Im Becken mit Molly, Madl & Cosima: Helmut Kern leitet das Polarium - und braucht dafür sehr viel Feingefühl.
Der Geruch kriecht durch die Nase in den Rachen, und da klebt er fest. Hartnäckig, als hätte man eine Fischsemmel gegessen. In den Haaren sitzt der Gestank, und in der Kleidung, die immer trieft, weil hier alles nass ist. Dazu das Geschrei der Robben: seltsam bellende, kläffende Laute. Wenn die Babys rufen, hört es sich manchmal an, als müssten sie sich übergeben. So war es auch, als Helmut Kern 1978 das erste Mal einen Fuß in die Fischküche des Polariums setzte, in der mittendrin der große Steintrog steht. Hunderte samtäugiger Tiere treiben in einer Suppe aus Blut und Laich. "Ja, du liaba Gott", erinnert er sich: Keine Woche habe er hier bleiben wollen. Aber der Mensch gewöhnt sich an Vieles. Und wenn er Glück hat, wird ihm das Gewohnte zur Lust.
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Helmut Kern ist heute, mehr als 20 Jahre nach seiner Lehrburschenzeit, Chef des Polariums im Tierpark Hellabrunn. Ein Mann wie ein Eisbär, mit muskelbepackten, tätowierten Oberarmen und einem Bauch, den er lachend reibt, wenn er erzählt, wie seine Robben sich am liebsten das ganze Jahr über den Winterspeck anfuttern würden. Nur wenn man Kern auf seinen Bart anspricht, der einer Robbenschnauze ähnelt, geht er nicht drauf ein. Man muss ja nicht alles psychologisieren.
Obwohl: Es könnte schon sein, dass dieser Bart ein unbewusster Ausdruck einer Liebe zu den Tieren ist, die da durchs Becken huschen, plötzlich auftauchen, sich wieder hineinplumpsen lassen, wobei das Wasser auf die Besucher spritzt, die zu dicht an der Glasscheibe stehen. Momentan tauchen die Robben allerdings im Trüben: Der trockene Sommer hat den Brunnen, der sonst die eine Million Liter fassenden Becken speist, versiegen lassen. Dass den Tieren die Algen nicht schaden, ist das Erste, was Helmut Kern bei der Fütterung erklärt. Leider muss das Publikum zur Zeit auf die üblichen Kunststücke verzichten, weil die drei im Juni geborenen Robbenbabys ihre Mütter noch zu sehr ablenken. "Wir sind halt ein Zoo, kein Zirkus", sagt Kern. Da habe das Wohl der Tiere Vorrang vor dem Vergnügen der Zuschauer.
"Pflegetraining" nennt Kern das, was er mit seinen sechs erwachsenen kalifornischen Seelöwen täglich absolviert. Das Ergebnis kann der Tierparkbesucher während der Fütterung zweimal am Tag verfolgen. Beim eigentlichen Training holt der Pfleger jedes Tier für zehn Minuten ins Innere des Betonhauses. Molly, Goldy, Madl und Cosima, die Kern zärtlich "Cosibär" nennt, drängeln sich unter lauten "Uah, Uah"-Rufen an den Metalltüren, sobald sie Kern kommen sehen. Jede will zuerst rein. Nicht nur wegen der Fische, sagt Kern, sondern weil die Tiere "Spaß an der Sache haben". Genau wie er. Denn die halbe Stunde vormittags und nachmittags muss Kern abzwacken vom Pflegeralltag, der auch daraus besteht, tote Fische mit Vitamin- und Salztabletten zu stopfen, Gänge zu spülen oder die Straße zu kehren.
Helmut Kern arbeitet mit seinen Robben ohne Druck. Im Zirkus, sagt er, gäbe es so etwas nicht: Dass man die Robben trainiert, wenn sie schon satt sind. Da ist Leistung gefragt. Kern aber steht auf dem Standpunkt, dass sich auch ein Tier nicht konzentrieren kann, "wenn ihm der Magen kracht". Keine Schläge, kein Gebrüll. Stattdessen viel Lob. Und wenn eine Robbe auf eine Übung keine Lust hat, lässt sie's bleiben. "Der Mensch muss nicht stärker sein als das Tier, nur klüger", ist Kerns Trainingsphilosophie, wenngleich die Hierarchie klar ist. "Ich bin schon irgendwie die Oberrobbe."
