Architekturausstellung So könnten wir künftig zusammen leben

Wie wir künftig zusammen leben

Je mehr sich das System Familie auflöst, desto wichtiger werden neuen Wohnprojekte. Eine Ausstellung zeigt Beispiele. mehr...

Eine Ausstellung zeigt, wie gemeinschaftliche Wohnprojekte funktionieren - und was sie ihren Bewohnern abverlangen.

Von Laura Weissmüller

Endlose Diskussionen über die Nutzung der Gemeinschaftsflächen, noch bevor der erste Spatenstich getan ist. Oder die Frage, ob man seine Wohnung auch wieder verkaufen darf, wenn es denn sein muss. Vor allem aber: viele Menschen, die man kennt und mit denen man lange Zeit Tür an Tür wohnen wird.

Für nicht wenige klingt das, was gemeinschaftliche Wohnprojekte umschreibt, eher wie der Albtraum von den eigenen vier Wänden als nach einem Sehnsuchtsort. Gemeint sind Häuser, die von den zukünftigen Bewohnern gemeinsam entwickelt und eben nicht schlüsselfertig von einem Bauträger geliefert werden. Nebenbei verzichten diese Menschen auch darauf, dass ihr Eigentum einmal satte Gewinne abwerfen wird.

Dennoch gewinnen solche Projekte immer mehr Fans. Weil in den Städten immer unbarmherziger die Mieten steigen. Weil viele die immer gleichen Wohntypen mit dem ewig selben Grundriss von der Stange leid sind. Aber auch, weil einige damit die Hoffnung verbinden, dass das Wohnen in der Gemeinschaft eine Lücke schließt, die die Moderne hat entstehen lassen: "Je mehr sich das System Familie auflöst, desto wichtiger werden solche neuen Wohnprojekte," sagt Hilde Strobl.

52 Meter Grün

Architekten wollen an den Wänden eines 16-stöckigen Turms im Arabellapark Pflanzen emporwachsen lassen. Aber nicht nur, weil es gut aussieht. Von Alfred Dürr mehr ...

Strobl hat die Ausstellung "Keine Angst vor Partizipation!" im Münchner Architekturmuseum kuratiert. Bevor sie die zwölf unterschiedlichen Beispiele aus Deutschland, Österreich, der Schweiz und Dänemark zusammengetragen hat, besaß sie eine feste Vorstellung davon, was Menschen auszeichnet, die sich jahrelang die Köpfe heißreden, ohne überhaupt zu wissen, ob die Gebäude jemals stehen werden, über die sie so leidenschaftlich streiten.

Dass Strobls Klischee nicht mehr stimmt, sondern dass die Bewegung längst sämtliche Bevölkerungsschichten und Altersgruppen erfasst hat, zeigt ihre Ausstellung. Vor allem die Filme von HyggeTV (eine Kooperation von Jörg Koopmann und Lene Harbo Pedersen), die den Alltag in den Häusern einfangen: das Üben der Singgruppe von "Frauen-Wohnen", einer Münchner Genossenschaft, in der nur Frauen Mitglieder werden dürfen. Das Spielen der Kinder im Innenhof der "Kalkbreite", einem Projekt in Zürich, wo aus einem ehemaligen Tramdepot ein Gebäude für Wohnen, Arbeiten und Freizeit entstanden ist. Und immer wieder: die Begegnungen der Menschen in ihren Häusern, in den Fluren, Laubengängen und Innenhöfen.

Eingänge und Treppenhäuser müssen kein toter Raum sein

Die fast schon poetischen Filme machen klar, wer hier im Fokus steht. Es sind die Bewohner, nicht die Architekten. Was in einer Ausstellung über Häuser, in einem Museum für Architektur dann doch eher ungewöhnlich ist. Es geht hier ganz offensichtlich nicht um den genialen Entwurf eines einzelnen Baumeisters, die grünste Fassade oder das ausgeklügelte Materialkonzept. Es geht hier, ganz im Sinne von Jan Gehl, dem dänischen Fußgängerpapst, um die Begegnung der Menschen zwischen den Gebäuden, beziehungsweise zwischen ihren privaten Wohnungen.

Es ist kein Gesetz, dass Eingänge und Treppenhäuser toter Raum sein müssen, in denen jeder die Hoffnung hat, möglichst niemandem zu begegnen. Und es ist auch nicht die Aufgabe von Gebäuden, möglichst viel Raum, der eigentlich der Öffentlichkeit zusteht, der Bordstein, der Innenhof, die Abstandsfläche zwischen den Gebäuden, exklusiv den eigenen Bewohnern zuzuschlagen. Im Gegenteil.