung der Zentralrat Deutscher Sinti und Roma. 1985 formierte sich in München auch eine Initiative, die eine würdige Erinnerung an die ermordeten Homosexuellen forderte.

Die Stadt München reagierte, wenn auch erst spät. Im Jahr 1993 gab es eine Ausstellung über das Schicksal Münchner Sinti und Roma im Neuen Rathaus. Und 1995, ein halbes Jahrhundert nach Kriegsende, ergänzte die Stadt den bereits 1946 so benannten Platz der Opfer des Nationalsozialismus um einen von Toni Preis entworfenen Gedenkstein. Andere Erinnerungsorte waren am Widerstand von Hausbesitzern oder des bayerischen Innenministeriums gescheitert. Der Platz am Rand der Münchner Altstadt ist zuletzt bis 2014 umgestaltet worden; eine 18,50 Meter lange und 1,30 Meter hohe Bronzetafel erinnert dort seitdem nicht mehr pauschal an alle Opfer, sondern an einzelne Gruppen. Ein eigenes Denkmal für die im Nationalsozialismus ermordeten Homosexuellen, ein Bodenmosaik am Ort eines früheren Schwulenlokals, ist zumindest beschlossen und geplant, wenn auch immer noch nicht fertig.

Anderer Opfer dagegen wird noch immer kaum gedacht, etwa sogenannter "Berufsverbrecher"; als solcher konnte einer bereits gelten, wenn er nur aus Hunger wiederholt Essen gestohlen hatte. Auch an die als "Asoziale" gebrandmarkten Toten wird kaum erinnert. Darunter fassten die Nazis neben Sinti und Roma unter anderem Bettler, Zuhälter, Prostituierte, Wucherer oder auch Arbeitslose, die mehrmals ihnen zugewiesene Tätigkeiten abgelehnt hatten. Für diese Opfer, sagt Knoll, gebe es bis heute keine Lobby.