Beschwerdestelle für Sexismus "Nimm doch mal die Latte"

Die Brüste einer Schülerin berühren, Anspielungen auf Oralsex machen, der Kollegin einen Klaps auf den Hintern geben: Bei der Stadt München kümmert sich die Beschwerdestelle für sexuelle Belästigung um teils haarsträubende Fälle. Und verzeichnet eine Vervierfachung der gemeldeten Grenzüberschreitungen innerhalb von zwei Jahren.

Von Beate Wild

Die Anspielungen auf Oralsex waren sehr verstörend für die junge Frau. Sie machte mit ihrem Vorgesetzten gerade Mittagspause. Er aß ein Eis am Stiel. Was dann passierte, ist im Bericht der Beschwerdestelle für sexuelle Belästigung der Stadt München detailliert geschildert: Er habe das Eis "bearbeitet wie einen Penis" und dazu laut "mh, mh, mh" gestöhnt. Anschließend habe er seine Mitarbeiterin gefragt, ob sie es mit ihrem Freund genauso mache. Der Vorfall war der traurige Höhepunkt einer Reihe von sexuellen Belästigungen, die eine städtische Angestellte durch einen wesentlich älteren Kollegen erdulden musste.

Seit den Vorwürfen um FDP-Politiker Rainer Brüderle ist das Thema Sexismus aktueller als je zuvor. Bei der Stadt München kümmert sich seit 2006 Tamara Geiger bei der Beschwerdestelle im Rathaus um Fälle in städtischen Betrieben und Schulen, die in den Bereich Sexismus und sexuelle Belästigung fallen. Hier landen nicht nur Vorkommnisse, bei denen Vorgesetzte anzügliche Witze und sexistische Andeutungen machen, sondern auch Fälle, bei denen Lehrer sich daneben benehmen - und etwa die Oberweite einer Schülerin kommentieren oder ihr Schneebälle in den Ausschnitt stecken.

Anfangs war die Resonanz noch zögerlich, doch seit 2010 die Missbrauchsfälle in der katholischen Kirche und der Odenwaldschule bekannt wurden, trauen sich immer mehr Opfer, die Vorfälle zu melden. "Die Zahl der registrierten Grenzüberschreitungen hat sich vervierfacht", sagt Geiger. Im Jahr 2012 waren es 50 Beschwerden, die bei ihr ankamen. In manchen Fällen könnte man sich als Außenstehender noch fragen, ob es nicht einfach ein Kompliment gewesen sei, wenn der Kollege sagt, das rote Kleid stehe einem doch ganz hervorragend. "Doch wenn er die Aussage mit einer anzüglichen Stimme und einem tiefen Blick ins Dekolleté kombiniert, handelt es sich eindeutig um eine sexuelle Grenzüberschreitung", sagt Stadtdirektorin Angelika Beyerle, der die Beschwerdestelle unterstellt ist.

Gerade an den Schulen fallen Lehrer immer wieder mit sexistischen Kommentaren und Handlungen auf. Beyerle und Geiger haben zahlreiche Beispiele gesammelt. Etwa ein Lehrer, der im Sportunterricht zu einer Schülerin sagt: "Kauf dir doch einen Sport-BH, das wäre besser für deine Figur." Ein Lehrer, der "zufällig" durch die Mädchen-Umkleidekabine spaziert, in der sich die Schülerinnen gerade umziehen. Ein Lehrer, der beim Chemieunterricht bei einem Experiment wie zufällig die Brüste der Schülerin berührt. Ein Lehrer, der einer Schülerin das Handy wegnimmt, es in seine Hosentasche steckt und sagt: "Wenn du es wieder haben willst, dann hol' es dir doch raus." Oder eine Schülerin, die im Sexualkundeunterricht über pikante Details abgefragt wird, obwohl Sexualkunde nicht geprüft werden darf.