Amazon Prime Now So schnell liefert Amazon seit heute in München

Tüte statt Schachtel: Amazon gibt sich beim neuen "Prime Now"-Service grün.

(Foto: dpa)

Die SZ hat den Test gemacht: Die Lieferung mit "Prime Now" erfolgt tatsächlich innerhalb einer Stunde - wenn auch nicht ganz so, wie erwartet.

Von Christian Krügel

Es ist ein groß angelegter Angriff auf den Münchner Einzelhandel, und die kleinen schwarz-blau lackierten Autos, die seit Mittwochmorgen durch die Stadt fahren, zeigen, wie sehr Amazon dafür aufgerüstet hat: Der Logistik-Konzern bietet seit diesem Mittwoch seinen Kurierbestelldienst "Prime now" nach Berlin nun auch in München an: Innerhalb einer Stunde, so das Versprechen, bekommt der Amazon-Kunde seine bestellten Produkte direkt nach Hause geliefert - vorausgesetzt, er bestellt Ware mindestens im Wert von 20 Euro und ist bereit, 6,99 Euro Aufpreis zu bezahlen. Alternativ kann er einen Zeitraum von zwei Stunden angeben, in dem er die Ware geliefert bekommen möchte - gratis. Rund 15 000 Produkte sollen zur Verfügung stehen, darunter auch frische Lebensmittel und regionale Produkte, von den Semmeln eines Münchner Großbäckers bis hin zum Joghurt aus den Alpen.

Seine zentrale Verteilstation, quasi die Versorgungsbasis für den Angriff, hat Amazon in der Hopfenpost an der Arnulfstraße aufgeschlagen, wo 2200 Quadratmeter Lagerfläche und Großkühlschränke zur Verfügung stehen. Geliefert werden soll mit den schwarz-blauen Flitzern, aber auch mit E-Cargo-Rädern. Und statt in Paketen werden die Waren in Papiertüten gebracht, leicht entsorg- und recycelbar - Amazon gibt sich grün.

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Das Marketing hat der Logistik-Riese an diesem Mittwochmorgen zweifellos perfekt hinbekommen - aber funktioniert das Angebot auch? Ein Test am Vormittag zeigt: Ja, das Versprechen wird eingehalten. In 34 Minuten stellt Amazon die bestellte Ware zu, 26 Minuten schneller als garantiert. Eine Enttäuschung gibt es aber trotzdem - dazu später.

Der Test beginnt im App-Store oder bei Google Play: Auch wer schon die klassische Amazon-App nutzt muss sich ein Zusatzprogramm für "Prime now" auf Handy oder Smartphone laden, die Bestellung funktioniert nicht über PC oder Laptop. Der Kunde wird zunächst nach seiner Postleitzahl gefragt, im Fall der SZ-Redaktion an der Hultschiner Straße kommt die Nachricht: "Wir beliefern das Postleitzahlengebiet 81677!". Für die Heimatadresse des Testers in einer Umlandgemeinde meldet Amazon, dass dort immerhin der Zwei-Stunden-Service angeboten wird.

Danach läuft alles wie bei einer normalen Bestellung, allein das Warenangebot ist beschränkter. Der Testkauf: Ein hochwertiger Kopfhörer und ein neuer USB-Stick. Beides sollte eigentlich abends im nahe Elektrogroßmarkt gekauft werden, bei dem netten Verkäufer, mit dem man leicht eine halbe Stunde über On-Ear-, Over-Ear- und USB-Kopfhörer ratschen kann. Aber heute Abend gibt es Biergartenwetter und jetzt große Neugierde auf Prime now. Also los: Die Kopfhörer-Auswahl ist überschaubar, aber in Ordnung, der Preis auch. Das gilt auch für den sehr hochwertigen USB-Stick mit 32 Gigabyte. Der Mindestbestellwert von 20 Euro wird leicht überschritten, also lotst einen "Prime now" zu den entscheidenden Seiten: Wann soll die Ware zugestellt werden? Sofort! Wohin? An die Büroadresse, in einem eigenen Feld kann man eintragen, dass der Pförtner die Ware entgegennimmt. Bezahlt wird wie bei Amazon üblich.

Um 9.49 Uhr wird die Bestellung per Handy aufgegeben. Um 9.51 Uhr kommt die Bestätigung per SMS, inklusive Link zum Münchner Stadtplan. Dort blinkt jetzt ein violetter Punkt nahe der Hopfenpost und eine verheißungsvolle Botschaft: "Anja ist auf dem Weg zu Ihnen!" Sofort ist der nette Fachverkäufer aus dem Elektrogroßmarkt vergessen, denn Anja ist bestimmt eine ganz besonders charmante Amazon-Dame im "Prime now"-blauen Kostüm. Und sie ist schnell: Ihr violetter Punkt nähert sich schon nach 15 Minuten flott Steinhausen. Um 10.23 Uhr, exakt 34 Minuten nach der Bestellung biegt Anja auf den Vorplatz vor das Verlagshochhaus.

Allerdings: Statt dem schwarzen Flitzer oder dem E-Bike kommt ein durchschnittlicher Kleinwagen eines Billigverleihers. Und statt Anja entsteigen zwei mittelalte Herren mit Glatze und Neigung zum Bauchansatz. Wo ist Anja? "Die hatte die Schicht davor, und ich hab mich noch nicht als ich eingeloggt", sagt der Cheffahrer, der seinen Kompagnon offenbar gerade einlernt. Immerhin: Sie drücken dem Kunden die versprochene Papiertüte nebst korrekter Ware in die Hand. Der Kunde staunt und ist begeistert, vergisst erst mal ganz schnell alle sozialen und ökologischen Bedenken. Dann macht er sich doch große Sorgen um seinen kompetenten Kopfhörer-Verkäufer. Denn er ahnt: Amazons Angriff auf den Münchner Einzelhandel könnte gelingen - erst recht, wenn Anja kommt.

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