Band der Woche Poly Poly

Das Duo macht mit Experimentierfreude und Idealismus indiegeschulten Retro-Disco-Sound

Von Rita Argauer

Der Musikmarkt hat sich durch Globalisierung und das Internet massiv verändert. Das ist nichts Neues. Abseits der positiven Aspekte, etwa dass Musiker endlich ohne großes Label eine Aussicht auf eine Art Karriere haben, führt diese Art der Demokratisierung musikalisch zu immer größerer Mutlosigkeit. Die Konkurrenz für einzelne Veröffentlichungen ist so groß geworden, dass ästhetisch auf Sicherheit gesetzt wird. Bloß keine Experimente, wie sie etwa in Sound und Kompositionen auch in den Mainstream-Produktionen der Siebzigerjahre noch gut möglich waren. Den Hörern wird unterstellt, dass sie immer das Gleiche hören wollen und sich sofort abwenden, wenn etwas mal ein wenig anders klingt. Diejenigen, die diese Märchen-Musik ohne böse Hexen erfinden, sind dabei die Produzenten. Und es ist nur bezeichnend, dass derzeit der Produzent, der früher dafür verantwortlich war, ein Klangkonzept für die Musiker im Studio zu finden, immer mehr selbst zum Musiker wird.

In München agiert der Produzent Hans Heusterberg auf einer ganz ähnlichen Schiene. Die Grenze zum Musiker mit eigenen Kompositionen und Live-Auftritten hat er, der etwa zuletzt mit der Luko-Sängerin Tahnee Matthiesen zusammenarbeitete, schon vor Jahren mit seinem Projekt Akere überschritten. Nun hat er sich mit dem Schlagzeuger Jona Raischl zusammengetan und das Duo Poly Poly ins Leben gerufen. Auf einigen Synthesizern und Drumcomputern produzieren sie gemeinsam einen sehr glatten und gleichzeitig aber doch indiegeschulten Retro-Disco-Sound. Ein bisschen passiert hier also im Kleinen, was in den Songwriter-Camps der High-Class-Popmusik zuletzt mit Sia geschah: Jemand, der sich sehr gut damit auskennt, wie man Musik so klingen lässt, dass sie die Hörbedürfnisse ihres Publikums befriedigt, verzichtet auf die Zusammenarbeit mit einem Interpreten, der das dann letztlich umsetzt, sondern übernimmt die Umsetzung selbst. Nur bringen Jona und Hans, die als Poly Poly unter den Pseudonymen Volt Age und Hans Hu$tle auftreten, noch einen anderen Aspekt mit. Denn ihre Musik zielt nicht nur darauf, die Massen zu bewegen, auch wenn sie mit ihren Sounds gerne "selbst den schüchternsten Konzertbesucher in einen Disco-King verwandeln" möchten.

Experimentierfreude und Idealismus schwingt in der Musik der beiden in ebenfalls großem Maß mit. Nicht nur, dass sie nun ihr Debütalbum, das am Dienstag, 5. Juni, erscheint, auf dem Münchner Hip-Hop-Beat- und Funk-Label "Bumm Clack" veröffentlichen. Sie begegnen ihrem durchaus mainstreamigen Achtzigerjahre-Sound mit einer feinen Ironie. Das ist kein Hipster-Zynismus und auch kein arrogantes Berliner-Schule-Ding, sondern eher ein sanftes Schmunzeln, wenn sie etwa in ihrer Single "Change" unter die Weltraum-Sounds und Star-Trek-Reminiszenzen ein undurchsichtiges Grummeln legen. Das klingt dann, als hätte sich da ein Grantler zwischen Beat und Ambient-Fläche verschanzt, der immer mal wieder kurz dazwischen redet. Oder es wirkt, als seien sie die Nerds vom Dorf, wenn sie ihre Synthesizer-Burgen im Live-Video zu "Supercluster" in einem spießigen Wohnzimmer samt Spitzenvorhängen aufgebaut haben. Nerds, denen aber aus dem Nichts ihres Wohnzimmers derart avancierte Musik gelingt. Poly Poly stehen für ein schmunzelndes Lächeln, das sie von der verbissenen Ernsthaftigkeit, mit der heute so viel möglichst marktkonforme Musik produziert wird, wunderbar abhebt.