Armut in Deutschland (6): Kinderarmut "Ich will eine Achterbahn, die bis zum Himmel geht"

Sie sorgen sich, verdrängen und hoffen: In Deutschland leben drei Millionen Kinder in Armut. sueddeutsche.de hat in München fünf von ihnen getroffen und nach ihren Wünschen gefragt.

Protokolle: Lisa Sonnabend

Robbie, Kostas, Katharina, Martin und Alex leben in München. Die Kinder wollen unbedingt einmal auf den Olympiaturm, würden gerne ein Zimmer für sich alleine haben oder ins Kino gehen. Doch nur wenige ihrer Wünsche gehen in Erfüllung - denn ihre Eltern sind arm.

"Armut ist in Deutschland immer relativ", sagt Susanne Korbmacher, Vorsitzende des Vereins "ghettokids" in München Hasenbergl. "Aber es gibt Kinder, die haben zu wenig Bildung und nicht genug zu essen." Die Schere zwischen Arm und Reich in Deutschland geht dabei immer weiter auseinander: Die Wirtschaft wächst - ebenso wie die Zahl der armen Kinder. Rund drei Millionen Kinder in Deutschland wachsen in Armut auf und starten unter schwierigen Bedingungen ins Leben.

Viele versuchen, die Armut nicht zu nah an sich heranzulassen. "Die Kinder erzählen oft Dinge, von denen wir wissen, dass die Realität ganz anders aussieht", sagt Monique Rauchhaus vom Kinder- und Jugendzentrum "Die Arche München". Nur durch Verdrängen wird das Leben für sie erträglich.

Auf sueddeutsche.de erzählen Robbie, Kostas, Katharina, Martin und Alex von ihren Wünschen und Träumen, Sorgen und Ängsten.

Robbie, 8 Jahre, aus Moosach:

In den Sommerferien will ich unbedingt zum Olympiapark fahren. Ich war da schon einmal. Da sind wir mit dem Aufzug den Olympiaturm hochgefahren, das ging ganz schön schnell und man hatte eine tolle Aussicht. Das will ich wieder machen - und danach würde ich mir gerne noch das Fußballstadion anschauen. Ich hoffe, es klappt und jemand fährt mit mir hin.

In den Ferien helfe ich auch mit bei Leuten, die ein Haus bauen. Ich muss da messen, ob die Steine gleich groß sind. In Urlaub fahre ich nicht. Einmal war ich mit meinem Papa schon am Meer. Aber das ist schon lange her. Mein Papa wohnt seit drei Jahren nicht mehr bei uns und ich sehe ihn nur noch ganz selten.

Schlimm finde ich es aber eigentlich nicht, dass ich in den Ferien nicht wegfahre. In München gefällt es mir sowieso am besten, weil hier die Arche ist. Da darf ich die größten Türme bauen. Ich bin jeden Tag in der Arche. Manchmal kochen wir sogar zusammen. Davor muss ich aber immer zuerst zur Nachhilfe, weil ich in der Schule nicht so gut bin.

Ich gehe in die erste Klasse. Ich kann schon fast alle Buchstaben und auch lesen. Mein Lieblingsfach ist die Pause. Ich hab in der Schule immer ein paar Spielzeugautos dabei und die nehme ich dann mit raus und spiele mit meinen Freunden damit. Autos find ich toll. Wenn ich mal groß bin, möchte ich einen Ferrari haben. Bei dem kann ich dann das Dach abmachen und mich sonnen, während ich ganz schnell fahre.

Von Beruf will ich Polizist werden. Wenn ich einen Dieb beim Stehlen erwische, nehme ich ihn mit ins Gefängnis. Kinder will ich, glaube ich, nicht. Mein Bruder hat ein Baby bekommen, das ist mein Neffe. Er ist ganz süß und ich durfte ihn schon mal auf meinem Schoß halten. Aber mir wäre das zu anstrengend.

Ich wohne mit meiner Mama und meinen Geschwistern in dem Hochhaus gleich neben der Arche in Moosach. Vor kurzem hab ich das Schlafzimmer von meiner Mama bekommen, die schläft jetzt im Wohnzimmer. Das ist gut, weil davor hab ich mit meiner Schwester in einem Bett geschlafen. Das war ganz schön eng und ich konnte oft nicht gut schlafen. Meine Schwester hat mich manchmal in der Nacht aus dem Bett geworfen, ich sie aber auch mal.

Vor dem Einschlafen schaue ich oft Fernsehen. Der steht nämlich in dem Zimmer, wo ich jetzt schlafe. Am liebsten mag ich Sponge Bob - das ist total witzig und ich kann ihn inzwischen schon ganz gut nachmachen.

Wenn ich einen Wunsch frei hätte, würde ich mir eine Achterbahn wünschen, die bis in den Himmel geht. Dann würde ich ganz weit hinauffahren. Ich würde mir die Wolken ansehen und sie berühren. Auf dem Rückweg würde ich eine Wolke mit zu mir nach Hause nehmen.

Und dann würde ich versuchen, mich auf die Wolke zu setzen und hinauf in den Himmel zu fliegen. Obwohl ich befürchte, dass ich runterfallen werde.

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