Ausstellungen Das Datendilemma

Matthias Oostrik thematisiert die Bereitschaft zur Selbstüberwachung in der Eres Stiftung.

(Foto: Michel Boulogne)

Der moderne Mensch neigt dazu, sich im Internet selbst zu entblößen. Mehrere Ausstellungen beschäftigen sich in München mit dem Reiz und der Gefahr von Überwachung und Kontrolle.

Von Thomas Jordan

"Wir kennen dich besser als du dich selbst". Der Slogan eines Herstellers von Fitness-Trackern bringt das Dilemma auf den Punkt: Denn einerseits helfen die kleinen Armbändchen, die längst nicht nur den Puls und die tägliche Schrittanzahl messen, auf dem Weg zum Traumkörper mehr als einen Schritt voranzukommen. Andererseits liefert jeder Fitness-Tracker Datenmengen, für die in Zeiten der Schlapphut-Spitzel vom Schlage eines Humphrey Bogarts wochenlange Observationen notwendig gewesen wären.

Die Eres-Stiftung wirft nun in einer Ausstellung mit dem Titel "No secrets! Reiz und Gefahr digitaler Selbstüberwachung" einen kritischen Blick auf die Tendenz zur Online-Selbstentblößung des modernen Menschen. Audiovisuelle Installationen wie Matthias Oostriks riesige, von der Decke hängende, mit Kameras gespickte Bildschirm-Kugel filmen den Betrachter dabei nach Big-Brother-Manier aus allen nur denkbaren Perspektiven und geben dem ansonsten meist unsichtbaren Prozess digitaler Selbstüberwachung ein Gesicht.

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Während sich die Schau in der Eres-Stiftung mit der selbst mitverursachten Preisgabe von Daten beschäftigt, setzt sich eine korrespondierende Ausstellung im Stadtmuseum mit der Geschichte unfreiwilliger Überwachung auseinander. Dabei gehen Fotografien und Videoinstallationen wie Hyojoo Jangs "Panopticon" der Verbindung zwischen aktuellen Überwachungspraktiken und dem aufklärerischem Effizienzdenken seit dem 18. Jahrhundert nach.

Ausschließlich auf das "Hier und Jetzt" konzentrieren sich dagegen Arbeiten aus dem Bereich der "counter-surveillance", die mit künstlerischen Mitteln dazu anregen, über Mechanismen der Überwachungskultur nachzudenken. So deckt der Künstler Max Eicke amerikanische Überwachungsanlagen in Deutschland auf und Paolo Cirio macht die privaten Social-Media-Profile von Geheimdienst-Mitarbeitern öffentlich. Mit Hilfe von Filmklassikern wie 1984 und aktuellen Dokumentarfilmen begibt sich eine Reihe im Filmmuseums schließlich auf die historischen Spuren der Geschichte der Überwachung.

Einen Blick in die analoge Lebenswelt des ansonsten streng abgeschotteten deutschen Geheimdienstes wirft die kleine Forums-Ausstellung "Einblicke. Hinter den Mauern des BND in Pullach", die ebenfalls im Stadtmuseum gezeigt wird. 2013, als der Umzug nach Berlin längst beschlossen war, durfte die Münchner Fotografin Alessandra Schellnegger auf das Areal.

Anhand der Geheimdienst-Gebäude und der Inneneinrichtung macht sie den klandestinen Charme und die Absurditäten aus der Zeit der Schlapphut-Überwachung deutlich. Im Vergleich zur Fast-Tracking-Selbstüberwachung mittels schickem Metall-Armbändchen wirkt das beinahe so rührend aus der Zeit gefallen wie Humphrey Bogarts Trenchcoat.

No secrets! Reiz und Gefahr digitaler Selbstüberwachung, Do., 23. März bis 16. Juli, Di./Mi./Sa., 11-17 Uhr, Eres Stiftung, Römerstr. 15; No secrets! Bilder der Überwachung und Alessandra Schellnegger: Einblicke. Hinter den Mauern des BND in Pullach, Fr., 24. März bis 16. Juli, Di.-So., 10-18 Uhr, beide Stadtmuseum München, St.-Jakobs-Platz 1; Begleitende Filmreihe im Filmmuseum, St.-Jakobs-Platz 1, Fr., 24. März bis 12. April, 089/23322370

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