Ausstellung Vom Charme des Verfalls

"Verschwundene Gegenwart": Eine Fotoausstellung in Aubing gewährt Innenansichten in die industrielle Vergangenheit des Viertels

Von Ellen Draxel, Aubing

Mehrmals hat sich Cornelia Blomeyer-Bartenstein, wie sie selbst zugibt, in den Jahren 2013/14 in die Hallen der ehemaligen Schlafwagenfabrik an der Brunhamstraße "reingeschlichen". Die Kunsterzieherin und Sozialwissenschaftlerin aus Neuaubing war fasziniert von der verblichenen Architektur und besonders von den Wänden, die die Spuren der Vergangenheit bezeugten. "Da klebten alte Zeitungsschnipsel oder Aufkleber von früheren Arbeitern an den Mauern, die wirkten auf mich wie historisch-künstlerisch Collagen." Blomeyer nahm also ihre Kamera mit und drückte ab.

Ähnlich erging es dem Aubinger Klaus Bichlmayer. Als er an einem Oktobernachmittag im vergangenen Herbst die Chance bekam, das alte Heizkraftwerk in Langwied zu betreten, nutzte er sie. Entstanden ist eine Ausstellung, die von Freitag, 19. Januar, an im Kulturzentrum an der Ubostraße 9 in Aubing zu sehen ist.

"Verschwundene Gegenwart", wie der Titel der gemeinsamen Ausstellung lautet, zeigt den eigenwilligen Charme ausrangierter Industriebauten aus Dekadenz und früherer Vorzeige-Architektur. Die Bilder offenbaren, wie der Zahn der Zeit an den Gebäuden nagt und wie sich die Natur, so man sie gewähren lässt, sukzessive den Raum erobert. Gesetzt haben die beiden Fotografen aber ganz unterschiedliche Schwerpunkte.

Ausrangierte Vorzeige-Architektur: Das alte Langwieder Heizkraftwerk bezeugt in der Aubinger Foto-Schau eindrucksvoll den Niedergang beeindruckender Bauten.

(Foto: Klaus Bichlmayer)

Blomeyer interessiert sich für Details. Für eine schnörkellose Lampe, die von der Decke hängt. Für eine Metallschnur, die eine grau-verfallene Wand dominiert. Oder für einen Kleiderbügel, der immer noch am Haken baumelt, obwohl die Menschen die Halle längst verlassen haben. Ihre 30 ausgestellten Bildausschnitte sind fragmentarisch und abstrakt, legen den Fokus auf Graffiti, Sprossenfenster, Farbkleckse, Schriften. Und dokumentieren gerade dadurch die Vergänglichkeit. Die Schlafwagenfabrik diente von 1913 bis zu ihrer Schließung im Jahr 2000 vorrangig der Wartung luxuriöser Schlaf-, Speise- und Salonwagen der Internationalen Schlafwagengesellschaft, die auch den legendären Orient-Express betrieb. Danach stand das Werk lange leer, inzwischen beherbergt es einen Antikmarkt und wird für Events, Fotoshootings und als Filmkulisse genutzt. Die Wagenhalle steht seit 2014 unter Denkmalschutz.

Auch das ehemalige Heizkraftwerk an der Rupert-Bodner-Straße ist denkmalgeschützt. Doch Klaus Bichlmayers Perspektive auf das Gebäude ist ganzheitlicher als die seiner Künstler-Kollegin. Acht großformatige Abzüge hat der Aubinger von seinen zahlreichen Fotos anfertigen lassen - 120 auf 80 Zentimeter groß, passend zur Monumentalität des Industriedenkmals. Bichlmayer zeigt keine Nahaufnahmen, er will die kubische "Riesenarchitektur" der Nazizeit anschaulich machen: die überdimensionalen Fenster, die hohe Halle. Mit dem Bau des früheren Kraftwerks als ein Gebäude der Reichsbahn haben die Nationalsozialisten 1940 begonnen. Geplant war damals, den Münchner Hauptbahnhof nach außen zu verlegen. Betrachter entdecken auf den Bildern Kessel, Rohre, Lüfter und Treppen: Einiges ist marode, anderes verziert mit Graffiti, im Wasser stehend und von Grün umwuchert.

Die ehemalige Schlafwagenfabrik an der Brunhamstraße.

(Foto: Cornelia Blomeyer)

Cornelia Blomeyer-Bartenstein ist Autodidaktin, sie hat schon zahlreiche Ausstellungen und Fotowettbewerbe erfolgreich bestritten. Auch Klaus Bichlmayer interessierte sich früh für die Arbeit mit der Kamera, bereits als Achtjähriger begann der heute 67-Jährige zu fotografieren. "Ernsthaft damit beschäftigt habe ich mich aber erst vor fünf oder sechs Jahren." Seitdem besuchte er viele Fotokurse und absolvierte ein Fernstudium an dem renommierten New York Institute of Photography.

Im Ubo 9 ist Bichlmayer aber nicht nur als Aussteller aktiv, er gehört auch zum Vorstand des Kulturzentrums. Das feiert in diesen Tagen sein einjähriges Bestehen: mit einem Figurentheater für Kinder am Freitag, 19. Januar, 16 Uhr, mit einem Literarischen Frauenkabarett am Samstag, 20. Januar, einem "Film-Freitag" am 26. Januar und einem Heurigen-Abend am Samstag, 27. Januar, jeweils um 19 Uhr. Die Ausstellung "Verschwundene Gegenwart" ist außer bei der heutigen Vernissage um 20 Uhr zusätzlich noch dieses und das Wochenende vom 27./28. Januar zu erleben, jeweils zwischen 14 und 18 Uhr.

An die 4500 Besucher waren im vergangenen Jahr bei den Theater-, Konzert-, Kabarett-, Film- und Poetry-Slam-Abenden in Aubing dabei. Der Verein Kulturnetz 22 eröffnet jedem, der Interesse bekundet, die Teilhabe an kultureller und gesellschaftlicher Aktivität. Und für die Zukunft will Vereins-Chef Wolfgang Mayer dieses Angebot sogar noch erweitern: "Vor allem die Zusammenarbeit mit der VHS und mit Schulen wollen wir weiter ausbauen." Wer Ideen zum Programm hat: Jeden Dienstag von 18.30 und 19.30 Uhr gibt es dazu einen Jour Fixe.