Architekturspaziergang Im Schmelztiegel der Stadt

Vom Odeonsplatz durch den Hofgarten ins Lehel: Das ist die ideale Route, um die Geschichte Münchens zu erkunden.

Von Christiane Lutz (Texte) und Florian Peljak (Fotos)

Das Gebiet um den Odeonsplatz und die Residenz versammelt sie alle: die Urmünchner, die Politiker, die Touristen und jene, die nur schnell mal mit dem Radl von Haidhausen nach Schwabing fahren wollen. Hier kommt jeder vorbei. Der Ort ist einer von Münchens Knotenpunkten und ein geschichtsträchtiger noch dazu. Am Odeonsplatz erfahren amerikanische Touristen alles über den Aufstieg Adolf Hitlers, seine Auftritte in der Feldherrnhalle und warum die Ludwigstraße auch seinetwegen so aussieht, wie sie eben aussieht. In der Residenz lernt man, dass der König früher gern mal in der Stadt wohnte, um nach dem Rechten zu sehen und zu überprüfen, ob alles läuft mit den Untertanen. Und wer es bis zur Staatskanzlei im Hofgarten schafft, kann vielleicht einen Blick auf einen von Bayerns Entscheidungsträgern erhaschen, die dort jeden Tag ein und ausgehen und das Land regieren.

Ein richtiger Rundgang durch München ließ sich bis vor Kurzem nicht ohne einen Besuch im Café Tambosi beschließen. Es war Münchens ältestes Caféhaus, eröffnet 1775 als Kiosk zum Ausschank von Kaffee, Schokolade und Limonade. Luigi Tambosi, Sohn des Hofkellermeisters am Hof der Wittelsbacher, übernahm das Haus dann 1810, seitdem trug es den Namen "Tambosi". König Ludwig I. und Lola Montez sollen regelmäßig zu Gast gewesen sein, und so entwickelte sich das Café zu einem der beliebtsten Plätze für Touristen und Münchner. Derzeit steht das Tambosi leer, der letzte Pächter hatte wegen Mieterhöhung gekündigt. Offiziell ist noch nicht bekannt, wer das Haus übernimmt, inoffiziell deutet einiges darauf hin, dass es Ugo Crocamo sein wird, der das H'ugo's am Promenadeplatz betreibt, ein schicker Italiener. Noch ist aber nichts von neuer Gastro zu sehen. Also: weiterziehen, hinein in den Hofgarten, wo sich wenigstens die Boule-Spieler noch immer treffen.

Tourbeschreibung

Los geht es am Odeonsplatz (U3, 4, 5, 6) und durch den Hofgarten. Rechts an der Staatskanzlei vorbei in die Alfons-Goppel-Straße und über den Marstall. Links die Maximilianstraße hoch bis zur Herzog-Rudolf-Straße. Am Karl-Scharnagl-Ring links wieder in Richtung Staatskanzlei. Einen Abstecher in die Hofgartenstraße, bevor es bei der Münchner Hypothekenbank in die Christophstraße geht. Über die Sankt-Anna-Straße geht es zum Sankt-Anna-Platz (U 4, 5 / Lehel)

Dauer: etwa eine Stunde

Die Stelle, an der die Residenz steht, ist offenbar schon seit Jahrtausenden von Menschen bewohnt. Erst 2014 fanden Archäologen unter dem Apothekenhof ein Grab aus der Bronzezeit. Die Residenz ist das bauliche Ergebnis der Regentschaft vieler verschiedener Herrscher. Schon 1385 befand sich dort die sogenannte Neuveste, die Herzog und Hofstaat nach Bürgeraufständen als Rückzugsort diente. Im 16. Jahrhundert ließ Herzog Wilhelm IV. an der Stelle des heutigen Marstallplatzes den ersten Hofgarten errichten. Der Marstall selbst wird vom Bayerischen Staatsschauspiel, also dem Residenztheater, als Spielstätte genutzt. Der Vorplatz lädt zum Durchschnaufen ein, man kann, sofern keine Spielzeitferien sind, das künstlerisch-technische Treiben rund um den Bühneneingang des Theaters beobachten, dem nahegelegenen spanische Kulturzentrum Instituto Cervantes einen Besuch abstatten und die Allerheiligen-Hofkirche zumindest von Außen anschauen, denn besichtigen kann man sie nur bei Führungen durch die Residenz.

Im Gegensatz zum Odeonsplatz ist es hier sehr viel ruhiger, ein paar gastronomische Angebote gibt es aber. Das eher gehobene Steak-Restaurant "Brenner Grill" zum Beispiel und "The Spice Bazar", wo man sich auf mediterrane-orientalische Küche spezialisiert hat. "The Spice Bazar" befindet sich direkt im Gebäude der Max-Planck-Gesellschaft, deren Rückseite dem Marstallplatz zugewandt ist. Hier ist das Viertel plötzlich modern und urban, hier trifft Münchner Arbeitsalltag auf schlendernde Freizeitler. Das Gebäude betritt man über die Hofgartenstraße und durch einen besonderen Eingang. Der nämlich ist vom Gesicht der römischen Göttin Minerva umrahmt, die als Göttin der Wissenschaft, Klugheit und Ausdauer gilt und gleichzeitig die Bildenden Künste beschützt.