Die Übungen, die Kern mit den Robben macht, sollen gewährleisten, dass sich die Tiere am ganzen Körper anfassen lassen. Damit der Pfleger ihr Fell auf Pilzbefall untersuchen, ihre Zähne anschauen, Blessuren auch ohne Betäubung behandeln kann. Die Robben geben "Bussis" auf Nase oder Backe des Pflegers, reichen ihm ihre Flosse, lassen sich am Hals zotteln oder gleiten durch Kerns Füße hindurch. Für die Tierparkgäste sieht das putzig aus. Doch die meisten Übungen dienen einem Zweck: "Sie sollen Körperkontakt herstellen und spielerisch Vertrauen aufbauen." Damit der Bulle seinem Pfleger nicht irgendwann das halbe Gesicht wegbeißt. Nur manchmal erschließt sich dem Betrachter die pflegerische Komponente nicht so ganz: der Ball auf der Nase, das Ringeholen. Immer nur Flosse zu geben, sei auf Dauer halt keine Herausforderung, sagt Kern.
Dass die Robben überhaupt trainiert werden, hat noch keine lange Tradition in Hellabrunn. Bis vor fünf Jahren, als Helmut Kern das Polarium übernahm, sei man reingegangen zu den Tieren "mit dem Fischeimer auf der Schulter". Der Pfleger war nicht immer vor Bissen sicher. Heute stibitzt keine der Robben auch nur einen Fisch aus dem Eimer. Um einen "intensiveren Kontakt zu den Tieren" sei es ihm gegangen, sagt Kern. Um zu lernen, wie man Robben trainiert, reiste er auf eigene Rechnung rund um die Welt und holte sich Rat von Kollegen.
Die Neugier der Kinder
Für das Renommee des Zoos hat sich sein Einsatz gelohnt. Bei jeder Robbenfütterung drängen Hunderte ans Becken. Die Anlage allerdings ist für solche Besuchermengen nicht konzipiert, weshalb es Überlegungen gibt, sich wenigstens mit einer Tribüne zu behelfen. Noch aber heben Eltern ihre Kinder in die Bäume und auf jeden erreichbaren Beckenvorsprung. Während der Ferien nimmt das Gedränge bisweilen hysterische Züge an.
"Jetzt geh' halt her, sonst siehst nix", pfeifen Eltern ihre Kinder zurück, die den erkämpften Platz freiwillig räumen. Helmut Kern steht unterdessen bei seinen Robben, lässt den Tumult an sich abperlen und beantwortet nach der Fütterung geduldig alle Fragen. Am liebsten die der Kinder, "weil die auf die abwegigsten Dinge kommen". Ein "guads Gfui" sei es schon, sagt Kern, "all die strahlenden Kinderaugen" zu sehen. Und Dankesbriefe nähren seine Hoffnung, "dass sich der ein oder andere doch begeistern lässt für diese Tiere, die da draußen totgeschlagen werden". Nur weil sie ein schönes Fell besitzen.
Bei so viel Lob steckt er die Angriffe derjenigen besser weg, die ihn der Tierquälerei bezichtigen. Damit kann man Helmut Kern wirklich kränken. Ihn, der sieben Tage in der Woche da ist für seine Tiere. Kränkelt eines oder kündigt sich eine Geburt an, übernachtet der Pfleger im Nashornhaus im Heu. Er hat Tiere aus Parks gerettet, wo sie abgemagert in allzu kleinen Becken dahinvegetierten, hat mit der Zeit eine richtige Robben-Familie zusammengestellt. Die Seelöwen danken es mit einem Babyboom. Kern erzählt, wie glücklich er war, als vor einem Jahr die kleine Cosima, sein "Goldkind", auf die Welt kam. Treuer sind sie, die Robben, als alle Freundinnen. "Die kommen und gehen." Die Tiere bleiben. Und sind ja auch irgendwie menschlich. "Die weinen und lachen wie wir." Als eine seiner Mähnenrobben vor einiger Zeit eine Totgeburt hatte, da war es Helmut Kern, als habe er Tränen kullern sehen.
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