Wo das Echte exotisch ist: Beim Rundgang mit einem Trachtenexperten finden sich viele Loden-Irrungen.
Um es gleich vorwegzunehmen: Es glich einer Suche nach der Stecknadel im Heuhaufen. Zwar trachtelt es ungemein aus der Wiesn, wahre Tracht aber ist rar. Sehr rar sogar.
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Ortstermin, 14 Uhr, vor dem Löwenbräuzelt. Karl Wiedemann ist ein gemütlicher Mann mit Bierbauch und weißem Schnauzbart, der erst einmal in aller Ruhe seine Maß austrinkt. Ein waschechter Oberlandler, geboren im Dorf Schliersee, daheim in der nahen Kreisstadt Miesbach.
Er ist wiesngemäß gekleidet, in Lederhose, Trachtenhemd und -joppe, was sich für den Vorsitzenden der Vereinigung historischer Trachten Oberbayerns gehört, aber auch sonst irgendwie von selbst versteht.
Karl Wiedemann ist gewissermaßen das, was bayerische Politiker bei wichtigen Jubiläen in ihren Festtagsreden als Verkörperung gelebten Brauchtums nennen, wobei anzumerken wäre, dass es Karl Wiedemann reichlich wurscht ist, was Politiker in ihren Sonntagsreden predigen.
Weniger wurscht ist es dem 65-Jährigen, wie der Trachten- und Schützenfestzug des Oktoberfestes ausschaut. Deshalb hat er sich vor sieben Jahren vom Verein Festring München nicht lange betteln lassen, als es darum ging, den in aller Welt bestaunten Zug durch die Innenstadt zur Theresienwiese vor dem Abdriften ins allzu Folkloristische zu retten. "Damals hat sich ja keiner auskennt", sagt Wiedemann.
Karl Wiedemann ist also unser Mann für einen kritischen Blick auf die Wiesn-Kleiderordnung aus der Trachtenperspektive. Auch für diese Aufgabe ließ er sich nicht lange bitten, und so steht er an diesem sonnigen Wiesntag auf der Terrasse vor dem Löwenbräu und trinkt seine Maß leer.
Bergschuhe sind tabu
Wiedemann gibt sich keiner Illusion hin, als wir vom Löwenbräu die Bierzeltstraße hochschlendern: Er weiß, dass uns nur wenige Exemplare begegnen werden, die den Anforderungen an richtige Tracht genüge tun, von richtigen Originalen ganz zu schweigen, also solchen, die Vereinstrachten wie zum Beispiel die Werdenfelser, Inntaler, Isarwinkler oder Chiemgauer Tracht tragen und dabei auf jedes Detail Acht geben.
Ein junger Bursche kommt uns entgegen, er trägt eine schöne Hirschlederne mit Stickereien, ein schlichtes Trachtenhemd - und Bergschuhe, über deren Schaft die Strümpfe zu einem Wulst zusammengeschoben sind. "Der schaut aus, als ob er grad von der Brecherspitzn kommat", mosert Wiedemann. Von einem Gipfel in der Nähe des Schliersees also.
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