Kraftmeierei: Der Erweiterungsbau der Münchner Kunstakademie von Coop Himmelb(l)au ist missglückt.
Wenn Edmund Stoiber am Mittwoch den Erweiterungsbau der Münchner Kunstakademie eröffnet, dann wird der bayerische Ministerpräsident gewiss nicht versäumen, den Freistaat wieder einmal als "Kulturstaat" zu rühmen. Vermutlich wird er betonen, dass der von den Wiener Architekten Coop Himmelb(l)au entworfene Neubau ein Zeichen für die "offensive Zukunft" der Staatsregierung sei. Und womöglich wird er auch nicht den Hinweis unterlassen, dass er es war, der im Herbst 2001 die jahrelang verzögerte Errichtung des Gebäudes in Schwung gebracht habe - eine Leistung, die ihm die Akademie zuvor dadurch versüßt hatte, Stoiber zum ersten Ehrensenator in ihrer fast zweihundertjährigen Geschichte zu ernennen.
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Nun hat es mit diesem Gebäude an der Ecke von Akademie- und Türkenstraße eine besondere Bewandtnis. Gegenwärtig ist es nämlich in München so umstritten wie kein zweites. Um die konträren Meinungen zu erfahren, braucht man sich nur einmal länger am Ort aufzuhalten. Da rufen einem Anwohner zu, wie aufregend der Neubau sei, "ein toller Kontrast zur üblichen Münchner Mittelmäßigkeit". Andere wiederum schimpfen aus vollem Hals: "Dieses Gebäude ist eine Schande für die Maxvorstadt, das passt neben die alte Akademie wie die Faust aufs Auge."
Bei solchem Pro und Contra werden wichtige Fragen - etwa des Städtebaus - berührt. Gleichwohl sind es Meinungen zur äußeren Erscheinung der Architektur aus Beton, Stahl und Glas. Weitaus entscheidender ist die Frage, was im Inneren stattfindet - ob das Gebäude jenen Zwecken angemessen ist, für die es errichtet wurde, ob die Räume sinnvoll gestaltet und gut zu nutzen sind. Um dies zu klären, lohnt ein Rückblick auf die lange Geschichte des Bauprojekts.
Die Raumnot der Kunstakademie begann schon in den Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg. Seither war das palastartige, von Gottfried Neureuther im Stil der Neurenaissance entworfene und 1886 in Betrieb genommene Gebäude chronisch überbelegt. Einen ersten Entwurf zur Erweiterung legte Mitte der sechziger Jahre der Münchner Architekt Sep Ruf vor, nachdem er selbst Präsident der Akademie gewesen war. Diese Planung mit drei flachen, großzügig verglasten Pavillons im Garten versandete jedoch in den Wirren der 68er-Rebellion an der Akademie. 1992 kam es dann zu dem Architektenwettbewerb, aus dem das jetzige Gebäude hervorgegangen ist. Seine Auslobung enthielt den zentralen Satz, dass sich das neue Gebäude in die "Struktur des Ortes" einfügen müsse.
Mit dem Wettbewerb setzte eine Entwicklung ein, die sich als Unglück herausstellen sollte. Unzufrieden mit den 178 eingereichten Entwürfen, vergab die Jury unter dem Vorsitz des Schweizers Ernst Gisel keinen ersten Preis. Die fünf zweitplatzierten Büros wurden aufgefordert, ihre Vorschläge zu überarbeiten. Darunter befanden sich zwei gegensätzliche Entwürfe: die dekonstruktivistisch zerklüftete Bau-Collage von Coop Himmelb(l)au direkt neben dem Neureuther-Bau - sowie der dezente, vom Altbau weitestmöglich abgerückte Gebäuderiegel des Stuttgarter Architekten Michael Kares. In der zweiten Runde siegte schließlich die Wiener Gruppe, die ihre Formensprache etwas beruhigt und den zuvor nutzlosen, weil offenen Hof an der Türkenstraße in eine überdachte Halle an der Akademiestraße umgeplant hatte.
Der Hingucker
Nach der Entscheidung hieß es in dieser Zeitung, das Votum sei vor allem für Kares ärgerlich: Er habe alle Funktionen in einem zwar etwas biederen, aber für das Stadtbild wie für das historische Ensemble verträglichen langen Baukörper entlang der Türkenstraße untergebracht. Gerade hinsichtlich der Funktionen und ihrer adäquaten Unterbringung aber hatte das Preisgericht versagt. Es waren vom Bauherrn ja keine Prachtsäle gefordert worden, sondern im Wesentlichen Ateliers und Werkstätten. Weil aber die Jury unbedingt einen Hingucker auszeichnen wollte (insofern ist das Gebäude von Coop ein Fall bildhafter Inszenierung wie die Hundertwasser-Häuser, wenn auch am anderen Ende der Skala), tritt nun der Neubau zur Akademiestraße hin wie ein modisches Konzerthaus auf, während die Funktionen nur mühsam in die Baukörper gequetscht werden konnten.
