Aufklärung "Einfach nur Kondome verteilen, das würde zu kurz greifen"

Die Auswahl an Verhütungsmitteln ist groß, die Nachfrage nicht. Bild aus der Ausstellung "Only Human - Leben. Lieben. Mensch sein."

(Foto: Alessandra Schellnegger)

Die Caritas hat eine Ausstellung entworfen, um junge Flüchtlinge über Sexualität und Ansteckungsgefahren aufzuklären.

Von Franziska Gerlach

Ein Lineal zur Ermittlung der passenden Präservativgröße, Slipeinlagen und ein Plüschpenis gehören wahrlich nicht zu den Dingen, die man in einer Kirche vermuten würde. Mit langen Texten würde die Wanderausstellung "Only Human. Leben. Lieben. Mensch sein", die am Montagabend in der ehemaligen Karmeliterkirche eröffnet hat, aber kaum funktionieren.

Der Diözesan-Caritasverband und die Erzdiözese München und Freising haben diese eigens für junge Flüchtlinge entwickeln lassen, und die verstehen mithilfe von Bildern und interaktiven Lernstationen besser, wie Aids und andere Geschlechtskrankheiten übertragen werden. Und wie man sich davor schützen kann. "Einfach nur Kondome verteilen, das würde zu kurz greifen", sagt Regina Lange von der psychosozialen Aids-Beratungsstelle der Caritas. Sie hat das Konzept mit einem Team erarbeitet, fast ein Jahr hat das gedauert, sogar Religionswissenschaftler haben sie zu Rate gezogen sowie Experten vom Forum für Islam.

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Dass dabei Fingerspitzengefühl gefragt ist, eine kultursensible Annäherung, das war von Anfang an klar. Schon hierzulande sind Sex und Geschlechtskrankheiten oft mit Scham besetzt. Wie sollen diesen Themen da Menschen aus Ländern begegnen, die seit Jahren in Schutt und Asche liegen, in denen es kein Gesundheitssystem gibt, keine Krankenkassen oder Medikamente? Menschen aus Ländern, in denen Kondome Mangelware sind und Sexualkunde auf dem Stundenplan undenkbar? Es wundert nicht, dass unter jungen Flüchtlingen zum Teil absurde Theorien darüber kursieren, wie man sich mit dem HI-Virus infiziert.

Auch dass es hier meist der Hausarzt sei, der nach einer ersten Untersuchung an einen Facharzt überweist, wüssten viele Flüchtlinge nicht, erläutert Lange, weil sie aus ihren Heimatländern nur Krankenhäuser kennen. An einer Station der Ausstellung ist deshalb ein Video abrufbar, das zeigt, wie ein Arztbesuch in Deutschland üblicherweise abläuft. Michael Seilmaier, Oberarzt der Infektiologie am Schwabinger Krankenhaus, berichtet von einem Flüchtling, der bei einer Untersuchung in Panik geraten war. Denn die Elektroden, die ihm für ein Elektrokardiogramm angelegt wurden, weckten bei im Erinnerungen an die Qualen einer Folter hervor.

Etwaigen Bedenken, dass mit den Flüchtlingen nun auch das HI-Virus ins Land komme, räumt Seilmaier mit Zahlen aus: Die meisten Flüchtlinge kämen aus Ländern, in denen HIV weniger verbreitet sei als in Europa. In Afghanistan zum Beispiel lebten 30 Millionen Menschen, etwa 4500 bis 5000 von ihnen seien infiziert. Von den rund 80 Millionen Deutschen trügen dagegen 60 000 bis 70 000 das HI-Virus im Blut - "also um ein Vielfaches mehr".

Aufklärung und Humor müssen sich nicht ausschließen

Ebenfalls an der Ausstellung mitgearbeitet hat Lillian Ikulumet, die sich für Schutz durch Wissen aussprach. "Wir brauchen Informationen in verschiedenen Sprachen über HIV und Geschlechtskrankheiten", sagt die Journalistin, die aus Uganda nach München geflohen ist. Für die SZ schreibt sie regelmäßig eine Kolumne, sie begleitet aber auch Flüchtlinge zum Arzt und übersetzt für sie. Regelmäßige Tests hält sie für wichtig: Solange eine Infektion unerkannt bleibt und die HI-Viren im Blut nicht durch Medikamente zurückgedrängt werden, stecken sich andere besonders leicht an.

Junge Flüchtlinge aus Isny im Allgäu setzen sich im Improvisationstheater mit Themen wie Freundschaft, Liebe und Sex auseinander.

(Foto: Alessandra Schellnegger)

Ansprechen will die Caritas mit ihrer Ausstellung auch "die Multiplikatoren", wie Lange sagt. Sie meint damit Leute, die in der Flüchtlingsarbeit tätig sind und die junge Flüchtlinge zu einem offenen Austausch ermutigen sollen. Bis zum 20. März ist die Ausstellung in der Karmeliterkirche am Promenadeplatz zu sehen, danach soll sie durch Bayern wandern. Ein Besuch lohnt sich: Die Didaktik folgt nicht dem Blick eines Europäers, der alles besser zu wissen glaubt. Caritas-Mitarbeiterin Lange spricht von einer "respektvollen Haltung", die auch ein Interesse an der anderen Kultur beinhalten sollte.

Trotzdem wird die körperliche Liebe in der Ausstellung nicht isoliert betrachtet. An einer Station ganz vorne rechts geht es um Geschlechterrollen und Beziehungen. Respekt steht da - in zehn verschiedenen Sprachen. Auf einer Waage werden Playmobil-Männchen zu Botschaftern gleichgeschlechtlicher Liebe, an einer anderen Station lassen Pfeile erahnen, wohin die Reise der Genitalien bei dieser oder jener Position geht. Die mit schnellen Strichen gezeichneten Figuren schmunzeln. Denn Aufklärung und Humor sind nichts, was sich ausschließen muss.

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