Barber Angels Eine Gratisfrisur und ein Stück Würde

Die Barber Angels arbeiten in Bikerkluft, um Berührungsängste abzubauen.

(Foto: Stephan Rumpf)

Die Barber Angels touren durch Deutschland und schneiden Obdachlosen die Haare. Wie viel sie damit bewirken, zeigt das Beispiel von Melanie B. - sie hat es zurück ins Leben geschafft.

Von Anna Hoben

Noch eben den Nacken ausrasieren, Haarspray auf die Frisur. "Wie eine Skulptur", sagt Marc Assenheimer, "jetzt kann ich meißeln". Der Friseur legt den Kopf zurück und betrachtet sein Werk. Vor einer halben Stunde hat Günther Loringer, 72, mit seiner langen grauen Matte noch ein bisschen wie ein Althippie ausgesehen, jetzt ähnelt er entfernt Bruce Willis, nur mit Haaren. Der Friseur nimmt ihm den Umhang ab, und Loringer muss sich das mal selbst anschauen. Zwei Minuten später steht er im Haus vor einem Spiegel und lächelt. "Spitzenmäßig." Er wirft einen Blick in die Küche. "Kennst du mich noch?", ruft er dem Koch zu. Dann geht er raus, zündet sich eine Zigarette an und blinzelt zufrieden in die Sonne.

Günther Loringer lebt im Wohnheim der Heilsarmee in Sendling, wo die Barber Angels an diesem Sonntag zum vierten Mal zu Gast sind. "Barber" wie Friseur, "Angels" wie Engel, und irgendwie sind sie das auch für die Obdachlosen und Bedürftigen, denen sie in ihrer Freizeit die Haare schneiden und die Bärte stutzen, seit der Biberacher Claus Niedermaier den Verein vor anderthalb Jahren gegründet hat.

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140 Mitglieder hat er mittlerweile, die einmal im Monat bundesweit im Einsatz sind, demnächst sogar auf Mallorca. Zu ihnen kommen Menschen, die es sich nicht leisten können, Geld für einen Haarschnitt auszugeben. Nicht weit vom Wohnheim in Sendling sei ein Friseur, erzählt zum Beispiel Günther Loringer, aber die 20 Euro für einen Haarschnitt hat er einfach nicht. Dass die Barber Angels ihren Gästen aber noch viel mehr geben als eine Gratisfrisur, das ist an diesem Tag in jedem Moment zu spüren. Ein Verwöhnprogramm, Selbstbewusstsein. Letztendlich: Würde.

Für die Aktion sind 18 Friseure angereist, aus Schwaben, aus Bayern, eine sogar aus Sachsen. Zum ersten Mal sind auch drei Münchner Friseure dabei, einer von ihnen ist Umut Simsek, er hat einen kleinen Salon an der Fraunhoferstraße. "Es gibt ja diesen Spruch", sagt Simsek, "hast du keinen Friseur, mit dem du reden kannst?" Was genau die Leute dazu bringt, mit Erzählen loszulegen, sobald jemand sich an ihren Haaren zu schaffen macht, wird wahrscheinlich für immer ein unergründliches Geheimnis bleiben.

Tatsache ist jedenfalls, dass Friseure sehr viel wissen müssen über die unterschiedlichsten Menschen. Darüber, was in dem Kopf, den sie gerade in Form bringen, so vor sich geht. Tatsache ist, dass es an diesem Vormittag vor dem Männerwohnheim auch nicht anders ist als sonst im Salon. Der Mann, dessen Haare Simsek gerade geschnitten hat, erzählte von einer Türkeireise, die er einmal gemacht hat. Die Friseure, die schon öfter da waren, sind für die Männer ohnehin längst wie alte Bekannte. "Es ist Vertrauen da", sagt Marc Assenheimer.

Sein Kollege Uwe Pichl aus Regensburg organisiert die Aktionen in Bayern. Pichl trägt Augenbrauenpiercing, Zwirbelbärtchen mit eingeflochtenem Totenkopfschmuck und ein Tattoo mit dem Schriftzug "Gehorche niemandem". In der Handwerkszeitung hat er über die Barber Angels gelesen, seine erste Reaktion: "Ich schneid' doch nicht am Wochenende umsonst Haare, und dann auch noch in so einer Kasperluniform." Die Uniform ist eine Art Bikerkluft, schwarze Klamotten, Lederweste darüber, das soll den Gästen die Hemmungen nehmen. Zu Hause hat Pichl dann seiner Frau Andrea davon erzählt, und für sie war die Sache klar: "Da machst du mit." Manchmal gebe es eben Sachen, sagt sie, "da weiß man aus dem Bauch und aus der Seele heraus, dass die richtig sind". Dank ihres Bauchs hat sie mittlerweile ihren Bürojob an den Nagel gehängt und macht eine Umschulung zur Friseurin. Nun ist auch sie ein Barber Angel.

Am frühen Nachmittag ziehen sie weiter, ins Frauenobdach Karla 51. Der Hinterhof wird zu einem Freiluft-Friseursalon, auch drinnen im Gemeinschaftsraum schneiden die Friseure Haare, hantieren mit Glätteisen und zupfen Augenbrauen. Die Luft flirrt vor freudiger Aufregung, es gibt Kuchen, es wird geratscht und gelacht, und Melanie B. begrüßt ihre ehemaligen Mitbewohnerinnen. Vor ein paar Jahren ist die heute 39-Jährige in eine tiefe Krise gestürzt. Damals zerbrach ihre Beziehung, sie flüchtete sich in Drogen, verlor ihren Job und ihre Wohnung. Zwei Jahre schlief sie auf den Sofas von Bekannten, dann machte sie einen Entzug, ließ sich auf die Warteliste von Karla 51 setzen und ergatterte dort auch bald ein Zimmer. Und dann kam Tina Flohr.

Zwei Jahre war Melanie B. nicht mehr beim Friseur gewesen. Diese Tina, Künstlername Barberlady, schnitt ihr also die Haare - und sie behandelte sie mit Respekt. "Es war, als wäre ich einfach eine zahlende Kundin in ihrem Salon und nicht in einer absoluten Scheißsituation", sagt B. heute. Zum ersten Mal seit Langem habe sie das Gefühl gehabt, ein vollwertiger Mensch zu sein, nicht am Rand der Gesellschaft zu stehen.

Der Besuch von Tina löste etwas aus bei ihr. Wenige Wochen später fand sie ein WG-Zimmer und kurz darauf einen Job in einer Zeitarbeitsfirma. Heute arbeitet sie bei einer Versicherung und hofft, fest übernommen zu werden. Sie trägt immer noch viele Sorgen mit sich herum, sie hat Schulden und sucht dringend eine Wohnung für sich und ihren Sohn. Aber ihr Leben ist wieder in der richtigen Spur, und das hat mit diesem Haarschnitt vor einem Jahr zu tun. Tina Flohr kommt dann auch noch an diesem Sonntag, Umarmung, Freudentränen, "nicht weinen", sagt die Friseurin, "das hast du alles selber gemacht, ich hab' dir nur einen kleinen Schubs gegeben".

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