Asylbewerber Unter jugendlichen Flüchtlingen geht die Angst um

Normaler Unterricht wird immer schwieriger: Lehrerin Nadine Hamid und ihr kurzzeitig von der Abschiebung bedrohter Schüler Amadu.

(Foto: Stephan Rumpf)

Das Bundesamt für Migration schickt Einladungen zu Anhörungen im Akkord heraus. Für Flüchtlinge geht es manchmal schnell in Abschiebehaft statt zum Unterricht.

Von Christian Gschwendtner

Es ist sieben Uhr in der Früh, als die Polizisten zu Amadu* (Name geändert) kommen. Der junge Mann aus Sierra Leone ist auf dem Weg zur Dusche. Wie jeden Morgen hat er zwei Stunden lang die Gemeinschaftsküche der Flüchtlingsunterkunft geschrubbt. Für ein kleines Taschengeld. Jetzt macht sich der 19-Jährige fertig für die Schule. Doch der Unterricht fällt an diesem Tag für Amadu aus: Er soll nach Italien abgeschoben werden. 20 Minuten geben ihm die Polizisten, so viel Zeit hat er, um das Nötigste zu packen. Dann geht es Richtung Flughafen. Was die Polizisten nicht wissen: Die Abschiebung wird gründlich schief gehen.

Amadu ist einer von 440 jungen Flüchtlingen, die aktuell an der Berufsschule für Berufsintegration in der Münchner Balanstraße für den Mittelschulabschluss pauken. Bis zu diesem Schuljahr konnten sie das relativ unbehelligt tun. Doch seit einigen Wochen hat sich das Lernklima spürbar verschlechtert. Das Bundesamt für Migration (Bamf) zieht die Daumenschrauben an. Mussten Schüler vorher oft monatelang auf ihr großes Interview warten, verschickt das Bamf die Einladungen zu den Anhörungsterminen jetzt im Akkordtempo. In den Flüchtlingsklassen geht deshalb die Abschiebeangst um. An normalen Unterricht ist vielerorts nicht zu denken.

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"Früher war die Schule ein geschützter Raum, das hat sich jetzt geändert", sagt Klaus Seiler. Er ist der Schuleiter an der Integrationsberufsschule und spürt die Auswirkungen des neuerlichen Kurswechsels täglich. Nach Angaben des Direktors beginnt der Unterricht jetzt nicht mehr mit Mathe oder Deutsch. Sondern mit aufgelösten Schülern, die den Lehrern ihre Bamf-Vorladungen entgegen strecken. Rund ein Viertel der Flüchtlinge, die in der Balanstraße die Schulbank drücken, sollen in den ersten Wochen des Schuljahrs bereits Post vom Bundesamt bekommen haben.

An der Schlau-Schule nahe dem Hauptbahnhof ist die Lage ganz ähnlich. Auch dort bereitet man junge Flüchtlinge auf einen Schulabschluss vor. "Wir sind extrem herausgefordert", sagt die Direktorin Antonia Veramendi. Die Jugendlichen seien immens verunsichert. Wenn dann noch Abschiebeaktionen wie im Fall Amadu die Runde machen, wird das Klassenzimmer schnell zum Unruheherd.

Im März hat der junge Mann aus Sierra Leone auf Sizilien zum ersten Mal europäischen Boden betreten. Deshalb wollen ihn die deutschen Behörden wieder nach Italien zurückschicken. So wie es das Dublin-Abkommen vorsieht. Glaubt man Lehrern, dann wird das Dublin-Abkommen nun energischer umgesetzt. Offizielle Zahlen gibt es zwar keine. Doch die Münchner Ausländerbehörde spricht von einem wahrnehmbaren Anstieg.

In die S-Bahn statt ins Flugzeug

Als Amadu im Polizeiauto sitzt, das ihn zum Münchner Flughafen bringt, weiß er sehr genau, was ihm droht. Die Verzweiflung wächst. Um 8.56 Uhr schickt er eine Nachricht an seine Anwältin. Er will wissen, wie das alles möglich ist. Er hat doch eine Aufenthaltsgestattung. Es vergehen trotzdem Stunden in Abschiebehaft. Dann setzt die Polizei ihn plötzlich an der S-Bahn-Station am Flughafen aus. Die Beamten erzählen Amadu, Italien wollte ihn nicht nehmen. Er hat Glück gehabt, er darf gehen. Die erste Nacht schläft er in einer Erstaufnahmeeinrichtung.

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Dann kann er wieder zurück in die Unterkunft. Die Dublin-Abschiebungen sind der eine Grund für die Verunsicherung an den Schulen. Die Flut an Bamf-Anhörungen der andere. In den ersten neun Monaten des laufenden Jahres erhielten in Bayern 42 819 Asylbewerber eine solche Einladung. Viermal so viel wie im ganzen Jahr davor. Das Problem aus Sicht der Berufsschulen: Sie werden extrem kurzfristig terminiert. An der Schlau-Schule kursiert zum Beispiel die Geschichte eines Kameruners, der drei Jahre lang nichts vom Bamf hörte und plötzlich innerhalb von ein paar Tagen zum großen Interview antreten muss. Zu dem Interview, das letztlich über den Erfolg eines Asylantrags entscheidet.

Die Grünen-Landtagsabgeordnete Claudia Stamm wollte deshalb vergangene Woche von der Staatsregierung wissen, ob ihr die ganze Problematik bewusst sei. Doch das Sozialministerium wiegelt ab. Die Festlegung der Anhörungstermine sei alleinige Sache des Bamf. Dort heißt es wiederum, die Asylbewerber hätten mindestens eine Woche Zeit, sich vorzubereiten.

Das Überleben steht im Vordergrund - auch in der Schule

Nadine Hamid kann nur den Kopf schütteln. Sie unterrichtet an der Berufsschule für Berufsintegration. Neuerdings bleibt ihr immer weniger Zeit für die eigentliche Unterrichtsvorbereitung. "Die lebensessenziellen Dinge haben jetzt Vorrang". Die Schüler wollen wissen, was sie bei der Anhörung genau erwartet.

Der Unterricht ist vorbei. Amadu sitzt kerzengrade auf einem Stuhl im Klassenzimmer C.3. Weißer Kapuzenpulli, ausgewaschene Jeans, ein bedächtiger junger Mann. Warum Deutschland ihn loswerden wollte, versteht er nicht. Nie habe er sich etwas zuschulden kommen lassen. Gut, einmal sei er aus Versehen schwarz gefahren, das tue ihm leid. Aber mehr sei nicht gewesen. "Ich habe deutsche Freunde, ich integriere mich", sagt Amadu. Er will hier bleiben und lernen. Doch er weiß auch, wenn die Polizei ihn in der Nacht holen will, dann schafft sie das. Deshalb sperrt er seine Zimmertür in der Unterkunft gar nicht erst ab.

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