Ausstellung Historische Wirkstoffe

Ein wildes Sammelsurium, von Franz Wanner in der Rathausgalerie installiert, erinnert an die Zeit des Jod-Kurbads Bad Tölz.

(Foto: Franz Wanner)

Der Künstler Franz Wanner beschäftigt sich in einer Ausstellung mit der Geschichte seiner Heimatstadt Bad Tölz - mit Vergessenem und Erfundenem

Von Sabine Reithmaier

Als Olga Aschenbach zum ersten Mal nach Tölz kam, suchte sie nach Spuren ihres Großvaters, der während des Kriegs hier umgekommen war. In der Tourist-Info fragte sie nach der Gedenkstätte für das Konzentrationslager. Das KZ sei in Dachau gewesen, erwiderte die Dirndlfrau am Tresen, in Tölz habe es nie eins gegeben. Schon verblüffend, wie schnell das Vergessen funktioniert, wenn Geschichte nicht in die Selbstdarstellung einer Stadt integriert wird. Überall in Deutschland übrigens, nicht bloß in Bad Tölz. Nur hat eben nicht jeder Ort einen Sohn wie Franz Wanner, der als Künstler ebenso hellsichtig wie skurril die Strukturen seiner Heimatstadt analysiert. Er paart Erfundenes mit recherchierten Fakten, stellt fiktive Gespräche neben Unterhaltungen mit Zeitzeugen, schlängelt sich ungerührt durch Geschichte und Gegenwart des Kurorts, in dem er 1975 geboren wurde.

Erst nimmt man in der multimedialen Ausstellung in der Rathausgalerie nur Jodglasständer, Kompressorpumpen, Bohrkerne und Rutschenteile wahr, ausrangierter Krempel aus der Tölzer Bädergeschichte, nutzlose Zeugen einer großen Vergangenheit. Das könnten die schicken Investoren zusammengetragen haben, die Wanner im Video "Trafo" in der Wandelhalle auf Segways im Kreis fahren lässt, immer auf der Suche, wo es was zu holen gibt. Die denkmalgeschützte Wandelhalle steht lang leer, nach einer neuen Nutzung sucht der Besitzer bislang vergebens. Das Alpamare, eines der ältesten Spaßbäder Deutschlands, schließt er im August, der "Jodquellenhof" hat längst zu. In das ehemalige erste Hotel der Stadt ziehen vielleicht Flüchtlinge ein. Jedenfalls falls der Stadtrat noch nachgibt und dem Landkreis die Nutzung erlaubt. Der hätte zwar die Flüchtlinge lieber in Containern untergebracht, die bereits neben dem Landratsamt, ehemals Flintkaserne, vormals SS-Junkerschule, aufgestellt waren. Dort befand sich in den Vierzigerjahren das Außenlager des KZs Dachau, in dem Olga Aschenbachs Großvater umkam und von dem die meisten Tölzer nichts wissen, nichts wissen können, weil es eben nirgendwo vorkommt. Ein Nachbar widersprach den Containern. Nicht aus Pietät, sondern weil er eine Wertminderung seines Eigentums befürchtete. Die Richter gaben ihm recht.

Also unterhält sich Wanner in seinem Film "Stadt unter Einfluss" mit Thomas Mann über Flucht und Flüchtlinge. Der Schriftsteller, der in Tölz ein "Herrensitzchen" besaß und hier auch über Gustav von Aschenbach und den "Tod in Venedig" nachdachte, zeigt sich indigniert über die Containerlösung: "Wenn man uns in Amerika so empfangen hätte!" Wanner spaziert auch mit Gabriele Gast durch die Wandelhalle, jener Frau, die zugleich BND-Mitarbeiterin und Stasi-Spionin war. Ihre Dokumente übergab sie, versteckt in einer Spraydose, in einer Umkleidekabine im Alpamare.

Die historischen Epochen der Stadt teilt Wanner nach Wirkstoffen ein, die wirtschaftlichen Erfolg brachten: erst Salz, dann Bier, dann Jod. Weil aber der Glaube an die Wirksamkeit des chemischen Elements geschwunden ist, braucht Bad Tölz neues Gold. Fast wäre es die Musik geworden, aber die Banana Fishbones warfen nach ihrem dritten Festival kurz vor dem finanziellen Ruin das Handtuch, erzählt Sebastian Horn. Vielleicht klappt es mit der Rüstungsindustrie: Wanner zieht einen Faden zu einem in Tölz ansässigen Luftfahrtzulieferer, der Bauteile für den Eurofighter entwickelt.

Eine amüsante, sehr spielerische Ausstellung: für die Tölzer ein Muss, für alle anderen ein wunderbares Exempel, wie Geschichte entsteht oder erfunden wird.

Franz Wanner: Eine Stadt unter Einfluss, Rathausgalerie, Marienplatz 8, bis 26. April