Autor Elias Wagner beim Literaturfestival "Wortspiele" Von Mondvögeln und der Pubertät

Auf dem Festival "Wortspiele" präsentiert der Medizinstudent Elias Wagner sein Erstlingswerk - er ist der jüngste der 18 Autoren. Warum er Arzt und Schriftsteller gleichzeitig sein möchte, Schriftsteller immer exhibitionistisch sind und der Starnberger See wie ein Pigmentfleck am Rücken ist.

Interview: Rani Nguyen

Elias Wagner ist am Starnberger See aufgewachsen und studiert Medizin in München. Auf dem Literaturfestival "Wortspiele", auf dem sich vom 29. Februar bis zum 2. März verschiedene deutschsprachige Jungautoren präsentieren, liest er aus seinem Debütroman "Vom Liebesleben der Mondvögel". Darin erzählt Wagner vom 15-jährigen Max, der mit seinem Vater am Starnberger See lebt und sich seit dem Verschwinden der Mutter in die Welt der Insektenkunde zurückgezogen hat.

Süddeutsche.de: Ihr Werk spielt am Starnberger See und Sie selbst sind dort aufgewachsen. Verarbeiten Sie Ihre eigenen Erfahrungen?

Elias Wagner: Natürlich verarbeite ich Wesenszüge von Leuten und Orte aus meinem Leben. Ich erzähle aber nicht meine eigene Geschichte. Die Idee war, den speziellen Zauber der Landschaft - den See mit den Alpen im Hintergrund - einzufangen. Zudem ähneln die Verhaltensweisen in der Pubertät manchmal durchaus dem Verhalten von gewissen Insekten. Sich tarnen, sich totstellen, sich transformieren - all das machen Insekten und sind auch Grundthemen der Pubertät.

Süddeutsche.de: Ihr Roman handelt von einer zerrissenen Familie am Starnberger See - obwohl dem Klischee zufolge dort nur reiche und intakte Familien leben. Wie war Ihre eigene Jugend dort?

Wagner: Es ist eine Gegend, die sich selbst für den Nabel der Welt hält. Zwar ist die Gegend nicht der Arsch der Welt, aber doch eher unbedeutend, wie ein Pigmentfleck am Rücken vielleicht. Wenn man dort aufwächst, beginnt man irgendwann, den Mythos zu hinterfragen. Keine Frage - die Landschaft ist bombastisch, aber die Sommerferien sind so stinklangweilig wie anderswo.

Süddeutsche.de: Was hat es mit dem Titel "Vom Liebesleben der Mondvögel" auf sich?

Wagner: Ein Mondvogel ist ein Nachtfalter, der so unspektakulär aussieht wie ein Birkenzweig. Der Titel bedient natürlich den wissenschaftlichen Jargon, andererseits weiß wohl niemand genau, wie es um das Liebesleben der Mondvögel genau bestellt ist. Mondvogel klingt für mich, als wäre derjenige nicht unbedingt aktiv. Ich wollte auch mal einen Underdog featuren, einen unspektakulären Schädling, der im Sommer den einen oder anderen unschuldigen Baum entblättert. Solche blassen, unbekannten Underdogs sind nicht unbedingt die klassischen Hauptdarsteller in der Literatur.

Süddeutsche.de: Wie kam es, dass Sie Schriftsteller wurden?

Wagner: Die ersten Texte habe ich mit 14 Jahren geschrieben, aber "Vom Liebesleben der Mondvögel" war das erste ambitionierte Projekt. Ich habe fast vier Jahre dafür benötigt, in denen sich so etwas wie ein eigener Stil herausgeschält hat. Früher habe ich abstruse und größenwahnsinnige Texte geschrieben. Einmal, erinnere ich mich, habe ich mir eine Familiensaga im Irland der 1920er Jahre in den Kopf gesetzt. Wahrscheinlich kommt man nur durch solche verrückten Projekte weiter.

Süddeutsche.de: Wer ist Ihr Lieblingsautor?

Wagner: Früher mochte ich südamerikanische Autoren wie Jorge Luis Borges oder vor allem Julio Cortázar. Mittlerweile gefallen mir eher amerikanische Autoren wie Jeffrey Eugenides, David Foster Wallace und Jonathan Safran Foer, allesamt literarische Monster. Mich begeistert realistisches Erzählen, das sich gleichzeitig von der alltäglichen Realität abhebt.

Süddeutsche.de: Wie kam es zur Veröffentlichung Ihres Romans?

Wagner: 2009 habe ich mich für das Romanseminar textwerk beworben und wurde angenommen. Dort habe ich das erste Mal gemerkt, dass es auch noch andere Menschen gibt, die als Schreibende an derselben Krankheit leiden wie ich. Nach der Abschlusslesung entstand dann der Kontakt mit meiner Agentur, die das Buch verschiedenen Verlagen angeboten hat. Schließlich hat Hoffmann und Campe zugesagt.

Süddeutsche.de: Sie studieren Medizin. Wenn Sie die Wahl hätten - wären Sie Arzt oder Autor?

Wagner: Schreiben war immer mein Hobby und diesen Spaß will ich mir vorerst nicht zerstören. Ich möchte schreiben, wann ich will und nicht dazu gezwungen sein. Ursprünglich hatte ich nicht den Plan, während des Studiums ein Buch zu veröffentlichen. Ich wollte Arzt sein und nebenher schreiben. Ich definiere mich sowohl als Arzt als auch als Autor.

Süddeutsche.de: Wie lässt sich das Medizinstudium mit dem Schreiben vereinbaren?

Wagner: Ich habe versucht, beides parallel unter den Hut zu kriegen. In der Schlussphase des Buches habe ich gemerkt, dass das nicht funktioniert. Deswegen habe ich mich für ein Semester von der Uni beurlauben lassen. Jetzt, da das Buch draußen ist, ist es aber erstmal für kurze Zeit vorbei mit dem Schreiben.

Süddeutsche.de: Bei den "Wortspielen" wird ein Jahresstipendium der Villa Aurora in Los Angeles verliehen. Was würden Sie in Los Angeles machen?

Wagner: Auch wenn es sich blöd anhört: Ich müsste wohl ablehnen. Für mich ist es jetzt wichtig, mein Studium zu beenden.

Süddeutsche.de: Wird Ihre Lesung auf den Wortspielen Ihr erster Auftritt auf einer Bühne sein? Sind Sie nervös?

Wagner: Ich hatte bereits einige Lesungen. Wenn man Bücher schreibt, ist man ohnehin exhibitionistisch veranlagt. Man will, dass jemand das Geschriebene liest. Fieserweise sind Autoren gleichzeitig oft eine eher schüchterne Spezies. Vorlesen ist dann der Kompromiss aus Geschrieben-haben und Sich-irgendwie-auch-präsentieren-müssen. Da man auf der Bühne aber eben nichts vortanzt, sondern sich an einen Text halten kann, gibt es keinen Grund nervös zu sein.

Literaturfestival "Wortspiele 12": Mittwoch, 29. Februar bis Freitag, 2. März, Muffatwerk, Club Ampere, Zellstraße 4. Wagner liest am Freitagabend.