Von Von Wolfgang Görl

Wie sich der Mensch in Hellabrunn dem Tier nähert, und warum er dabei Pommes mit Ketchup braucht.

Kann sein, dass es die Hitze über der Isarbrücke war, die gleißende Sonne, die eine Verheißung in den Himmel schrieb: Gleich wirst du eintauchen in die Wildnis, wirst im Dschungel dem Tiger begegnen, wirst durch australische Steppen wandern, neugierig beäugt von Emu und Känguru, dann ein Ausflug in die Alpen, das Murmeltier, der Steinbock, und endlich Afrika, die Zebra- und Antilopenherden am Horizont und vor dir der Elefant, majestätisch und grau.

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Ins Hirngespinst mischen sich Erinnerungen an Kindertage, die Zoobesuche in Obhut der Eltern, und wieder taucht vor dem geistigen Auge ein Elefant auf: "Bitte nicht füttern" war mit Kreide auf seinen Kopf geschrieben, weshalb er vergeblich den Rüssel zu den Besuchern streckte, während seine Artgenossen mit allem gemästet wurden, was die Handtasche hergab. Armer Elefant, dachten wir, wie ungerecht muss dir die Menschenwelt vorkommen. Gleichwohl, es waren glückliche Stunden, die werden heute, an einem heißen Mittwoch im August 2003, doch bitteschön wiederkehren, zumal die ersten Rufe der Wildnis schon zu hören sind, ein Krächzen, ein Schnattern und Geheul. Karl Valentin kommt einem in den Sinn, sein Zoobesuch, bei dem die Karlstadt fragt: "Horch, was is denn das für ein Gebrüll?" Und er: "Das sind wahrscheinlich Brüllenschlangen."

So, damit wären wir bestens eingestimmt für den Tierpark Hellabrunn, und dort vorn ist auch schon die erste Schlange: Keine Brüllenschlange, doch immerhin lärmend und zwanzig Meter lang, ein Gebilde aus Männern, Frauen, Kindern, Kinderwagen und Hunden. Liegt träge vor den Kassenhäuschen.

Man muss es als höhere Fügung nehmen, die einem bis zum Erwerb des Billetts die Gelegenheit verschafft, mit Anstand Abschied zu nehmen von den Dschungelträumen und Ordnung in seine Gedanken zu bringen: Bitte, es sind Ferien, da verweigern nur Rabeneltern ihren Sprösslingen den Zoobesuch, und überdies ist die Begegnung Kind-Tier pädagogisch wertvoll, weil sie in geglückten Fällen zu Respekt und Achtung vor der Kreatur führt. Quengelnde Kinder, schimpfende Väter, Mütter am Rande des Nervenzusammenbruchs gehören nun mal zum Tierpark wie Löwe und Giraffe, und letztlich lernen die Kleinen ja was im Zoo. Zum Beispiel das Mädchen, das am Nachmittag den in seinem Brettergehäuse vor sich hindösenden Tiger bedauert: "Das ist ja Tierquälerei, der hat ja gar nichts." "Was soll er denn haben?", fragt der Opa. "Eine Dekoration oder was zum Turnen." Damit kommt sie beim Opa an den Rechten: "Ja magst ihm ein paar Bilder aufhängen. Der will doch nur fressen und schlafen, sonst nichts."

Aber wir haben vorausgegriffen. Im Moment sind wir noch im Eingangsbereich, rechts von uns staksen Flamingos durchs Wasser, und bei Karl Valentin ist dies der Moment, in dem er einen "wunderbaren Tintenfisch" oben auf dem Baum entdeckt, der sich dann doch als Steinadler entpuppt. Unsereins sticht als erstes der imposante Kinderwagen-Fuhrpark vor dem neuen Urwaldhaus ins Auge. Mehr als dreißig Gefährte sind dort abgestellt, von der einfachen Babychaise bis hin zu windschnittigen Formel-I-Boliden mit Doppelbereifung. Etwa zwanzig weitere Modelle kursieren drinnen, von resoluten Müttern als Rammbock eingesetzt. Es ist heute auch nicht leicht, bis zu den Glasscheiben vorzustoßen, hinter denen Gorillas und Schimpansen ihr Wesen treiben. Wer einmal einen guten Platz erkämpft hat, verhält sich so wie die Schlammspringer im gegenüberliegenden Aquarium, über die es auf der Lehrtafel heißt: "Wunderschön zu beobachten ist die Revierverteidigung des Männchens." Beim Menschen gilt dies für Männchen wie für Weibchen.

Steht man endlich in der ersten Reihe, schaltet man auf Revierverteidigung und will nicht mehr weg. Wie der kleine Gorilla mit dem Jungen durch das Fenster kommuniziert, wie sie sich anschauen, sich mustern, wie der Bub an die Scheibe klopft und der Affe zurückklopft, als wollte er sagen: "Hey, hier bin ich, wie heißt du?" Wie die halbstarken Gorillas ihre Kräfte messen und der alte Silberrücken aus seinem Obstsalat ausschließlich die Weintrauben herausfingert - bestürzend menschlich diese Gesellen. "Des is a Feinschmecker", kommentiert ein Herr. Und ein anderer, pragmatisch gestimmter: "Wieso geben sie ihm nicht gleich nur Weintrauben."

