Beratungsstelle Alltagsrassismus ist in München ein Problem

"Oft sind es äußere Merkmale wie Hautfarbe oder Kleidung, nach denen rassistische Täter ihre Opfer aussuchen", sagt Christine Umpfenbach von "Before".

(Foto: imago/Ralph Peters)

Nicht nur Neonazis werden zu Tätern. Die Beratungsstelle "Before" unterstützt seit einem Jahr Opfer rassistischer Gewalt.

Von Silke Lode

A. hatte sich auf einen unbeschwerten Abend gefreut, als er zum Tanzen in eine Disco am Ostbahnhof ging. Doch auf der Tanzfläche griffen fünf Männer den jungen Nigerianer an. Sie schlugen ihn, beschimpften ihn als "Scheiß Neger", schubsten seinen Freund zur Seite.

Christine Umpfenbach kann viele solcher Vorfälle erzählen. Mal sind Schwarze betroffen, mal Geflüchtete, "auffällig viele Frauen mit Kopftuch", sagt Umpfenbach. Vor einem Jahr hat "Before" die Arbeit in München aufgenommen, eine Beratungsstelle für Betroffene von rechter und rassistischer Gewalt oder Diskriminierung. Weil es ein solches Angebot bislang nicht gab, übernahm die Stadt die Finanzierung. Ohnehin stammt die Initiative aus der Politik: Vorsitzender ist Alt-OB Christian Ude, geschäftsführender Vorstand der frühere Grünen-Fraktionschef Siegfried Benker.

"Als wir anfingen, war ich mir nicht sicher, ob wir in München gebraucht werden", erinnert sich Umpfenbach, eine der vier Beraterinnen. Die Bilanz des ersten Jahres: fast 100 Fälle in München und im direkten Umland, 41 davon im Bereich rechte oder rassistische Gewalt. "Oft sind es äußere Merkmale wie Hautfarbe oder Kleidung, nach denen rassistische Täter ihre Opfer aussuchen", erzählt Umpfenbach. Die 17-jährige B. und ihre Mutter zum Beispiel, beide Kopftuchträgerinnen, die abends in der U-Bahn unterwegs waren.

Plötzlich bewarf ein Mann von hinten die Mutter mit schmutzigen Servietten. Als B. fragte, was das solle, reagierte der Mann mit wüsten Beschimpfungen ("Wir sind hier alle Christen, wir hassen die Muslime!"). Als B. ihn aufforderte, den Mund zu halten, ohrfeigte der Mann sie zwei Mal und verletzte sie dabei am Auge. Als B. den Notfallknopf drücken wollte, ließ ein Fahrgast sie nicht vorbei. Erst nach einiger Zeit schritt ein junger Mann ein.

Der Vorfall riss sie völlig aus dem Leben

Typisch sind an diesem Fall in Umpfenbachs Augen gleich mehrere Dinge: "Bei rassistischer Gewalt sind nicht nur Neonazis die Täter", sagt sie und führt das auf die Aktivitäten von Pegida oder der AfD zurück. In Bayern gebe es zwar im Vergleich zu den neuen Bundesländern weniger "krasse" Gewaltvorfälle, dafür sei hier der Alltagsrassismus ausgeprägt: "Das wird man wohl noch sagen dürfen", sei eine ganz typische Aussage. "Und insgesamt scheint die Hemmschwelle zur Gewalt zu sinken, wenn jemand Kopftuch trägt oder eine andere Hautfarbe hat", sagt Umpfenbach.

Typisch seien auch die Folgen für das Opfer: Mehrere Wochen traute B. sich kaum vor die Tür, der Vorfall riss sie völlig aus dem Leben. B. war verstört, aß wenig, konnte nicht mehr schlafen. Sie hatte Angst, öffentliche Verkehrsmittel zu benutzen. Angst, wegen ihres Kopftuchs erneut angegangen zu werden. Ihre gerade begonnene Ausbildung musste sie abbrechen.

Wenn Before in solchen Fällen um Hilfe gebeten wird, bieten zwei Berater zunächst immer ein gemeinsames Erstgespräch an, bei dem sie fragen, welche Hilfe gebraucht wird. Sie stellen ihre Möglichkeiten vor. Prüfen, ob Anzeige erstattet wurde und ob das gewollt wird. Klären, ob juristische Beratung oder therapeutische Hilfe sinnvoll ist. Ihr Ziel ist es zunächst, den Betroffenen zurück in den Alltag zu helfen.

Doch es geht auch um Gerechtigkeit, um eine Anerkennung dessen, was vorgefallen ist: "Für die Betroffenen ist es wichtig, dass rassistische Übergriffe auch als solche benannt werden und nicht als Nachbarschaftsstreit oder Streit in der Disco bagatellisiert werden", berichtet Umpfenbach. "Polizei und Justiz müssen darauf mehr achten - für die Betroffenen ist das sehr verletzend."

So wie im Fall von A., dem jungen Nigerianer. Der Sicherheitsdienst der Disco hielt nur einen der fünf Angreifer fest, die Polizei kam nach der Anzeige zu dem Schluss: Rassistisch motiviert war der Angriff nicht. Im Dezember 2016 urteilte das Gericht: Der Täter erhält eine Freiheitsstrafe, die für drei Jahre zur Bewährung ausgesetzt wird. Und kein Schmerzensgeld für das Opfer - trotz Verletzungen an Hand und Schulter.

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