Interview: Susanne Popp

Die Fotoausstellung "Ess-Störungen" von Tamara July zeigt, warum Spaghetti im Haar und Obstsalat auf dem Bauch Sozialkritik sein können.

Eine blonde Frau badet in einer Wanne mit Spinat, über der Schulter ein aufgeschlagenes Ei, die Brust von einem Fisch bedeckt. "Ess-Störungen" nennt die 24-jährige Fotokünstlerin Tamara July ihre Bilderserie - und zeigt Genuss statt Magersucht und Bulimie. Provokation oder kritische Körperkunst? Ein Interview.

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"Für mich ist jedes Foto eine Performance." (© Foto: Tamara July)

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sueddeutsche.de: Kochshows, Lebensmittelwerbung und Fast-Food-Ketten: In unserem Alltag geht es immer häufiger um Essen. Warum haben Sie sich trotzdem dieses Thema ausgesucht?

Tamara July: Ich fand persönlich Essen schon immer toll. Ich liebe Essen. Dann habe ich bei "Germanys Next Top Model" die Food-Foto-Session gesehen und das hat mich ermutigt, meine Ideen zu diesem Thema umzusetzen. Ursprünglich dachte ich an eine Serie unter dem Titel "Das große Fressen". Die Idee war, Menschen zusammen zu bringen, die erst langsam und genüsslich speisen und das Ganze dann in eine regelrechte Orgie ausarten zu lassen. Ich habe angefangen, Freunde zu fotografieren. Schnell kam die Frage auf, was uns Essen eigentlich bedeutet.

sueddeutsche.de: Jetzt trägt Ihre Ausstellung allerdings den Titel "Ess-Störungen". Bewusste Provokation?

July: Natürlich haben die Bilder indirekt etwas mit Ess-Störungen zu tun. Dennoch geht es nicht vordergründig um Bulimie oder Magersucht, die Frauen haben keine dieser Krankheiten. Mir ist es wichtig, darauf hinzuweisen, dass wir falsch, verschwenderisch und oft tatsächlich gestört mit unserem Essen umgehen.

sueddeutsche.de: Sie wollen also das Verhältnis unserer Gesellschaft zum Essen kritisieren. Trotzdem: Warum ein Titel, mit dem ernsthafte psychische Erkrankungen assoziiert werden?

July: Shows wie "Germanys Next Topmodel" propagieren doch ein ganz bestimmtes Schönheitsideal. Schlank ist in und Essen passt da nicht dazu. Wir müssen unsere Einstellung zum Essen verändern, meine Bilder sollen zum Nachdenken anregen. Kunst ist Schönheit und Ästhetik, aber auch Sozialkritk. Die Technik des Fotos ist wichtig, der Blick und der Winkel, gleichzeitig aber auch die Auseinandersetzung mit dem Gezeigten. Bei dem Projekt "Ess-Störungen" habe ich versucht, viel mit den Frauen zu reden. Ich wollte den Hintergrund erfassen und herausfinden, welche Gefühle mit dem Essen verbunden werden.

sueddeutsche.de: Ihre "Ess-Störungen"-Bilder sind mehr als Schnappschüsse: Frauen baden in Spinat, streiten inmitten von Müllbergen und dekorieren ihre Haare mit Nudelsoße. Wie haben die Models auf Ihre außergewöhnlichen Settings reagiert?

July: Die Abgebildeten sind alle Freunde von mir. Während der Shootings haben sie sich gefühlt, als wären sie noch einmal fünf Jahre alt. Beispielsweise sieht man auf dem Müll-Bild Angie und Vroni fast nackt in einem kleinen Swimming-Pool mit Müll; das hat sie große Überwindung gekostet. Immerhin waren darin Nudelreste, Zwiebeln, vergammelte Paprika. Aber nach einiger Zeit wurden beide lockerer und haben angefangen, sich richtig zu dekorieren und so hat sich das Bild entwickelt. Insgesamt stecken im Durchschnitt sechs bis sieben Stunden Arbeit in einem Foto.

sueddeutsche.de: Sie fotografieren seit Sie 14 Jahre alt sind - jetzt eröffnen Sie hier in München Ihre erste Ausstellung. Überwiegt der Stolz oder die Aufregung?

July: Stolz. Die Bilderserie war im Oktober 2008 fertig und ich habe dann einen Monat gearbeitet, um das Geld für die Drucke aufzubringen. Die Arbeit an den Bildern hat immer Spaß gemacht. Im Allgemeinen darf man das ja eigentlich nicht: Mit Essen spielt man nicht. Andererseits tun wir in Deutschland genau das. Wir spielen mit Nahrung, wenn wir sie leichtfertig wegwerfen. Wir schmeißen so vieles weg, das man eigentlich noch essen könnte.

sueddeutsche.de: Ein Thema, dass ja mittlerweile ganz neue Lebensformen hervorgebracht hat, wie Wohngemeinschaften junger Leute in England, die sich allein von Container-Abfällen ernähren. Und auch in Deutschland gibt es immer mehr Aktivisten, die aus Protest "containern" gehen.

July: Genau das ist es, was ich meine. In unserem Hausmüll findet man bestes Essen, mit dem manche Menschen überleben könnten. Trotzdem interessiert das kaum jemanden, obwohl es einfach wäre, etwas zu tun.

sueddeutsche.de: Und was tun Sie?

July: Ich versuche, bewusster mit Lebensmitteln umzugehen und mit meiner Ausstellung auch andere Menschen zum Umdenken zu bringen. Wir leben zwar im Luxus, aber das rechtfertigt nicht unsere Verschwendung. Deswegen haben wir nach den Fotografien auch alle Lebensmittel - außer den Spinat - aufgegessen.

Kurzbiografie:

Tamara July wurde am 9. Oktober 1984 in Passau geboren. Nach ihrem Hauptschulabschluss begann sie im Alter von 15 Jahren eine Ausbildung zur Einzelhandelskauffrau in München. Ihr Spaß an kreativer Arbeit brachte sie jedoch von einer kaufmännischen Laufbahn ab und sie absolvierte zunächst ein Freiwilliges Soziales Jahr im Augustinum. In dieser Zeit entdeckte sie ihre Leidenschaft für die Fotografie. Von diesem Zeitpunkt an, war die Kamera immer dabei: July fotografierte Freunde und Verwandte, die ersten Serien entstanden. Im Oktober 2008 waren die 15 Bilder zu "Ess-Störungen" fertig. Ab 2. April sind die Werke in der Färberei erstmals öffentlich zu sehen.

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(sueddeutsche.de)