Silvia Seidel ist gestorben Einsamer Tod im Glockenbachviertel

Der Tod der Münchner Schauspielerin Silvia Seidel, die sich als "Anna" vor 25 Jahren in die Herzen eines Fernseh-Millionenpublikums tanzte, ruft unter ihren Kollegen und Weggefährten Fassungslosigkeit hervor. Erst vor kurzem hatte Schauspieler Patrick Bach seine einstige Drehpartnerin bei einem Casting getroffen.

Nach dem Tod der Schauspielerin Silvia Seidel zeigen sich Fans und Weggefährten des einstigen Teenager-Stars geschockt. "Mich trifft das genauso unvorbereitet wie wohl die meisten anderen", sagte der 44-jährige Schauspieler Patrick Bach der Nachrichtenagentur dpa. "Wir sind in einem Alter, wo man eigentlich noch reichlich vor sich haben kann."

Reduziert auf eine Rolle

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Bach spielte in der ZDF-Serie "Anna", in der Seidel 1987 Millionen Fernsehzuschauer begeisterte, an der Seite der Schauspielerin. Seine Rolle war die des Jungen Rainer, der in die von Seidel verkörperte Ballett-Tänzerin verliebt ist. Lange habe er Silvia Seidel nicht gesehen, so Bach. "Aber vor wenigen Wochen hatten wir ein gemeinsames Casting. Und wir hatten Spaß zusammen."

Die ZAV-Künstlervermittlung hatte am Montag in München einen entsprechenden Bericht der Tageszeitung tz bestätigt, demzufolge Silvia Seidel tot in ihrer Münchener Wohnung aufgefunden worden war . Wie Seidel ums Leben kam, war zunächst nicht offiziell zu erfahren. "Wir haben keine Anhaltspunkte für ein Fremdverschulden", sagte ein Sprecher der Staatsanwaltschaft München I.

"Ich dachte: Vielleicht lernt sie wieder für eine Rolle."

Für die Münchner Gastwirtin Maria Mukalovic kam der Tod ihrer Freundin und Stammbesucherin ebenfalls völlig überraschend. Tagelang hatte sie das Licht in Seidels Wohnung brennen sehen, sich aber keine Gedanken gemacht. "Ich dachte: Vielleicht lernt sie wieder für eine Rolle", sagte sie der Zeitung.

Silvia Seidel wurde als Ballerina Anna in der gleichnamigen ZDF-Serie "Anna" vor 25 Jahren zum Idol einer ganzen Mädchengeneration. An der Seite von Patrick Bach spielte Seidel eine talentierte Ballettschülerin, die eine Wirbelverletzung erleidet, sich aber durch harte Arbeit trotzdem eine Karriere als Tänzerin erkämpft.

Seidel war fortan ein Star - viele Mädchen ließen sich damals von der Ballettbegeisterung anstecken und stürmten die Tanzschulen. Die Serie wurde sogar fürs Kino verfilmt. Als Lohn gab es unter anderem einen Bambi und die Goldene Kamera.

Trotz des Erfolges versuchte die gebürtige Münchnerin, sich von dem "Anna"-Image zu lösen. "Ich weiß genau, was ich will, und nichts anderes werde ich tun: Rollen spielen, die mir gefallen und hoffen, dass ich in diesen Rollen den Leuten gefalle", gab sie sich als 20-Jährige selbstbewusst.

Doch das mit dem Selbstbewusstsein erwies sich als schwierig, große Rollen blieben aus. So wie viele andere Kinderstars konnte sie nicht mehr an ihre ersten Erfolge anknüpfen. Sie spielte in diversen Filmen und trat im Theater auf. 1992 dann ein Schicksalsschlag: Ihre Mutter nahm sich das Leben. "Sie litt unter einer Krankheit, die schlimmer als Aids und Krebs zusammen ist: unter Depressionen", erklärte Seidel ein Jahr nach dem Suizid.

Absturz eines Jugendidols

Für das einstige Jugendidol folgten schwierige Jahre. Auch finanziell hatte die Schauspielerin zu kämpfen. Die Illustrierte Freizeit Revue schrieb im März 2011 gar von einem "bitteren Absturz". "Ich bin oft arbeitslos und weiß dann nicht, wovon ich die Miete zahlen soll", hatte Seidel dem Blatt anvertraut. "Ich bin schon froh, wenn ich als freier Schauspieler überhaupt Arbeit bekomme. Es ist schwer, davon zu leben."

In den vergangenen Jahren spielte Seidel in diversen Fernsehserien mit, etwa in "Weißblaue Geschichten", "Forsthaus Falkenau" oder "Die Rosenheim Cops". Im Herbst hätte sie zudem eine Theatertournee begonnen. "Zumindest beruflich wäre es weitergegangen", sagte ihre Agentin.

Die Wirtin ihrer Stammkneipe im Münchner Glockenbachviertel hatte dem tz-Bericht zufolge die Polizei alarmiert, als die 42-Jährige mehrere Tage lang dort nicht aufgetaucht war. Die Beamten fanden sie demnach tot in ihrer Küche, wo auch ein Abschiedsbrief gelegen haben soll.

Anmerkung der Redaktion: Wir haben uns entschieden, in der Regel nicht über Selbsttötungen zu berichten, außer sie erfahren durch die Umstände besondere Aufmerksamkeit. Die Berichterstattung im Fall Seidel gestalten wir deshalb bewusst zurückhaltend, wir verzichten weitgehend auf Details. Der Grund für unsere Zurückhaltung ist die hohe Nachahmerquote nach jeder Berichterstattung über Suizide. Wenn Sie sich selbst betroffen fühlen, kontaktieren Sie bitte umgehend die Telefonseelsorge. Unter der kostenlosen Hotline 0800-1110111 oder 0800-1110222 erhalten Sie Hilfe von Beratern, die schon in vielen Fällen Auswege aus schwierigen Situationen aufzeigen konnten.