Von Beate Wild

Wie die Besucher sich nach dem Konzert von Arrested Development fühlen? Glücklich, etwas erschöpft und wieder wie Teenager.

Es war genau so, wie wenn man seine Jugendliebe nach Jahren wieder trifft und sich sofort abermals bis über beide Ohren verknallt. Das Konzert von Arrested Development am Montagabend im Backstage war im besten Sinne des Wortes eine Überraschung. Während zur gleichen Zeit die deutsche Pop-Oma Nena im Münchner Olympiapark vor zig Tausenden spielte, mussten sich die US-Hip-Hopper mit einem recht überschaubaren Publikum begnügen. Doch ob die Stimmung beim Fräuleinwunder von damals auch nur annähernd an das herankam, was im Backstage zu erleben war?

Bild vergrößern

Gelebte Lebensfreude: Arrested Development. (© Foto: Getty (Archivbild, 2008))

Anzeige

Lange hat man nichts mehr gehört von der Band mit den extra-groovigen Beats. Obwohl sie im vergangenen Jahr ein neues Album mit dem Namen "Strong" herausbrachten, das sich im Übrigen wirklich hören lassen kann, ist es still geblieben um die Musiker.

Als Arrested Development im Jahr 1992 auf der Bildfläche erschienen, war in der Hip-Hop-Szene nur der ein echter Rapper, der auch ein echter "Poser" ist, das heißt seine Klappe möglichst weit aufreißen kann. In den Texten der Akteure hießen die Frauen "bitches", erzählt wurde vom Dealen mit Drogen und gepriesen das Feiern von ordinären Partys in Luxus-Pools.

Doch Arrested Development war ganz anders. Der Hip-Hop-Combo um Mastermind und Band-Leader Speech ging es schon immer darum, eine positive Grundstimmung zu verbreiten. Der Sound war lebensbejahend, man war sich seiner afrikanischen Wurzeln bewusst, in den Texten ging es um politische Inhalte.

Das unterschied Arrested Development vom Rest. Das Debütalbum "3 Years, 5 Months & 2 Days In The Life Of ..." schlug ein wie eine Bombe und verkaufte sich vier Millionen Mal. Danach konnte "Arrested Development" nicht mehr an diesen Erfolg anknüpfen. Es wurde ruhig um das Hip-Hop-Kollektiv.

Hört man nun nach all diesen Jahren die ganzen alten Gassenhauer wie "People Everyday", "Tennessee" oder "Mr. Wendal" wieder - und zudem in einer richtig guten Live-Version, wird einem ganz warm ums Herz. Es fühlt sich an wie ein Schulausflug, eine Jugendliebe, eine Zeitreise in eine längst vergangene Zeit.

Das Münchner Publikum springt und schreit sich fast die Seele aus dem Leib, die Stimmung könnte besser kaum sein. Und das, obwohl das Konzert in einem wirklich kleinen Kreis stattfindet. Man könnte meinen, dass für eine Band, zumal eine, die in besseren Tagen ganze Hallen füllte, der geringe Zuspruch ein wenig frustrierend sein mag.

Doch wer Arrested Development am Montagabend im Backstage erlebt hat, weiß, dass das Gegenteil der Fall ist. Sowohl sämtliche sieben Bandmitglieder als auch jeder einzelne Zuhörer hatte dermaßen viel Spaß bei dem Konzert, dass dieser Lustgewinn von anderen Live-Darbietungen kaum zu schlagen ist.

Sowohl die beiden Rapper Speech und One Love zeigten sich von ihrer besten Seite, als auch die beiden Sängerinnen Montshoe Eshe und Tasha Larae. Wie die beiden Damen sich in Zeug hängten, muss man wirklich bewundern. Vor allem Eshe legte eine derart flotte Sohle auf die Bühne, tanzte mit einer wunderbar weiblichen Grazie kombiniert mit überschäumenden Spaß und geballter Afro-Power, dass es eine reine Freude beim Zusehen war. Leider erschien Baba Ojé nicht im Backstage, obwohl er eigentlich angekündigt war. Der mittlerweile 77-Jährige ist Gründungsmitglied der Combo, tritt aber nur noch selten auf. Doch das schmälerte die Show keinesfalls.

Von der ersten Minute an hatte Arrested Development das Publikum voll im Griff. Das blieb sogar bis nach dem Konzert so, als die Band erst ihren Fans die Hände schüttelte, und später bereitwillig Autogramme verteilte und sich auf diverse Schwätzchen mit den Gästen einließ.

Arrested Development war wie immer: Eine Handvoll Musiker, denen ihre Mission und der Spaß an der Sache wichtiger ist, als das sonst in der Branche übliche "Auf-dicke-Hose-machen".

Und so durften die Besucher des kleinen, aber sehr feinen Auftritts die Erfahrung machen, dass es doch nicht immer auf die Größe ankommt. Gerade die intimen Konzerte, bei denen man auf Tuchfühlung mit den Künstlern gehen kann, sind die, die ein Leben lang in Erinnerung bleiben.

Leser empfehlen 

(sueddeutsche.de/sonn)