Auszeichnung Die Meisterin des guten Tons

Von Virginia Woolf lässt sie sich euphorisieren, doch auch die Satzungetüme eines Balzac können sie nicht schrecken: Die Übersetzerin Melanie Walz lässt Leser vergessen, dass sie kein Buch in der Originalsprache in den Händen halten. Dafür wird sie nun von der Stadt München ausgezeichnet

Von Antje Weber

Sie ist die Frau für die schweren Fälle. Das Werk von Balzac zum Beispiel ist eine dieser harten Nüsse, die Melanie Walz mit Geschick geknackt hat. Im Nachwort ihrer Neuübersetzung der "Verlorenen Illusionen" beschreibt sie die Kernprobleme: Balzacs kaum zu fassenden Stil, seine Satzungetüme, ganz zu schweigen von den "sprachlichen Nachlässigkeiten, absonderlichen Neologismen, grammatikalischen Verirrungen, schrecklichen Kalauern, unbekümmerten Wortwiederholungen und fast identischen Wiederholungen ganzer Passagen einerseits und einer Fülle von bewundernswert treffenden, geistreichen, witzigen und nicht selten poetischen Formulierungen andererseits". Kurzum: Diesen französischen Klassiker zu übersetzen, ist eine Zumutung.

"Ich mag es, wenn es schwer ist", bestätigt Melanie Walz bei einem Gespräch im Stadtcafé. "Einen hübschen, seichten Frauenroman wie ,Bridget Jones' kann ich nicht. Da versage ich richtig!" Dabei kichert die 62-jährige Übersetzerin geradezu mädchenhaft. Ob sie nur kokettiert? Unzweifelhaft jedenfalls ist, dass Melanie Walz' Begabung für das Schwere ihr gerade erst wieder Lobeshymnen für ihre wahlweise "inspirierte", "elegante" und "großartige" Balzac-Übersetzung in den Feuilletons eingebracht hat. Und sie hat maßgeblich dazu beigetragen, dass ihr an diesem Mittwoch (19 Uhr, Literaturhaus, Eintritt frei) der mit 10 000 Euro dotierte Übersetzerpreis verliehen wird, den die Stadt München nur alle drei Jahre vergibt.

Die Jury lobte vor allem Walz' Fähigkeit, Klassikern eine "für die Gegenwart zeitgemäße Sprachgestalt zu geben". Bei Honoré de Balzac, Charles Dickens oder Virginia Woolf zeige sie "sprachliche Einfallskraft" und "verzweigte Kenntnisse". Doch auch bei zeitgenössischen Autorinnen und Autoren wie Antonia S. Byatt, Annie Proulx oder Charles Simic beweise sie den "entscheidenden Spürsinn" für Tonfall, Duktus, Rhythmus und, ja, Temperatur eines Textes. Sie mache, und das ist wohl das höchste Lob, "vergessen, dass wir eine Übersetzung vor uns haben".

Melanie Walz ist es wichtig, dass der Stil der Übersetzung dem des Autors ähnelt. "Stimmen-Imitator", so beschreibt sie selbst ihre Tätigkeit.

(Foto: Catherina Hess)

Das liegt vermutlich daran, dass für Melanie Walz Genauigkeit nicht die oberste Priorität hat - viel wichtiger ist ihr, dass der Stil der Übersetzung dem des Autors ähnelt. "Stimmen-Imitator", so beschreibt sie selbst ihre Tätigkeit, oder auch: "Bauchredner". Es sei auch nicht falsch, die Berufe des Schauspielers und des Übersetzers zu vergleichen, findet sie. Beide sind sie Mittler, Interpretierende: "Wir spielen die zweite Geige, nicht die erste", sagt sie nüchtern. Dabei ist es, um im Bild zu bleiben, nicht immer leicht, den richtigen Ton zu treffen. Eine Übersetzung darf für Walz weder zu wörtlich noch zu frei sein. Der Übersetzer solle "nicht zu demütig sein, aber auf keinen Fall selbstherrlich", sagt sie. "Wenn Übersetzer witziger sind als der Autor, finde ich das ganz schrecklich!"

Ihr eigenes Gespür für den guten Ton kommt jedenfalls nicht von ungefähr. Die gebürtige Essenerin wuchs in Baden-Baden nahe der französischen Grenze auf. Die frankophilen Eltern ließen sie schon auf der Volksschule Französisch lernen: "Ich fand das ziemlich affig, aber es ist offensichtlich doch etwas hängen geblieben"; auch beim späteren Sprachenunterricht, der in den Sechzigerjahren noch "sehr öde" rein auf Übersetzung ausgerichtet war. "Wahrscheinlich habe ich mir da das Übersetzen einfach angewöhnt", sagt sie. "Macht der Gewohnheit!"

