Ausstellung Spiegel-Bilder

Junge Flüchtlinge aus verschiedenen Kulturen starten gemeinsam mit Münchner Jugendlichen ein Foto-Projekt und entdecken ganz neue Seiten an der Stadt - und an sich selbst

Von Jonathan Fischer

Irgendetwas irritiert an diesem Foto. Ist das wirklich München? Parken da tatsächlich indische Oldtimer am Viktualienmarkt? "Ich habe ein typisches Auto aus meiner Heimat Afghanistan genommen", sagt Mohammed Bager, "und es in eine Münchner Straßenszene montiert". Sein Teamkollege Uri beugt sich mit Mohammed über den Bildschirm des Notebooks, probiert mit ihm Farbfilter, Kontraste, Zoom-Effekte aus.

Uri ist ein jüdischer Münchner Gymnasiast, Mohammed Bager ein junger muslimischer Flüchtling, der eine Integrationsklasse der Mittelschule besucht. Sie wären sich sonst wohl kaum begegnet. Jetzt aber diskutieren sie Motivwahl und Ausschnitte ihrer Fotos - wie auch fünf weitere Teams, die sich rund um den großen Esstisch einer Villa in Solln versammelt haben, einem Haus, das der Münchner Verein für Sozialarbeit seit einem Jahr als Unterkunft für minderjährige Flüchtlinge betreibt. Bager und fünf weitere junge Flüchtlinge, die an dem Fotoprojekt teilnehmen, wohnen hier. Die anderen zehn Teilnehmer sind Münchner Jugendliche. Genauer gesagt: Jugendliche, die die soziale und religiöse Vielfalt der Stadt repräsentieren.

"Es ist das erste Mal, dass ich überhaupt mit Münchner Jugendlichen Kontakt habe", sagt Bager und riskiert ein schüchternes Lächeln. "Wir haben es uns schwieriger vorgestellt", sagt seine blonde Nachbarin Greta, eine 17-jährige Gymnasiastin. "Dabei sind die Flüchtlinge hier kaum anders drauf als die Jungs in meiner Klasse." Zwischen dem Dutzend Laptops stehen Teller mit Gebäck und Süßigkeiten, es riecht nach frisch gebrühtem Minztee. Aus den Handys in der Sofa-Ecke dröhnen immer wieder Arabesk-Gesänge und laute orientalische Schlager. Aber die Jugendlichen scheint das Drumherum kaum zu interessieren. Hochkonzentriert starren sie auf ihre Bildschirme. Nur noch wenige Tage bis zur Präsentation ihrer Fotos - es ist das letzte Treffen vor einer gemeinsamen Ausstellung. Unter dem Titel "Mein München" soll sie am 26. März im Oskar-von-Miller-Gymnasium eröffnet werden. "Wir haben die Jugendlichen in Teams und mit geliehenen Spiegelreflex-Kameras durch die Innenstadt geschickt", sagt die Initiatorin Eva Rapaport. "Eine thematische Einschränkung gab es nicht. Lediglich die Ansage: Überlegt euch, was ihr sagen wollt - egal ob ihr das durch eine Zigarettenkippe, eine Taube oder ein Bauwerk tun wollt." Rapaport stellt seit zwei Jahren ihre Villa in Solln der Flüchtlingsarbeit zur Verfügung. Jetzt möchte sie Menschen über die Kunst zusammenbringen. Genauer gesagt: ein Netzwerk zwischen Jugendlichen verschiedener religiöser und ethnischer Herkunft spannen.

So ging es bei dem Workshop um mehr als nur originelle Fotos. Um viel mehr: "Wir möchten die Jugendlichen sensibilisieren", sagt Rapaport. "Sie sollen ihrer eigenen Wahrnehmung trauen, um konditionierte Vorurteile zu überwinden". Die Schirmherrschaft übernahm die Europäische Janusz-Korczak-Akademie. "Youthbridge New York", ein Projekt an der US-Ostküste, diente als Vorbild. "Youthbridge München" passte das Konzept den örtlichen Begebenheiten an. Man wollte nicht nur wie die Amerikaner Jugendliche aus verschiedenen sozialen Schichten zusammenbringen, sondern auch die vor Ort lebenden jungen Flüchtlinge einbeziehen.

Münchner Jugendliche und geflüchtete Neuankömmlinge werfen gemeinsam einen neuen Blick auf die Stadt.

