Eine Mutter, drei Kinder und ein Hund - warum die Stütze kaum zum Leben reicht.
Nur Freier, die sich auskennen, finden hierher. Tief in den Eingeweiden des Gewerbegebietes, durch das sich die Straße wie ein langer Bandwurm zieht, liegt der Parkplatz des Fitnessstudios. Discobeats dringen aus den geöffneten Fenstern. "I've got the power, ah." Die Freier parken hier, das ist unauffälliger.
Tief in den Eingeweiden des Gewerbegebiets in München lebt es sich schwierig. (© Foto: dpa)
Anzeige
Nebenan liegt ein Bürogebäude, eine Schuhschachtel aus Beton. An der Tür vier Klingeln, auf einer von ihnen steht ein Allerweltsname, darüber hat jemand mit einem spitzen Gegenstand "Frauen" eingeritzt. Man sieht es kaum, das macht auch nichts: Die Freier kennen den Weg.
Sie klingeln, warten, bis der Türöffner summt, treten ein. Ein hohes Treppenhaus, unverputzter Beton. An der Wand hängt ein Bild, etwa zweieinhalb Meter groß, in Gold gerahmt. Eine junge Elfe steigt vom Himmel herab, ihr rosafarbenes Kleid bedeckt kaum ihre üppige Brust. Sie lächelt. So warm, so unschuldig, so einladend. Die Freier steigen die Treppe hinauf, die Elfe lächelt leise. Im ersten Stock biegen sie nach links ab, hier warten die "Frauen".
In einem Anfall von Leichtsinn
Manchmal aber klingeln die Freier an der falschen Tür. Vielleicht, weil sie zum ersten Mal hier sind und den Weg nur vom Hörensagen kennen. Vielleicht, weil sie zu betrunken sind, um sich zu erinnern. Sie läuten dann bei der Familie in der Wohnung gegenüber. Die kennt das schon, wieder einer von denen.
Mutter Maria hat sich das Freierraten zum Hobby gemacht: "Jedes Mal, wenn ein Auto hier reinfährt, frage ich mich: Geht er ins Fitnessstudio oder ins Puff?" Ärgerlich ist, wenn die Freier nachts um zwei klingeln. Dann wachen die Kinder auf. Unangenehm ist, wenn der Hund mit benutzten Kondomen im Maul nach Hause kommt. Aber was will man machen? "Was anderes haben wir nicht gefunden", sagt Maria.
Die Familie sitzt im Wohnzimmer, auf dem Tisch steht Bienenstich. "Den habe ich in einem Anfall von Leichtsinn gekauft", sagt Maria, 43 Jahre alt, das dichte rote Haar sorgfältig zurückgekämmt. Sie raucht viel, "ich gönn mir ja sonst nix", und sieht müde aus. Nur wenn sie lacht, ein lautes freies Lachen, ist die Erschöpfung wie weggewischt. Neben ihr sitzt der siebenjährige Tobias, der sehr blond ist und genauso hungrig: "Kann ich jetzt endlich den Kuchen essen?"
Weiter links sein Halbbruder, der 15-jährige Thomas, der ein weiches Lächeln hat und gut frisierte Haare, "die schneid ich mir selbst". Bald wird er mit seiner Friseurlehre beginnen, es ist sein Traumberuf.
Alles muss rosa sein
Seine fünfjährige Halbschwester Katharina spielt mit dem Hund, einem kleinen wuseligen Wollknäuel. Sie hat ein rosa Kleid an, denn "alles muss rosa bei mir sein." Watteweich sind die Sessel, man versinkt bis zur Hüfte darin. An den Wänden dösen dunkle Kommoden, daneben hängen helle Bilder. Alles sehr ordentlich und freundlich. Ein bisschen Heimat mitten im Gewerbegebiet, dort, wo außer ihnen fast keiner wohnt. "Eine Bruchbude", schimpft Maria. "Mit Resten haben wir uns eingerichtet."
