Von Wolfgang Görl

Wo Münchens historische Schätze lagern: Mehr als eine Verwahranstalt für alten Krempel - die SZ stellt in einer Serie öffentliche Archive vor.

Archive sind, so liest man oft, das Gedächtnis einer Stadt oder einer Region. In den oft endlosen Regalreihen voller Akten, in Schränken, Metallcontainern und Mappen lagern Fotos, Filme, Dokumente, Urkunden, Manuskripte, Nachlässe und vieles mehr, das die Spuren vergangenen Lebens trägt. Anders als Museen oder Bibliotheken sind die Archive aber nur wenig im Bewusstsein der Öffentlichkeit präsent.

Valentin-Karlstadt-Musäum

Eine aquarellierte Zeichnung des Künstlers Heinrich Kley (1863 bis 1945), das eine Straßenszene aus den Revolutionstagen im November 1918 zeigt. (© Foto: Valentin-Karlstadt-Musäum)

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Der Archivar gilt vielen als ein leicht sonderbarer Kauz, der in finsteren Löchern zwischen Spinnweben und Staubwolken einer Tätigkeit nachgeht, die wiederum nur sonderbaren Käuzen nützt. Wer solche Vorurteile pflegt, ist womöglich der Meinung, das alte Zeug, das in Archiven eingemottet ist, habe nichts mit der Gegenwart zu tun. Als Forschungsmaterial für Historiker möge es dienlich sein, ansonsten könne man es getrost vergessen.

Aber stimmt das auch? Dass Archive offenbar weitaus mehr sind als eine Verwahranstalt für alten Krempel, lässt sich aus den Reaktionen schließen, die auf den Einsturz des Kölner Stadtarchivs am 3.März erfolgten. "Nun ist das Gedächtnis einer der ältesten bürgerlichen Gemeinschaften der Welt verloren", klagte beispielsweise der ehemalige Abteilungsleiter des Historischen Archivs der Stadt Köln, Eberhard Illner, der inzwischen das Stadtarchiv Wuppertal leitet. "Hier sind über eintausend Jahre Kulturgeschichte zerstört worden."

Wenn das stimmt, dann ist weitaus mehr kaputt gegangen als "nur" historisches Material. Dann trifft der Verlust die gesamte Stadtgesellschaft, oder doch zumindest diejenigen, für die Köln nicht nur zufälliger Wohnort ist, sondern Heimat. Und letztlich bewegt es auch alle anderen, die an Kultur interessiert sind - auch deshalb, weil die vergangene Kultur stets in die Gegenwart hineinragt, weil sie Identität stiftet, die aus dem Hier und Jetzt allein nicht zu gewinnen ist. So wie das Bild einer Stadt zusammengesetzt ist aus historischen und modernen Gebäuden, so herrscht auch in ihrer Kultur ein Nebeneinander von Altem und Neuem. Erst das macht ihre Besonderheit, ihre Unverwechselbarkeit aus.

Wer also München verstehen will, kommt mit einer aktuellen Momentaufnahme nicht recht weiter. Er muss zurückblicken, eintauchen in die Vergangenheit. Und die Vergangenheit ruht in den Archiven - nicht nur, aber doch zu einem bedeutenden Teil. Hier finden sich Dokumente aus den Anfängen der Stadt, die Hinterlassenschaften der bayerischen Herrscher, die Nachlässe großer Persönlichkeiten, Aufzeichnungen über soziale und politische Kämpfe, Zeugnisse der technischen und wirtschaftlichen Entwicklungen, ja sogar die Spuren der kleinen Leute, von denen oft nicht mehr geblieben ist als ein Eintrag im Polizeiregister.

Münchens Archive sind voller historischer Schätze, die nicht nur für die Geschichte der Stadt, sondern auch für die Landesgeschichte bedeutsam sind. Dabei profitiert München von der zentralistischen Politik zu Anfang des 19. Jahrhunderts, als Bayern zu einem Königreich aus Napoleons Gnaden wurde (1806) und neue Territorien und Untertanen integriert werden mussten.

In einem Aufsatz für das Journal des bayerischen Landesvereins für Heimatpflege schreibt Hermann Rumschöttel, der ehemalige Generaldirektor der Staatlichen Archive Bayerns: "Auch die Geschichte des jüngeren bayerischen Archivwesens beginnt mit einer längeren Phase starker Zentralisierung. Die 1799 in München errichteten drei neuen Zentralarchive, das Geheim Hausarchiv, das Geheime Staatsarchiv und das Geheime Landesarchiv...sollten die einzigen selbständigen Archive des Landes sein."

Vieles, was ehedem in Kammern und Kellern kurpfalzbayerischer Verwaltungs- und Gerichtsstellen oder in kirchlicher Obhut lag, kam nach München. Diese Entwicklung, schreibt Rumschöttel weiter, "hat den Aufstieg Münchens zu einem Zentrum der deutschen Geschichtswissenschaft wesentlich gefördert und einen nicht unerheblichen Beitrag zur gesamtbayerischen Identitäts- und Selbstwertentwicklung geleistet".

In den folgenden Wochen stellt der SZ-Lokalteil dieses umfangreiche Gedächtnis der Stadt in einer Serie vor. Gut zwei Dutzend Münchner Archive haben sich zu einem lockeren Verband zusammengeschlossen, in dem die unterschiedlichsten Institutionen vertreten sind (www.archive-muenchen.de).

Dazu zählen das Archiv der Münchner Arbeiterbewegung ebenso wie die Archive des Alpenvereins, des Erzbistums oder des BMW-Konzerns. Neben "Klassikern" wie das Bayerische Hauptstaatsarchiv oder das Stadtarchiv gibt es in München auch weniger bekannte Sammlungen wie das Sudetendeutsche Archiv in der Hochstraße oder das Historische Archiv des Max-Planck-Instituts für Psychiatrie. Sie alle haben sich zur Aufgabe gesetzt, "originale und einmalige Zeugnisse menschlichen Lebens aufzubewahren, zu erschließen, im Rahmen der rechtlichen Möglichkeiten zur Benutzung bereitzustellen, auszuwerten und so vor dem Vergessen zu sichern".

Ferner sind Archive, die ja laufend aktualisiert werden, die Basis künftiger Erinnerung. Wenn etwa der Stadtrat heute eine Entscheidung fällt, werden die Akten eines Tages ins Stadtarchiv wandern und sich einfügen in das Gedächtnis Münchens. Wenn später ein Bürger wissen will, wie es zu dem Beschluss kam, hat er die Möglichkeit, Einblick in diese Unterlagen zu nehmen.

Geheim sind diese Archive längst nicht mehr. In der Regel stehen die Magazine den Interessierten kostenlos offen, da und dort ist eine Voranmeldung erforderlich. Viele Dokumente sind auch im Internet publiziert - die Aura des Originals, die man beim Blättern in alten Folianten spürt, haben sie dort freilich nicht.

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(SZ vom 01.04.2009)