Von dort aus geht es hinein ins Lehel, wo kaum noch touristischer Trubel herrscht. Im 14. Jahrhundert lebten hier vor allem Arme. Sie nutzten die vielen Bäche, die sich damals durchs Viertel zogen. Das ist kaum mehr vorstellbar, denn heute sind die Durchschnittsmieten nirgendwo in München höher als im Bezirk Altstadt-Lehel. Erst im Frühjahr lehnte der Stadtrat es ab, die Gegenden St.-Anna-Platz und Lehel-Süd zu Erhaltungssatzungsgebieten zu erklären. Einfach, weil es kaum Alteingesessenes mehr gibt, das es zu schützen gilt. Zu den fröhlicheren Seiten des Lehels gehört, dass hier in den Achtzigerjahren "Meister Eder und sein Pumuckl" gedreht wurde, vieles in einem Hinterhof in der Widenmayerstraße 2.

1. Tambosi und Bazargebäude

Warum es sich lohnt innezuhalten: Hier war bis Ende 2016 noch Münchens traditionsreiches Caféhaus, das Tambosi, beheimatet. Im Sommer wie im Winter war die Terrasse voll, Touristen und Einheimische schätzten den Platz, weil sie das Treiben am Odeonsplatz beobachten konnten. Das Geschäft lief - aber wegen einer saftigen Mieterhöhung gab der bisherige Wirt auf. Ein großes Geheimnis ist noch immer, wer der neue Pächter ist. Fest steht bisher nur, dass wieder Gastronomie in den Räumen geplant ist und man angeblich noch im Sommer 2017 eröffnen will. Das ehemalige Tambosi gehört übrigens zum sogenannten Bazargebäude, das sich 175 Meter die Ludwigstraße erstreckt. Schon bei der Eröffnung im 19. Jahrhundert waren in dem klassizistischen Bau Geschäfte untergebracht - deswegen Bazar. Heute befinden sich darin immerhin noch das Schumann's, ein Starbucks und vielleicht bald wieder ein Lokal mit schöner Terrasse.

2. Bayerische Staatskanzlei

Info

Adresse: Franz-Josef-Strauß-Ring 1

Architekt: Diethard J. Siegert und Reto Gansser

Fertigstellung: 1992

Gehzeit: 7 Minuten vom Odeonsplatz

Warum es sich lohnt innezuhalten: In dem Gebäude mit den Renaissance-Arkaden tagt die bayerische Staatsregierung, es ist der Arbeitsplatz von Ministerpräsident Horst Seehofer. Wer nah ran geht, stellt fest, dass vor der Staatskanzlei stets die Polizei patrouilliert. Schon Franz Josef Strauß hatte die Pläne zu einem schicken Neubau für die Bayerische Staatsregierung angetrieben, dann aber dauerte es bis zur Regierungszeit von Ministerpräsident Max Streibl, bis der Bau nach einigen Streitigkeiten um den Standort fertig war. Wo die Staatskanzlei jetzt steht, stand seit 1905 das Bayerische Armeemuseum. Der Kuppelbau ist ein Überbleibsel aus der Zeit. Der Herr auf dem Pferd vor dem Eingang ist übrigens Otto I., der als Begründer des Herrscherhauses Wittelsbach gilt. Vor Otto wiederum befindet sich das Kriegerdenkmal der Stadt München, das zum Gedenken an die im Ersten Weltkrieg Gefallenen im Jahr 1928 vollendet wurde.

3. Allerheiligen-Hofkirche

Info

Adresse: Residenzstraße 1 (über Alfons-Goppel-Straße)

Architekt: Leo von Klenze

Fertigstellung: 1837

Gehzeit: 6 Minuten von der Bayerischen Staatskanzlei

Warum es sich lohnt innezuhalten: Wer nicht weiß, dass diese Kirche hier steht, entdeckt sie möglicherweise nicht. Denn anders als ihre Kolleginnen, die häufig prominent und frei stehen, schmiegt sich die Allerheiligen-Hofkirche direkt an die Residenz an, ein Glockenturm fehlt auch. Leo von Klenze baute sie nach dem Vorbild der normannisch-byzantinischen Palastkapelle in Palermo, die König Ludwig I. in Sizilien entdeckt hatte. Ursprünglich war das Gewölbe prunkvoll verkleidet. Der König konnte direkt aus der Residenz auf die Empore gelangen und von dort aus an der Messe teilnehmen. Nach dem Zweiten Weltkrieg lag das Gebäude lange in Trümmern. Erst 2003 wurde die Kirche wieder eröffnet, Spuren der Zerstörung sind bis heute zu sehen. Besichtigen lässt sich die Allerheiligen-Hofkirche nur bei Führung durch die Residenz oder bei einem Besuch eines der zahlreichen Konzerte, die dort stattfinden.