Für Wolf Prix von Coop Himmelb(l)au liegt das Problem woanders. Er kritisiert, dass sein Projekt so spät realisiert worden sei, denn für ihn sei es nicht mehr richtig aktuell. Im Grunde ist es erstaunlich, dass ein Architekt seinem Gebäude eine ästhetische Verfallszeit von nur zehn Jahren zubilligt. Bei Coop ist es aber nicht verwunderlich, da sich die Wiener bekanntlich von einem "Icon" zum nächsten hangeln. Nun mussten sich bei der technischen Umsetzung der "Bauskulptur" auch weniger die Architekten engagieren, sondern die Fachingenieure, vor allem der Tragwerksplaner Alexander Brachmann. Wie intensiv die Auseinandersetzungen zwischen Prix und dem Statiker waren, um den Entwurf baufähig zu machen, kann man dem nächsten Heft der Zeitschrift Baumeister entnehmen, wo ein mit Skizzen übersätes Papiertischtuch aus dem Münchner Ristorante "Katzelmacher" abgebildet ist.
Brachmann offenbart sich im Gespräch als "glühender Verfechter" des Projekts. Über die Nutzräume schweigt er sich aus, nicht aber über die Schwierigkeiten bei den Tragwerken, die sein Büro überwunden habe: "Unsere Aufgabe war es, die Vision der Künstler-Architekten möglich zu machen." Brachmann, der für den Mut von Ingenieuren plädiert, kann mit einigen Statik-Kunststücken aufwarten. So sind etwa die weit auskragenden Baukörper (wie der Gebäudekopf neben dem Altbau) durch spezielle diagonale Stahlzugglieder rückverankert. Eine Herausforderung war auch die Tragsicherung der Verbindungsbrücken in der Halle. Kein Zweifel: Wenn es denn Helden in diesem Architektur-Stück gibt, dann sind es die Statiker. Doch wozu der ganze Aufwand?
Die gestalterische Kraftmeierei überfällt den Besucher schon am Eingang. Hier ragt ein 16 Meter hohes "Glasschild" auf, dessen Scheiben an mannsdicken Rohren aufgehängt sind - eine ebenso teure wie sinnlose Geste, weil die ursprünglich geplante Öko-Fassade aufgegeben wurde. Dieser Gewaltakt setzt sich in der Halle fort, wo einen nicht die versprochenen "Mikado-Stäbchen" empfangen, sondern scheinbar wirre Bündel von riesigen Stützen, die sich den trogartigen, mit Blech verkleideten Innenbrücken entgegen stemmen. Diese exaltierte "Installation" mit fragwürdigem Gebrauchswert wird von einem ebenfalls verkomplizierten Glasdach überdeckt.
Ja, wo sind wir denn?
Nikolaus Gerhart, der Rektor der Akademie, verteidigt beim langen Rundgang sein neues Haus ganz tapfer. Gerade eine Akademie könne sich "eine etwas andere Architektur" leisten. Doch mehrfach verirrt sich die kleine Gruppe im Labyrinth der Rampen, Aufgänge und Flure. Selbst die zu Hilfe genommenen Grundrisse klären nicht immer darüber auf, wo man sich gerade befindet. Hinzu kommt, dass der Brandschutz wegen der unlogischen Erschließung eine große Zahl von Glastüren verlangt hat, die alle paar Meter den Schritt hemmen.
Während Cafeteria und Aula im Erdgeschoss wohlproportionierte Räume darstellen, sind vor allem etliche Ateliers und Werkstätten eine einzige Enttäuschung: schlechte Zuschnitte, zufällige Belichtung, schlampige Anschlüsse und Details. Wie miserabel das Raumprogramm verwirklicht wurde, zeigen auch die zahlreichen Restflächen. Den Gipfel bilden zwei fensterlose Räume, die nur türbreit, aber mehrere Meter lang sind. Eine "Funktionsplastik" wollten Coop Himmelb(l)au schaffen. Entstanden ist aber ein unübersichtliches, mit Entwurfsfehlern behaftetes Gehäuse. Es gewährt auch keine wirkliche Freiheit zur Aneignung, weil die Architekten alles vorbestimmt haben. Auch deshalb, nicht nur funktional und ökologisch, ist der angeblich zukunftsweisende Neubau ein Gebäude von gestern.
(SZ vom 25.10.2005)
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