Anti-Islam-Kampagne in München "Versuch einer Pervertierung"

Seit Monaten lässt Stürzenberger keine Gelegenheit aus, mit Bezug zur "neuen Weißen Rose" den Islam mit dem Nationalsozialismus gleichzusetzen: Beides seien totalitäre Ideologien. Und wie die Weiße Rose damals gegen das NS-Regime gekämpft habe, so kämpfte er gegen den Islam. Auch als Stürzenberger kürzlich vor Gericht stand, weil er für eine Kundgebung ein Plakat des Holocaust-Organisators Heinrich Himmler verwendet hatte, stellte er sich zu Beginn als Vertreter der "wiedergegründeten" Weißen Rose dar. Dabei präsentierte er Richter und Publikum ein großes Foto, das ihn mit Susanne Zeller-Hirzel zeigt.

"Versuch einer Pervertierung"

Sie und auch ihr Bruder Hans gehörten tatsächlich der Weißen Rose an. Das Geschwisterpaar näherte sich im Alter politisch den Republikanern an: Hans Hirzel kandidierte 1994 für die Rechtsaußen-Partei für das Amt des Bundespräsidenten, seine Schwester ließ sich 2009 für die Republikaner bei der Kommunalwahl in Stuttgart aufstellen.

"Mit großem Entsetzen" registriere man die Aktivitäten der Islamhasser, sagt Hildegard Kronawitter. Die Frau des früheren Oberbürgermeisters steht der Weiße Rose Stiftung vor, die etwa mit Ausstellungen das Andenken an die Widerstandsgruppe wachhalten will. Dass Anti-Islam-Agitatoren den Namen von Widerstandskämpfern aus der NS-Zeit verwenden, sei "der Versuch einer Pervertierung". Ähnlich sieht das Michael Kaufmann, Historiker und geschäftsführender Vorstand des Weisse-Rose-Instituts, das den Aufbau eines Archivs anstrebt. Der Name der Gruppe um die Geschwister Scholl stehe für eine bestimmte Werteordnung, die durch die Islamfeinde "auf den Kopf gestellt werde", sagt Kaufmann. Er lasse nun juristisch prüfen, ob man Stürzenberger die Verwendung des Begriffs verbieten lassen könne. Das Institut besitzt die Namensrechte an der "Weißen Rose".

Während sich die Ludwig-Maximilans-Universität, in deren Lichthof die Geschwister Scholl festgenommen wurden, nicht zu den islamfeindlichen Aktivitäten äußert, sind Angehörige der damals Hingerichteten empört. Sebastian Probst, Enkel des Widerstandskämpfers, betont, dass sich die Weiße Rose für eine tolerante Gesellschaft eingesetzt habe, gegen die Ausgrenzung bestimmter Gruppen. So sieht es auch Markus Schmorell, Neffe von Alexander Schmorell: "Das ist nicht im Sinne der Weißen Rose." Er bekennt, dass er sich in einem "Zwiespalt" befinde: Je mehr man sich auf die Islamhasser einlasse, desto mehr Aufmerksamkeit schenke man ihnen. So sehr er eine juristische Klärung der Namensrechte begrüße, die politische Auseinandersetzung mit Islamfeindschaft dürfe nicht fehlen: "Ich halte beides für wichtig."