4. Marstall-Residenztheater

Info

Adresse: Marstallplatz 5

Architekt: Leo von Klenze

Fertigstellung: 1822

Gehzeit: 3 Minuten von der Allerheiligen-Hofkirche

Warum es sich lohnt innezuhalten: Die Tür zum Marstall ist mit etwa 5,3 Metern Breite und 8,5 Metern Höhe eine der größten der Stadt. Und eine der schönsten dazu, denn sie führt hinein in den Marstall, eine Spielstätte des Residenztheaters. Wie die Verzierung des Gebäudes verrät, wurde hier tatsächlich mal geritten. Lange Zeit diente der Marstall dem Hofadel als Reitschule. Mit dem Untergang der Monarchie aber war das vorbei, der Marstall war danach mal Museum, mal Lager und wurde schließlich im Krieg zerstört. 1972 dann gab es erstmals Theater: Franz Xaver Kroetz' "Globales Interesse" wurde als Kulturprogramm zu den Olympischen Spielen aufgeführt. In den oberen Etagen befindet sich nicht nur die Marstall-Bar, wo man nach der Vorstellung Schauspieler treffen kann, dort entstehen auch sämtliche Bühnenbilder des Residenztheaters. In naher Zukunft soll der Marstall umfassend renoviert werden.

5. Ehemalige Synagoge

Info

Adresse: Herzog-Rudolf-Straße 1

Architekt: August Exter

Fertigstellung: 1892

Gehzeit: 5 Minuten vom Marstall-Residenztheater

Warum es sich lohnt innezuhalten: Auf den ersten Blick sieht dieses Gebäude unspektakulär aus. Optisch irgendwo zwischen Plattenbau und Gymnasium. Lediglich eine Tafel erinnert an die historische Bedeutung dieses Ortes. Hier stand die Alte Synagoge "Ohel Jakob", Treffpunkt der orthodoxen Juden. Der Architekt August Exter lieferte die Vorlage für die eher kleine Synagoge, 19 Meter hoch, 16 Meter breit, Platz für etwa 150 Menschen. Ihr Bau, begonnen 1891 und beendet 1892, war von der orthodoxen Israelitischen Kulturgemeinde Münchens angeregt worden. Diese konnten sich nicht mit der Einführung eines neuen Gebetbuchs und dem Einsetzen von Orgeln im Gottesdienst identifizieren. Also gründeten sie den Verein "Ohel Jakob" und finanzierten aus eigenen Mitteln den Bau ihrer Synagoge an der damaligen Kanalstraße. In der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 setzte der Stoßtrupp Adolf Hitler die Synagoge in Brand.

6. Max-Planck-Gesellschaft

Info

Adresse: Hofgartenstraße 8

Architekt: Angelika Popp und Michael Streib

Fertigstellung: 1999

Gehzeit: 5 Minuten von der ehemaligen Synagoge in der Herzog-Rudolf-Straße

Warum es sich lohnt innezuhalten: Die Max-Planck-Institute kennt jeder, die Max-Planck-Gesellschaft hingegen nicht. Aber wo viel geforscht wird, braucht es auch eine Verwaltungszentrale. Die sitzt im Gebäude der Max-Plack-Gesellschaft. Knapp 40 Jahre lang war die Gesellschaft in der Residenz untergebracht, bevor sie in die Hofgartenstraße zog. Die Architekten entschieden sich für den Bau eines "doppelten U". Weil nämlich die angrenzende Residenz eine andere Richtung vorgibt als der ebenfalls angrenzende Marstall, wurde die Außenfassade eben optisch an die Residenz, die Innenfassade an die Achse des Marstalls angeglichen. An der Stelle des Baus befand sich einst zudem einer der Bäche, von denen es im 16. Jahrhundert viele in München gab. Dieser Bach wurde beim Bauen an der Nordseite des Neubaus freigelegt und ist heute noch vom Haupteingang aus zu sehen. Kürzlich war auch ein Biber dort unterwegs.

7. Sankt-Anna-Kirche

Info

Adresse: Sankt-Anna-Platz 5

Architekt: Gabriel von Seidl

Fertigstellung: 1892

Gehzeit: 8 Minuten von der Max-Planck-Gesellschaft; 1 Minute zur U-Bahn (4, 5)

Warum es sich lohnt innezuhalten: Der Sankt-Anna-Platz ist ein Ort zum Durchschnaufen und mit seinen hübschen Cafés so etwas wie das Herzstück des Lehels. Im 19. Jahrhundert gingen die Katholiken eigentlich in die Klosterkirche Sankt Anna, die gegenüber steht. Doch weil das Lehel immer weiter wuchs, reichte die Kirche irgendwann nicht mehr aus. Der Druckereibesitzer Franz Erlacher stiftete also den Platz für den Bau einer neuen Sankt-Anna-Kirche, die im neoromanischen Stil gestaltet wurde. Wer vor ihr steht, empfindet die Kirche vielleicht als einen zusammengewürfelten Komplex aus einzelnen Türmchen und Räumen. Im Inneren aber wirkt sie erstaunlich harmonisch. Ein berühmter Münchner hat übrigens während seiner Kindheit eine kurze Zeit in unmittelbarer Nähe zur Kirche gelebt: Lion Feuchtwanger. An ihn erinnert eine Gedenktafel am Gebäude Sankt-Anna-Platz 2.