Übersetzerin war Walz damit aber noch lange nicht. Erst einmal studierte sie Pädagogik, Psychologie und Soziologie in München. Als Mitarbeiterin der Zeitschrift Filmkritik fing sie in den Achtzigerjahren an, bei Bedarf zu übersetzen: "Da machte jeder alles." Immerhin fand sie Gefallen daran, wagte sich irgendwann an erste Buch-Übersetzungen, und als sie 1988 Lektorin beim List-Verlag wurde, übersetzte sie nebenher weiter: "Ich dachte nicht, dass man das als Hauptberuf machen kann." 1999 wagte sie es nach ihrem Abschied vom Verlag dann doch. Die äußeren Bedingungen hätten sich auch etwas gebessert, sagt sie. Man könne vom Übersetzen einigermaßen leben, auch wenn man nicht reich werde. Inzwischen gebe es auch fast bei allen Verlagen Beteiligungen an Nebenrechten und am Taschenbuch. Schrecklich findet sie allerdings den Termindruck - vor allem bei prominenten Autoren, bei denen die Verlage "am liebsten schon die Übersetzung hätten, bevor das Original erscheint".

Lawrence Norfolk ist so ein Bestseller-Autor, bei dem die Übersetzer schnell sein müssen, sehr schnell. Was die Arbeit zusätzlich erschwert: dass Norfolk bis zum Druck eines Buches noch viel in den Fahnen ändert, wie Walz erzählt. Da muss ein Lektor höllisch aufpassen, und der Übersetzer ebenso. Deren Zusammenarbeit muss sowieso gut funktionieren, damit ein Buch gelingt. Walz kennt beide Seiten, und sie weiß, dass Übersetzer nicht immer einfach sind: "Am schwierigsten sind die Mimosen." Ist sie selbst eine? "Ich bin hart im Nehmen." Sie lacht.

Nach Dutzenden von Übersetzungen unterschiedlichster Autoren und mit Jahrzehnten Berufserfahrung weiß jemand wie sie, was sie sich gefallen lassen muss und was nicht. Sie wirkt offen, meinungsstark, so kritisch wie selbstkritisch - und froh über das Glück, immer wieder bei Verlagen wie Hanser auf Lektoren zu treffen, die Texte nicht "durchschrubben" und einebnen, sondern ein ähnliches Gespür für den richtigen Ton haben. Und Walz kann hinreißend von diesem Ton erzählen, der bei jedem Autor anders ist. Mit der größten Begeisterung habe sie in den letzten Jahren "Orlando" von Virginia Woolf übersetzt, sagt sie: "Man merkt, wie viel Spaß es ihr gemacht hat, das zu schreiben. Das hat so etwas Ansteckendes, Euphorisierendes!"

Auch Melanie Walz hat etwas Euphorisierendes, wenn sie über ihre Arbeit spricht, sofort möchte man sämtliche Bücher lesen oder noch einmal lesen. Patricia Highsmith? "Sehr schöne Landschaftsbilder, knochentrockene Dialoge - und dann natürlich in den frühen Büchern die homoerotische Komponente." Die habe die frühere Übersetzerin nicht erkannt oder prüde unter den Tisch fallen lassen - ein Beispiel dafür, wie wichtig es ist, Bücher für jede Generation neu zu übersetzen: "Übersetzungen veralten nun mal." Jane Austen? "Schwer zu knacken. Die hat eine unglaublich konzise und ironische Sprache. Das wirkt im Deutschen immer ein bisschen gravitätischer, umständlicher." Ein ganz schwieriger Brocken - wie überhaupt das adjektivreiche Englische schwerer zu übersetzen sei als das Französische. Michael Ondaatje? "Bei seinen oft sehr gewagten Bildern darf man nicht zu schwerfällig durchstapfen. Den muss man ein bisschen runtertunen." Marcel Proust? "Eine ganz eigene Nummer. Er ist auch ein Spaßvogel!" Das ist für Walz entscheidend: "Was ich gar nicht kann, ist komplett humorfreie Zone. Da fällt mir überhaupt nichts ein." Viel fällt ihr dagegen ausgerechnet bei schlechter Lyrik ein: "Es macht Spaß, schlechte Lyrik schlecht zu übersetzen", findet sie.

Zu guter Letzt muss man mit Melanie Walz unbedingt über Charles Dickens sprechen. Ihr Lieblingsautor: "Toll, toll, toll!" Als sie in ihrer Jugend versucht hatte, seine Bücher auf Englisch zu lesen, war sie zunächst noch gescheitert. Eine harte Nuss, auch er: "Der ist so wortreich, das war ein Fiasko." Vor vier Jahren hat sie nun sein Werk "Große Erwartungen" neu übersetzt. "Das ist sprachlich phantastisch. Ich kann nur staunen, was der Mann kann", sagt sie. Dickens wiederum, so ist anzunehmen, würde wohl seinerseits darüber staunen, was eine begabte Bauchrednerin aus seinem Werk herausholt: Nichts ist schließlich schöner, als wenn große Erwartungen auch erfüllt werden.