Wohnungsbesichtigung. Maria schläft auf einer Pritsche im Gang, die beiden Kleinen teilen sich ein Zimmer, nur Thomas hat einen eigenen Raum. Die Küche, eine umgebaute Abstellkammer; die Küchenzeile alt und ranzig. Wenn etwas kaputt geht, dann ist es kaputt. Kein Geld für Reparaturen. Wie viel Geld ist genug zum Leben? Maria rechnet vor: Die Familie lebt von Arbeitslosengeld II, Unterhalt und ihrem Lohn als Küchenhilfe. Nach Abzug von Miete und Strom bleiben ihnen 840 Euro im Monat.
Das muss reichen für Essen, Kleidung, Haushalt, Medizin, Schulbedarf und öffentliche Verkehrsmittel. Für vier Personen und einen Hund. "An manchen Tagen haben wir Flaschen weggebracht, um wieder Essen kaufen zu können", erzählt Maria. Obst sei zu teuer. "Wir essen Nudeln mit Soße und manchmal nur Nudeln." Gesund ist das nicht, Maria hat eine Weißmehlallergie. "Ich geh dann auf wie ein Hefekuchen, aber es ist halt nichts anderes da."
Manchmal, an besonderen Tagen, macht die Familie einen Ausflug. Sie gehen ins Schwimmbad oder in die Eisdiele, obwohl sie dafür eigentlich kein Geld haben. "Aber immer nur Nein sagen, das geht doch mit den Kindern nicht."
Penatencreme im Hirn
Maria würde gerne mehr arbeiten, als Teilzeitkraft in der Gastronomie. Schließlich ist sie vom Fach, hatte selbst mal einen kleinen Betrieb. "Doch wer will schon eine Mutter mit drei Kindern anstellen?" Und dann ist da das Zeitproblem, "mit drei Kindern bist du ein Kleinbetrieb." Vergangenes Wochenende schuftete sie 28 Stunden in der Küche eines Tennisclubs, "ein Knochenjob." Viel vom Lohn geblieben ist ihr nicht: Als Arbeitslosengeldbezieherin darf sie nur einen Bruchteil ihres Lohns behalten, im letzten Monat waren das 40 von 200 Euro.
Und trotzdem mag sie die Arbeit, "denn wenn man nicht arbeitet, hat man irgendwann Penatencreme im Hirn". Es gab Zeiten, in denen es besser lief, finanziell zumindest. Maria war verheiratet, der Mann Baufachwerker, an Geld mangelte es nicht. Nur mit der Ehe, da klappte es nicht so recht. "Gleich nach der Geburt der Kinder ging der Ärger los."
Seit einem Jahr ist Maria geschieden. Eigentlich habe ihr Ehemaliger Geld genug, den gesetzlich vorgeschriebenen Unterhalt zu zahlen, sagt Maria. "Doch das tut er nicht." So wartet sie darauf, dass ihr Mann vom Sozialamt gepfändet wird und lebt bis dahin von der Stütze. Am meisten ärgert sie, dass der Vater zwar keinen Unterhalt zahlen will, die Kinder aber mit teuren Geschenken verwöhnt, wenn sie bei ihm zu Besuch sind. "Da kann ich nicht mithalten." Konkurrenz um die Herzen der Kinder.
Einen Trumpf hat Maria: Lange haben sie gespart, um im Sommer nach Italien zum Zelten fahren zu können. Die Kinder haben Zeitungen ausgetragen, um ihren Teil beizusteuern, "die wissen schon, dass wir sparen müssen."
Schon den letzten Sommer haben sie in Italien verbracht, Maria hatte damals ein "Leihkind" dabei, Thomas' Freundin. Eine Frau fragte sie, wie sie das denn mache, allein mit vier Kindern. "Indem ich keinen Mann dabei habe", antwortete Maria, die "mit dem Thema Männer abgeschlossen" hat. Am Abend dann, wenn sie Paare in den Nachbarzelten streiten hört, denkt sie: "Mein Gott, hab ich es schön." Drei Wochen Sonne, Meer und Eiscreme. Und keine unerwünschten Freier vor der Türe.
Die Autorin gewann mit dieser Geschichte den Reportagepreis der Akademie der Bayerischen Presse.
(SZ vom 22.11.2006)
Brasiliens Präsidentin Roussef
Die neueste Antwort