(Foto: Stephan Rumpf)

Zunächst gelang es Rapaport, über Münchner Schulen und Vereine Jugendliche mit christlichem, jüdischem, muslimischem und jesidischem Hintergrund zur Teilnahme zu gewinnen. Sie wurden in drei Trainingseinheiten auf ihre Arbeit mit den jungen Geflüchteten vorbereitet: Unter Anleitung professioneller Trainer lernten sie unter anderem nonverbale Kommunikation, aktives Zuhören und das Erkennen von Vorurteilen. "Wir haben da gemerkt, dass es ganz normal ist, Vorurteile zu haben", sagt Uri. "Und dass man trotzdem nicht danach zu handeln braucht".

Das optimistische Trotzdem: Es zog sich wie ein roter Faden durch die Treffen der jungen Neu- und Altmünchner. "Natürlich gab es auch Enttäuschungen", gesteht Oren Osterer, der als Programmdirektor der Janusz-Korczak-Stiftung das Team vor Ort begleitete. "So sind einige der jungen Geflüchteten einfach nicht gekommen, ohne sich vorher abzumelden". Andererseits war er überrascht, "wie offen und cool die Jungs sind". Wichtiger noch: Allen sei klar geworden, dass die Gemeinsamkeiten größer sind als die Unterschiede. "Ich kann jetzt die Welt neu sehen", erklärt etwa Nazar, ein 18-jähriger Münchner Realschüler mit jesidischem Hintergrund. "Wir haben uns sofort gut verstanden", ergänzt sein Teampartner Ali, ein 17-jähriger Muslim, der aus Afghanistan geflüchtet ist. "In unserer Heimat werden die Menschen schnell nach ihrer Religion sortiert. Wir aber sind einfach Freunde geworden."

Zwar war die Religion der Beteiligten in dem Workshop kein offizielles Thema. Trotzdem (oder gerade deswegen) hat das bei einigen die Neugier geweckt: "Ich möchte wissen, wie die anderen an Gott glauben", erklärt Mohammed Bager. Er habe schon eine Kirche besucht, demnächst wolle er auch eine Synagoge sehen. Umgekehrt hat Greta von ihrem Teamkollegen Ali viel über seine Flucht aus Afghanistan erfahren. "Mir hat das wieder bewusst gemacht, wie privilegiert wir hier sind".

Heraus kommt bei dem Projekt unter anderem eine Frauenkirche hinter dem Zaun.

(Foto: Stephan Rumpf)

Ganz nebenbei hat der Workshop natürlich auch großartige Fotos hervorgebracht. Fotos, die von einer Stadt erzählen, die als alte und neue Heimat sowohl Sehnsüchte als auch Desillusionen befördert. Ali aus Afghanistan etwa hat in der Altstadt die Auslage eines Antiquitätenladens fotografiert, Hirschhornmesser, Schnupftabakdosen, alte Dinge die "trotz aller politischen Wechsel geblieben sind". Sein Freund Jasir hat eine Kuppel mit buntem Glas gefunden, die an die islamische Architektur seiner Heimat erinnert. "Mein München" - das Bild der Stadt lebt oft von der Erinnerung an das, was man verloren hat. Da ist es nur folgerichtig, wenn Mohammad Ali ein Bild von seiner Flucht auf den Marienplatz projiziert. Und dann ist da noch die andere Seite der Glamour-Metropole: Die schmutzigen Schneehaufen, die vielen Verbotsschilder. Morteza aus Afghanistan hat festgestellt: "Hier gibt es auch viele arme Leute". Sein Foto zeigt einen Straßenmusikanten. Der alte Mann beugt sich inmitten der Shopper und Schaufensterbummler etwas verloren über sein Akkordeon: "Es war ein eiskalter Wintertag", sagt Morteza, "und er hat trotzdem für ein bisschen Trinkgeld gespielt."

Für die Ausstellung haben die jungen Künstler ihre Werke auf großformatige Leinwände gezogen. Die Arbeit aber ist damit noch nicht zu Ende: "Unser Ziel", sagt Rapaport, "ist es, die Jugendlichen dieser Erstgruppe und hoffentlich auch einige der Flüchtlinge als Mentoren für künftige ähnliche Workshops zu gewinnen".

"Mein München", Vernissage am Sonntag, 26. März, 17 Uhr im Oskar-von-Miller Gymnasium, Siegfriedstraße 22.