Billard mit 97 Jahren "Ich hab' immer ungesund gelebt und positiv gedacht"

Marieluise Schweer ist 97 Jahre alt und alle zwei Wochen im Schelling-Salon - zum Billiard spielen.

(Foto: Catherina Hess)

Marieluise Schweer, stolze 97 Jahre alt, hat viel mitgemacht und sich trotzdem nicht unterkriegen lassen. Nun widmet sie sich im Schelling-Salon ihrer neuen Leidenschaft - dem Billardspiel.

Von Sonja Niesmann

Kurz nach elf geht die Schwingtür des Schelling-Salons auf, eine kleine Frau schiebt flott ihren Rollator herein, parkt ihn neben dem dritten Tisch links - es ist immer derselbe Tisch. Hose, Bluse und Weste in Beige-Braun, schwarzer Schal, bunte Halskette und eine schwarze, schräg aufs braune Haar gedrückte Baskenmütze. Ohne Hut geht eine Dame nicht aus dem Haus, das hat ihr die Mutter eingeimpft.

Ein Gruß zu einem jüngeren Mann am Nebentisch, man kennt sich, eine kurze Unterhaltung über das gerade auf Eurosport übertragene Snooker-Turnier. "Haben Sie's gesehen?" Trump - Judd, nicht Donald . . . - schlug O'Sullivan. Dann der Griff zum Queue, die Hand aufgestützt, ganz ruhig, die Unterlippe leicht geschürzt, ein scharf visierender Blick durch die Brille, ein Stoß - und die erste Kugel rollt ins Loch. "Na also", sagt sie trocken.

Marieluise Schweer ist vor einigen Wochen 97 geworden, am 24. Januar. Sie sieht keinen Tag älter aus als 77, und wenn man sie um den großen Billardtisch herumspazieren sieht, fragt man sich, wozu sie eigentlich den Rollator braucht. Aber Schmeicheleien setzt sie gleich resolut ein Ende. Das Billardspiel hatte sie schon lange gereizt, erzählt sie, aber es hat sich einfach nie ergeben. Mann, Kinder, Arbeit.

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Eines Morgens machte sie sich kurz entschlossen auf den Weg zum Schelling-Salon; ein anderes Lokal als diese 140 Jahre alte Gaststätte an der Schellingstraße 54, die so manchen, nicht nur Billardfreunden, ein zweites Wohnzimmer ist, kam nicht in Frage. Sie sprach einen Herrn an, der allein vor sich hinspielte und bat ihn, ihr den Umgang mit Queue und Kugeln beizubringen. Da war sie knapp 80 und vergnügte sich fortan dort jede Woche einmal an den mit grünen Filz bespannten Tischen. Heute spielt sie alle zwei Wochen, mit einem alten Bekannten aus gemeinsamen SPD-Zeiten in Neuhausen.

Die beiden gehen das sehr entspannt an, ohne Ehrgeiz, nicht jeder Stoß sitzt, vor allem nicht, wenn jemand neugierig dabei über die Schulter schaut. "Aber wir spielen ja bloß für den Spaß." Dann freilich, sie ist schon ganz schön abgeschlagen, legt sie eine beachtliche Aufholjagd hin, versenkt zuletzt die Acht. Zack. "So, und jetzt mach' ich meine Zigarettenpause." Zückt Silberetui und Zigarettenspitze und geht raus vor die Tür.

Sie raucht seit 75 Jahren, "schon ein kleines Wunder", dass es sie bisher nicht umgebracht hat. Aber auf ihr Alter angesprochen, antwortet sie eh gerne mit dem Spruch: "Ich hab' immer ungesund gelebt und immer positiv gedacht."

"Mein Haltbarkeitsdatum ist eigentlich überschritten"

Genüsslich zieht Marieluise Schweer an ihrer Zigarette - 97 Jahre, ja, das gäbe Erzählstoff für Tage. Aber sie kann ihr Leben auch in Kurzform packen. Zwei Ehen, die zweite bis zum Tod ihres Mannes "glückliche 45 Jahre lang", dazwischen 18 Jahre allein erziehende Mutter von drei Töchtern. 30 Jahre als Disponentin bei Mercedes, nebenbei im Betriebsrat. Seit 1980 im Ruhestand, also inzwischen 37 Jahre - länger, als sie im Job war. "Mein Gott, mein Haltbarkeitsdatum ist eigentlich überschritten", witzelt sie. Ruhestand? In sich ruhend wirkt die 97-jährige wohl, aber beschäftigt ist sie immerzu.

Sie malt leidenschaftlich, Aquarelle und in Acryl. Sie schreibt gerne, früher auch für eine Zeitung der Münchner Volkshochschule. Sie hat mit großem Interesse verschiedene Philosophiekreise besucht. Demnächst erscheint ein Buch mit Lyrik und Geschichten von ihr und ein Katalog mit ihren Bildern. 50 Exemplare hat sie von beiden drucken lassen, für Familie, Freunde, Bekannte. Öffentlicher soll das gar nicht sein, sie hat "keinen Bock drauf", Fremde in ihr Leben, ihre Seele blicken zu lassen.

Vor fünf Jahren ist sie in eine Seniorenresidenz an der Grenze zwischen dem Westend und Laim gezogen, 18. Stock, Blick auf die Berge. Davor hatte die gebürtige Nürnbergerin 45 Jahre lang in Neuhausen gelebt, an der Artilleriestraße. In der Seniorenresidenz ist sie vor drei Jahren in den Bewohnerbeirat gewählt worden, mit den meisten Stimmen - wer seit 1951 in der Gewerkschaft und seit 1984 in der SPD ist, zehn Jahre auch Mitglied im damaligen Bezirksausschuss Neuhausen-Moosach, legt sein soziales Gewissen nie ab. Außerdem hat sie im Seniorenheim mit drei anderen Mitbewohnern - gemeinsam waren sie da 342 Jahre alt - eine Theatergruppe gegründet. "Ach, es gibt ja so viele interessante Dinge im Leben", sagt Marieluise Schweer.

Aber jetzt will Billardpartner Hans-Jörg Scheerer, 77, bisher geduldig, weiterspielen, er klopft mit dem Stock auf den Boden des Schelling-Salons: "So, du musst wieder ran." Sie korrigiert ihn, milde: "Ich muss gar nichts, Hans-Jörg." Denn das, sagt sie zufrieden, sei doch einer der großen Vorteile des Alters, wenn man zwar von ein paar Beschwerden geplagt, aber fit im Kopf ist: "Freiheit. Keine Fremdbestimmung."

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