Betreuung von Angehörigen Pflege, die krank macht

Loslassen können, das habe sie lernen müssen, sagt Helga Wenk - hier mit Sohn Georg.

(Foto: Catherina Hess)

Georg Wenk leidet an Muskelschwund. Seine Mutter Helga betreut ihn. An sich und ihre Bedürfnisse denkt die 77-Jährige kaum. Ihr Rheuma plagt sie und in den Urlaub fährt sie nur noch virtuell - mit der Webcam.

Von Anne Goebel

Die Hände von Helga Wenk halten selten still. Sie streichen über das Tischtuch bei einem Satz, der ihr wichtig ist, blättern im eng beschriebenen Terminkalender, fassen Georg Wenk am Oberarm, wenn die Mutter den Sohn ermuntert, sich an eine Begebenheit zu erinnern. "Georg, hilf mir, wann war das?", fragt sie dann. Dabei ist sie es, die dem 52-Jährigen hilft, sein Leben überhaupt zu meistern, seit er im Rollstuhl sitzt. Dafür fährt sie jede Woche viele Kilometer, telefoniert, notiert nützliche Adressen, kauft ein, sorgt für Nachschub bei den Windeln. "Ich möchte ihm am liebsten meine Hände geben", sagt Helga Wenk über ihren Sohn, der wegen einer rapide fortschreitenden Muskelschwäche immer weniger Dinge selbst tun kann.

Wie sehr das an ihren eigenen Kräften zehrt, darüber redet sie nur zögernd. Man muss eher auf die Körpersprache der 77-Jährigen achten, wieder auf ihre Hände, die jetzt auf einmal stillhalten und sich wie schützend um ein unsichtbares Rund legen, während sie sagt: "Wir hätten eine kleine Familie sein können." Doch ihr Wunsch, Weihnachten gemeinsam mit dem Sohn und ihrem Lebensgefährten zu verbringen, wird nicht in Erfüllung gehen. Sie hat keinen kurzfristigen Pflegeplatz für Georg gefunden. Helga Wenk, die wie ihr Sohn in Wahrheit anders heißt, klagt nicht darüber, das ist wohl nicht ihre Art. Trotzdem ist für einen Moment Trauer zu spüren und Erschöpfung.

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Helga Wenk ist "pflegende Angehörige". Das ist nicht nur eine Tatsache, weil sie einen Großteil ihrer Zeit damit verbringt, sich um den kranken Sohn zu kümmern. Es ist auch ein Begriff aus der inzwischen jahrzehntealten Diskussion über die richtige Versorgung von Menschen, die ihren Alltag nicht alleine bewältigen können. Und der Begriff ist nicht zufällig in diese Debatte hineingeraten: Familienmitglieder spielen eine Schlüsselrolle.

Etwa 70 Prozent der Betroffenen werden zu Hause betreut - meistens alte, oft demenzkranke Menschen. Die Probleme dabei sind überall die gleichen. Weil die Pflegeversicherung die Betreuung in Heimen begünstigt - daran ändert auch die aktuelle Reform nichts Wesentliches -, stehen die Familien unter enormem Druck. Sie wünschen sich eine Pflege zu Hause. Doch um das zu realisieren, muten sie sich aber fast immer zu viel zu. Der kranke Vater, die altersverwirrte Mutter, das behinderte Kind werden zur Zerreißprobe für das eigene Leben. Weil die von der Versicherung abgedeckten Pflegedienste nur das Nötigste leisten können. Weil sie nicht kurzfristig einspringen. Weil sie zu teuer sind.

Claus Fussek von der Münchner "Vereinigung Integrationsförderung" beschäftigt sich seit langem kritisch mit dem Thema Pflege, er kennt viele Fälle wie den von Helga Wenk: der Raubbau an der eigenen Gesundheit, um einen Verwandten zu versorgen. "Die Überlastung und finanziellen Probleme von pflegenden Angehörigen werden nicht in ihrem wahren Ausmaß wahrgenommen", sagt Fussek. Er habe den Eindruck, man wolle "das Fass gar nicht erst aufmachen".

Für den Sozialpädagogen steht aber fest, dass neue Ansätze für die heimische Versorgung im Zentrum der Aufmerksamkeit stehen müssten. "Die Entlastung der Angehörigen ist der wesentliche Punkt, um das Thema Pflege überhaupt in den Griff zu bekommen." Er fordert eine neue Grundlage für die Arbeit ambulanter Dienste. "Bezahlbare, flexiblere Angebote, das ist es, was die Betroffenen brauchen. Damit sie unterstützt werden, bevor ganze Familien zusammenbrechen." Fussek nimmt auch die Mediziner in die Pflicht, die mehr öffentliche Aufmerksamkeit herstellen könnten. Es helfe nichts, immer neue Studien zur Überalterung der Gesellschaft zu erstellen. Man brauche konkrete Maßnahmen. "Wenn Hausärzte einmal ehrlich thematisieren würden, was sie draußen erleben, käme keiner mehr an dem Problem vorbei."

Dass Helga Wenk Probleme bekommen würde mit ihrem Sohn Georg, war ziemlich früh klar. Aber sie hat es lange verdrängt. Der jüngste ihrer vier Buben war, so erzählt die gebürtige Augsburgerin, "immer bissle schwerfällig". Als er in der zweiten Klasse anfing, sich beim Treppensteigen am Geländer nach oben zu ziehen, "wussten wir, dass etwas nicht stimmt". Georg Wenk leidet unter einer Muskeldystrophie, einem genetisch bedingten fortschreitenden Schwund der Muskulatur, und als der Befund in den frühen Sechzigerjahren gestellt wurde, waren die medizinischen Erkenntnisse deutlich geringer als heute.