Ausgrabung am Marienhof Sensationeller Griff ins Klo

Sternstunde der Stadtarchäologie: Bei den Ausgrabungen am Marienhof fanden Archäologen in einer Latrine Keramikstücke, die aus dem 11. Jahrhundert stammen. Sie belegen, dass München weit älter ist als bisher angenommen.

Von Martin Bernstein

Drei Jahre ist es her, dass die Münchner den 850. Geburtstag ihrer Stadt zelebrierten - jetzt können sie sich schon mal Gedanken über eine 1000-Jahr-Feier machen. Auf dem Marienhof sind Archäologen fündig geworden. In einer Latrine fanden sie das Bruchstück eines Keramiktopfs, der eindeutig in das 11. Jahrhundert datiert werden kann.

Den stadtgeschichtlich erfolgreichen Griff ins mittelalterliche Klo verdankt München den Bahn-Plänen für eine zweite Stammstrecke. Bevor die 40 Meter tiefe Baugrube hinterm Rathaus ausgehoben werden kann - wenn sie es jemals kann, die Finanzierung steht bekanntlich noch nicht -, muss das 6600 Quadratmeter große Areal gründlich auf Spuren aus der Stadtgeschichte abgeklopft werden.

Der Marienhof war bis zum 7. Januar 1945 das dicht bebaute Herz der Stadt. In der obersten Schicht fanden die Stadtarchäologen Spuren jenes Bombenangriffs, der ein ganzes Stadtviertel ausradierte: Geschirr und gefüllte Weinflaschen aus dem ehemaligen Café Bentenrieder, in einem Luftschutzkeller verbrannte Bücher aus einer ehemaligen Dependance der Stadtbibliothek. Ganz oben auf dem Stapel ein Buchumschlag mit der Aufschrift "Deutsche Siege".

Schicht um Schicht tragen die Archäologen ab. Alles wird genau dokumentiert: das Kieselsteinpflaster das zur ersten Mädchenschule Bayerns führte, die 1627 von Maria Ward gegründet worden war und später die Polizeidirektion beherbergte. Die Überreste von Wohnhäusern spätmittelalterlicher Wein- und Salzhändler, die zur Oberschicht der Stadt gehörten. Und gleich daneben die Schnabelschuhe, die der Schuster Jörg Rot im Jahr 1486 weggeworfen hat. Das nämlich ist das Besondere an der Marienhof-Grabung, der größten Stadtkerngrabung Bayerns, wie Generalkonservator Egon Johannes Greipl betont: dass die archäologischen Funde aufgrund der guten Aktenlage einzelnen, namentlich bekannten Bürgern zugeordnet werden können.

"Wir sind dem mittelalterlichen Münchner so nah wie nie zuvor", sagt Stadtarchäologe Christian Behrer, der das Zwei-Millionen-Projekt wissenschaftlich leitet. Ein ganzes Team von Fachleuten steht ihm zur Seite: Archäobotaniker untersuchen jeden Kirschkern, um zu dokumentieren, was die Münchner vor 700 Jahren aßen. Anthropologen versuchen herauszufinden, an welchen Krankheiten die Menschen im Mittelalter litten. Bauforscher fahnden - bislang erfolglos - nach dem Standort der ersten Synagoge. Dendrochronologen zählen Jahresringe zur Datierung von verbauten Hölzern.

Sie sind es auch, die die zweite Sensation vom Marienhof liefern: das älteste datierbare Holzbauwerk Münchens - ist ein Klo, errichtet im Jahr 1261, also vor exakt 750 Jahren. Die eigentliche Überraschung aber ist, dass diese Latrine und das zu ihr gehörende Wohngebäude außerhalb des ersten Mauerrings lagen. Das frühe München ist also nicht nur weit älter, als bisher nachweisbar war - es war auch erheblich größer.

Nächste Führung übers Grabungsgelände ist am Mittwoch, 9. November, 16 Uhr (www.2.stammstrecke-muenchen.de)