Altstadt/Lehel Rechts - hoch - runter - links

Nicht leicht: Schulleiterin Myriam Lösch im Training mit Stephan Ehlers.

(Foto: Robert Haas)

An der Sankt-Anna-Grundschule im Lehel lernen Schüler und Lehrer die Kunst der Jonglage. Der artistische Umgang mit zwei und mehr Bällen soll das Gedächtnis fördern und die Gehirnleistung dauerhaft verbessern

Von Ann-Kristin Schmittgall, Altstadt/Lehel

Mehr als 1000 Bälle werden in den nächsten Wochen durch das Schulhaus und die Turnhalle der Sankt-Anna-Grundschule im Lehel fliegen, 320 Schüler werden während ihrer Pausen und Nachmittagsprogramme die Jonglage üben. "Bis Weihnachten sollen es dann alle Erst- und Zweitklässler mit zwei und alle Dritt- und Viertklässler mit drei Bällen können", erklärt Schulleiterin Myriam Lösch.

Zunächst müssen die Lehrer ran, denn sie sollen den Kindern das rhythmische Werfen und Fangen beibringen - und müssen es deshalb zunächst einmal selbst lernen. Die Mitglieder des Kollegiums trainieren mit den Leitern der Jonglierschule München, Stephan und Gabriele Ehlers, die das Schulprojekt fachlich begleiten. Eine der wichtigsten Regeln der Jonglage bringt Stephan Ehlers den Sankt-Anna-Lehrern gleich zu Beginn ihrer ersten Übungsstunde bei: "Die Bälle nicht mit den Augen verfolgen, aber immer auf Augenhöhe werfen."

Trainer Stephan Ehlers, der auch auf der Bühne des GOP-Variete-Theaters an der Maximilianstraße auftritt, lehrt das Jonglieren mit einer Methode, die er selbst entwickelt hat. "Rehoruli" heißt sie und ist auf Einsteiger ausgerichtet. Mit seinem Lern-System hat es Ehlers geschafft, 119 Anfängern in nur zehn Minuten das Jonglieren beizubringen. Die Aktion auf dem Königsplatz während des diesjährigen Sportfestivals war ein Weltrekord - wenn auch inoffiziell.

Die Sankt-Anna-Schüler haben da etwas mehr Zeit: Bevor sie mit Werfen und Fangen beginnen können, steht im Werkunterricht zunächst das Basteln der Jonglier-Bälle an. "Mit selbst gebastelten Bällen ist der Anreiz, Jonglieren zu lernen, gleich viel größer", sagt Myriam Lösch. Wie man die Wurfwerkzeuge herstellt, können sich die Lehrer ebenfalls von den Profis abschauen: Zum Auftakt des Projekts hatte ihnen Gabriele Ehlers gezeigt, wie sich Luftballons, Leinsamen und Tesafilm zu bunten Bällen formen lassen.

Die Lehrer für Jonglage wollen mit dem Projekt nicht nur die Freude an ihrer Passion weitergeben: Sie wollten auch dem "Hauptfach Sitzen" in der Schule entgegenwirken und über die persönlichkeitsbildenden Aspekte der Jonglage aufklären, sagt Stephan Ehlers. Der Motivationstrainer beschäftigt sich seit vielen Jahren mit der Funktionsweise des Gehirns und ist unter anderem Mitglied der Akademie für neurowissenschaftliches Bildungsmanagement (AFNB). Jonglieren ist seiner Meinung nach ein Wundermittel, um in der Schule oder im Berufsleben erfolgreich zu sein: "Beide Gehirnhälften werden gleichzeitig gleichermaßen beansprucht." Diesen Effekt lösen andere Aktivitäten nur schwer aus: "Beim Jonglieren muss man handeln, denken und fühlen gleichzeitig. Deshalb fördert es beide Gehirnhälften so enorm." Für dieses Phänomen steht auch "Rehoruli", der Name von Ehlers Jonglier-Methode:

"Zunächst kann niemand etwas mit dem Wort anfangen, da nur das Sprachzentrum aktiviert ist. Sobald man dem Gehirn ein Bild dazu liefert - also auch die zweite Gehirnhälfte bedient - besteht die Chance, zu erkennen, was gemeint ist", erklärt Ehlers. Dabei wirft er einen Ball mit der rechten Hand hoch und lässt ihn in seine linke fallen. Rechts - hoch - runter - links. Kurz gesagt: Rehoruli.

Die Bewegungen steigerten die Sauerstoff-Zufuhr, der Körper stoße das Glückshormon Dopamin aus, erklärt Ehlers weiter. Der Effekt: Das Gehirn arbeitet leistungsfähiger, durch die aktivierten Nervenverbindungen werde die Gehirnleistung verbessert: "Deshalb ist Jonglieren auch ein Mittel, um im Alter Demenz vorzubeugen." Sein Wissen zieht der Jongleur aus unterschiedlichen Fachstudien, die einen Zusammenhang von Bewegung und leichterem Lernen nachweisen.

Auch die Sankt-Anna-Grundschüler soll das Werfen und Fangen der Bälle nun in ihrem Schulalltag unterstützen. In erster Linie gehe es nicht um die handwerkliche Perfektion, erklärt Ehlers. Vielmehr sollen die Kinder das Jonglieren für sich als Methode entdecken. Als Methode, um die Konzentration zwischen zwei Unterrichtsstunden wieder zu steigern oder die Aufnahmefähigkeit während des Vokabellernens. Diese Botschaft wollen die Jongleure während einer Show vermitteln, die in vier Wochen, am 15. November, in der Schulturnhalle als Höhepunkt des Jonglier-Projekts auf dem Programm steht.