Aus der Vogelperspektive Zeitreise in ein fremdes München

Genau vor 100 Jahren rückt das Land um München ins Blickfeld einer Ballon-Besatzung. Sie macht ein Panorama-Foto, das noch heute als Meisterleistung gilt. Damals dominieren Wiesen und Felder die Szenerie. Und heute? Ein Vergleich.

Von Bernhard Lohr

Der Tourist sieht im Anflug auf München schon die Frauenkirche und die Fröttmaninger Arena und bekommt einen Eindruck von einer pulsierenden Metropole. Ein anderes Bild von München zeigt eine Panorama-Fotografie, die die Besatzung eines Fesselballons der bayerischen Armee vor 100 Jahren gemacht hat. Wiesen und Felder dominieren die Szenerie, wo heute Stadt ist. Erstmals rücken östliche Stadtrandgebiete von Ismaning bis Unterbiberg in den Fokus. Es ist eine Zeitreise in eine fremde Welt.

Als die Mannschaft der Luftschiffer-Lehrabteilung der bayerischen Armee am 18. März 1918 ihren Fesselballon aus der Halle holt und zum Startplatz bringt, ist der Auftrag klar. Die Einheit wurde 1890 eingerichtet, um Personal auszubilden und die neuen Möglichkeiten der Luftaufklärung militärisch nutzbar zu machen. Die Soldaten haben Fotogerät dabei, um im Zuge ihrer Ausbildung ein Panoramabild anzufertigen. So entsteht ein einzigartiges Panorama. Viele der Aufnahmen, die Südbayern Anfang des 20. Jahrhunderts erstmals aus der Vogelperspektive zeigen wurden so angefertigt.

Über die genauen Umstände, unter denen die auf Karton aneinandergereihten Fotos vom Münchner Osten angefangen von Ismaning über Riem bis Unterbiberg entstanden, ist wenig bekannt. Die Originale finden sich im Kriegsarchiv und sind spärlich beschriftet. Andere Dokumente zeugen von den abenteuerlichen Anfängen der Luftfahrt. So ein handschriftlicher Bericht des Leutnants D. R. Hahn von einer Fahrt mit dem Freiballon am 14. September 1918. "Das Alpenvorgelände kann vollkommen eingesehen werden", schreibt er.

Dieser Ausschnitt wird im Panorama-Bild gezeigt.

(Foto: )

Man startet um 7.20 Uhr und überquert die Isar bei Oberföhring, um in 200 Metern Höhe über Aschheim gen Osten zu fahren. Kalte Bodennebel zwingen die Besatzung über dem Ebersberger Forst zum Eingreifen. Der Ballon "fiel kurz durch, was durch Ausgaben einiger Schaufeln Sand ausgeglichen wurde", schreibt der Ausbilder. Bodenwinde machen den Ballonfahrern zu schaffen und fast rammen sie ein Bauernhaus, bevor sie bei Altötting an der Bahnlinie nach Burghausen landen, in der Sorge die Grenze nach Österreich zu passieren.

Dass von einem von Wind und Wetter derart abhängigen Gerät aus ein Rundbild fabriziert wurde, bei dem nahezu jedes Haus erkennbar ist, erscheint heute als Meisterleistung. Auch wenn es ein mit einem Seil fixierter Fesselballon war: "Das wird sich bewegt haben", sagt Franz Schiermeier, der mit dem Historiker Hermann Rumschöttel das Bild 2012 erstmals publizierte und in einer Ausstellung im Münchner Landratsamt zeigte. Den Anlass für den Jubiläumsband "Stadt, Land Fluss" bot die Einrichtung der Landratsämter vor 150 Jahren. Mit dem Bild rückte erstmals das Land um München ins Blickfeld.

Damals lebten dort etwa 30 000 Menschen. Heute sind es 350 000. Auch wenn Landrat Christoph Göbel kein Ende des Wachstums sieht, glaubt er, die Identität der Orte wahren zu können. Er setzt auf den Ausbau des Verkehrssystems und darauf, den Blick übers Umland hinaus zu richten - so weit, wie der Ballon einst Leutnant Hahn gen Osten trug.

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