Wahrscheinlich wäre dies die richtige Methode, den Zoo zu besuchen: sich einfach nur ein Tier vorzunehmen und es stundenlang zu beobachten. Aber wir sollen ja Menschen beobachten, also weiter. Am Dschungelzelt ist ein eigenartiges Fauchen zu vernehmen. Eine Familie nähert sich, der Vater bekundet Wissensdurst: "Was is denn da für a Zeigl drin?" Eine Tafel verschafft Aufklärung: "Aha, Jaguar. Die dean aba greisli." Die Bemerkung geht ins Leere, weil sich seine Frau sogleich der optischen Erscheinung der Raubkatze widmet: "Mei, hat der ein schönes Fell, der is scho gscheit schee." Unmöglich, sich des Verdachts zu erwehren, hier träumt jemand vom Pelzmantel. Ihr Gatte lenkt rasch vom Thema ab: "Wenn der beißt, ist der Finger weg."

Aufregung im Polarium: Um 13 Uhr sollte Eisbär-Fütterung sein, und bis jetzt, es ist 13.10 Uhr, tut sich nicht das Geringste. Der Junge mit dem Scout-Rucksack vermisst ordentliche Action-Szenen: "Es ist langweilig, der macht nichts, der Bär, der liegt da nur rum." Der Bär muss das gehört haben. Richtet sich auf, streckt die Vorderbeine himmelwärts, die Nase kreist witternd durch die Luft. Jubelschreie, Kameras klicken, ein Raunen geht durch die Menge. "Wow, is des ein Trumm." Das Fressen bleibt trotzdem aus. "Heute kein Beutesimulator, Gerät defekt", steht auf einem Zettel. Die Menge zerstreut sich, und wir denken wieder an Valentin. Der wollte partout nicht zur Fütterung ins Raubtierhaus: "Ich kann's auch nicht leiden, wenn mir wer beim Essen zuschaut."

Ähnlich verschämt geben sich die afrikanischen Wildhunde, deren Pflicht es wäre, den Fleischbrocken hinterherzuhetzen, die an einem beweglichen Drahtseil hängend über ihre Köpfe hinwegrasen. Doch nur einer bequemt sich zur Jagd, die übrigen demonstrieren Desinteresse. "Die checken das nicht", meint fachmännisch eine junge Dame.

Allmählich verfestigt sich der Eindruck, dass es an diesem Tag nur eine Spezies gibt, die garantiert immer bei der Nahrungsaufnahme zu beobachten ist: der Mensch. Als Zoobesucher tritt er in zwei unterschiedlichen Ernährungstypen auf. Die einen führen Rucksäcke oder Picknick-Körbe mit sich, deren Inhalt von der profanen Käsestulle bis zur ausgeklügelten Salat-Kreation reicht, aber namentlich bei Kindern auf Missfallen stößt, sobald diese die andere Variante entdeckt haben: Pommes nämlich, Pommes mit Ketchup, oder Spaghetti Bolognese oder Currywurst - dargeboten im Selbstbedienungsrestaurant, mitunter auch in den diversen Imbiss-Häuschen. Gäbe es einen Beutesimulator für Tierparkbesucher, so hingen an ihm Pommestüten, Würste sowie in Fleischsauce getunkte Nudeln. Zwischen Weißbiertrinkern und ketchupverschmierten Tellern sitzend sehnt man sich zurück ins Speisezimmer des Silberrücken-Gorillas, der so kultiviert und spitzfingrig Weintrauben zu genießen verstand.

Das Behagen des Nashorns

Man kann aber auch in eine der stillen Oasen flüchten, die die wunderbare Aulandschaft des Tierparks selbst an Tagen des Massenandrangs noch bietet. Sie finden sich vor den Gehegen mäßig populärer Tierarten, und zu diesen gehört - ohne ihm zu nahe treten zu wollen - der asiatische Gaur. Ein buckliges Wildrind, das unseren Beobachtungen zufolge am liebsten im Schatten eines riesigen Holzhaufens liegt, hin und wieder mit dem Schwanz wedelt und ansonsten nichts tut. Vor dieser meditativen Kulisse lässt sich der Tag in Ruhe Revue passieren. Was haben wir nicht alles erlebt: die Bedächtigkeit der Riesenschildkröte, die Nacktheit des Nacktmulls, den Fleiß der Blattschneiderameisen, die Tischsitten des Ameisenbären, das Behagen des Nashorns, als eine Tierwärterin seine Flanken massierte. Woher Letzteres seinen Namen hat, wusste schon Valentin: "Weil's auf der Nase ein Horn hat." Aber Liesl Karlstadt ließ nicht locker: "Ja, wia is denn des dann beim Elefant?" Valentin: "Naja, der hat eine Ele am Fant."

Zugegeben, nicht alles, was man im Tierpark erfährt, hält einer kritischen Prüfung stand. Aber vor unseren Augen ist an diesem Tag ein Alpaka auf die Welt gekommen, es lag da, nass und zitternd, und die Kinder, die es gesehen haben, werden es nicht vergessen. Auch werden sie die schmusenden Löwen nicht vergessen, nicht den Kleinen Panda, der possierlich auf einer Bambusbrücke balancierte, nicht den Luchs, der die Aufforderung eines Fotografen ("Hey, schau mal her, blöder Hammel!") souverän ignorierte. Richtig subversiv, so ein Tag im Zoo: Am Ende kommen die Kleinen sogar auf den Gedanken, es wäre ein Skandal, wenn wieder eine Tierart für immer verschwände. Wenn das Nashorn, die Gorillas nur noch als Erinnerung an einen Zoobesuch im Sommer 2003 existierten.

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