Behinderte Frauen mit Kinderwunsch Trotzdem Mama

Es ist immer noch ein Tabu: Das Bedürfnis körperlich behinderter Menschen nach Sexualität. Noch schwerer haben es behinderte Frauen, die sich ein Kind wünschen. Manche können nicht auf die Unterstützung ihrer Familien zählen, andere finden keinen Frauenarzt, der sie während der Schwangerschaft betreut. Und ist der Nachwuchs erst einmal da, geht der Ärger mit den Behörden los.

Von Katrin Kuntz

Esther Hoffmann hatte lange gehofft, dass ihr Freund die Frau nebenan vergessen könnte. Die Frau, die sie beide ausgezogen hatte. Die Frau, die sie zusammengebracht hatte. Die Frau, die sie nach dem Sex wieder anziehen würde. Unmöglich. Die Münchnerin verlor ihren damaligen Partner, weil er es nicht ertrug, dass ständig eine Assistentin in der Wohnung sein musste. Ein Kind zu bekommen - es war für die beiden Rollstuhlfahrer damals undenkbar.

Heute hat Esther, 38 Jahre alt, braune Haare, zartes Lächeln, einen neuen Partner. Robert Junghans ist Fußgänger, wie sie sagt. Er kann seine Freundin alleine ausziehen, zusammen sind sie selbstständig. Esther sitzt seit ihrer Kindheit mit einer Spastik im Rollstuhl. Sie wünscht sich ein Kind von Robert. Esthers Mutter hält das für eine schlechte Idee, auch ihre Schwester ist dagegen. Füttern könnte sie den Säugling nicht, ihn alleine in den Arm nehmen auch nicht. "Wenn das Kind erst da ist", sagt Esther, "werden sie unendlich stolz sein."

Dass körperlich behinderte Menschen ein Bedürfnis nach Sexualität haben und vielleicht auch eine Familie gründen wollen, gilt immer noch als Tabu. 2009 wurden gut neun Millionen Deutsche mit einer anerkannten körperlichen Behinderung gezählt, etwa 57 Prozent von ihnen waren verheiratet. Wie viele Behinderte es wirklich gibt, weiß niemand - nicht alle beantragen einen Schwerbehindertenausweis. Auch die Zahl behinderter Eltern ist nicht bekannt. Für Kerstin Weiß vom "Bundesverband behinderter Eltern" liegt das vor allem daran, "dass trotz zunehmender Größe niemand Interesse an dieser Gruppe hat". Die Bundesregierung will Ende des Jahres erstmals eine Statistik zum Thema vorlegen.

Bevor Behinderte jedoch dafür kämpfen, als sexuell aktive Menschen anerkannt zu werden, kämpfen sie häufig zuerst um sich selbst. Wer mit einer körperlichen Behinderung zur Welt kommt, wird sein Leben lang therapiert, bekommt Massagen verschrieben, Korsette umgeschnallt und Dehnübungen verordnet. "Der Körper wird als einziges Defizit erlebt", sagt Ute Strittmatter, die Vorsitzende der "Netzwerkfrauen Bayern", einem Zusammenschluss von 250 behinderten Frauen. So ist der Zugang zur eigenen Sexualität oft verschüttet. "Wer gepflegt wird, dem gehört nicht einmal der eigene Hintern", sagt Strittmatter. "Berührungen zu genießen, müssen viele Menschen erst lernen."

Klarzumachen, dass viele Behinderte dieselben Bedürfnisse haben wie Nichtbehinderte, ist Ziel der Netzwerkfrauen. Seit mehr als zehn Jahren engagieren sie sich mit Vorträgen, Filmprojekten und Arbeitskreisen dafür, dass die Verbindung von Sexualität und Behinderung in der Gesellschaft ankommt. Seit wenigen Jahren kommen zum Büro am Münchner Orleansplatz auch immer mehr Frauen, die Mutter werden wollen.

Denn häufig wird erst dann sichtbar, dass es behinderten Frauen schwerfällt, ihre Sexualität auszuleben. Strittmatter kennt viele, denen es geht wie Esther Hoffmann. Frauen, die selbstbewusst und aktiv sind, die einen Partner gefunden haben - und sich ein Kind mit ihm wünschen. "Doch dann kommen die Vorurteile aus der Familie, aus dem Freundeskreis", sagt sie. Fragen, warum man sich das antun wolle. Hinweise darauf, dass niemand das Kind betreuen könne. Drohungen, jegliche Unterstützung zu verweigern.

Selbst Ärzte sind oft nicht bereit, eine behinderte Frau während ihrer Schwangerschaft zu betreuen. Marie Seltzer (Name geändert), die bei den Netzwerkfrauen Bayern engagiert war, hat trotz einer Spinalen Muskelathropie, also eines Muskelschwunds, einen gesunden Sohn zur Welt gebracht. Als sie ihrer Frauenärztin vom Kinderwunsch berichtete, schickte die sie weg mit den Worten: "Ich helfe Ihnen doch nicht, den nächsten Sozialfall zu produzieren." Der Satz ist Seltzer lange nicht aus dem Kopf gegangen. Dass die medizinischen Risiken abgeklärt werden müssen, steht außer Frage. Doch nicht alle Behinderungen sind vererbbar. Nur etwa fünf Prozent bestehen seit der Geburt, alle anderen entstehen später durch Krankheiten oder Unfälle.

Viele Frauenärzte sind auch nicht auf behinderte Patientinnen eingestellt. Bei der Facharztausbildung zum Gynäkologen an der Universitäts-Frauenklinik in Großhadern spielt das Thema keine Rolle. Viele Praxen haben keinen barrierefreien Zugang, keine Behindertentoilette, keine entsprechende Ausrüstung. Für eine derart sensible Patientengruppe fehlt vielen Ärzten zudem oft schlicht die Zeit. "Die sieben Minuten, die ein niedergelassener Gynäkologe für eine Patientin einplant", sagt Strittmatter, "reichen für behinderte Frauen nicht einmal aus, um sich in Ruhe auszuziehen."